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29.10.2003 | Von:
Silke Reuter

Frankreich: Die vollzeitberufstätige Mutter als Auslaufmodell

In Frankreich ist die in den 80er Jahren einsetzende Homogenisierung des weiblichen und männlichen Erwerbsverhaltens wieder rückläufig. Verantwortlich dafür sind Reformen der Kinderbetreuungs- und der Arbeitszeitpolitik.

Einleitung

Frankreich steht traditionell für eine hohe Erwerbsbeteiligung von Müttern und eine Familienpolitik, welche die vollzeitige und kontinuierliche Erwerbsintegration von Frauen zum einen durch eine neutrale Haltung gegenüber der Erwerbstätigkeit von Müttern und zum anderen durch ein ausgebautes öffentliches Kinderbetreuungsnetz fördert. Aufgrund seiner republikanischen Tradition greift der französische Staat sowohl auf dem Arbeitsmarkt als auch in die Familie bzw. in die Erziehung von Kindern aktiv ein. Gegenwärtig lassen sich jedoch neue Formen der Regulierung von Erwerbsarbeit und eine Verflechtung von Familien- und Arbeitsmarktpolitik beobachten. In diesem Beitrag gehe ich der Frage nach, welche Bedeutung die Reformen der Kinderbetreuungspolitik und der Arbeitszeitpolitik vor dem Hintergrund der Dynamik im Dienstleistungssektor für die Erwerbsintegration von Frauen haben.




Die Politik der Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt und neue Tendenzen in der Familienpolitik gehen mit einem Wandel des institutionalisierten Rahmens - zwei vollwertige Erwerbseinkommen sowie staatliche Verantwortung für Erziehung und Bildung - einher. Zwei Tendenzen lassen sich beobachten: Zum einen zeichnet sich eine Abkehr vom Vollzeitmodell und von der kontinuierlichen Arbeitsmarktintegration von Frauen ab, die Betreuung von Kleinkindern wird wieder in stärkerem Maße von den Müttern übernommen. Zum anderen führt die Verlagerung von der öffentlichen institutionellen hin zur marktförmigen Kinderbetreuung dazu, dass an Stelle der relativ stabilen Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst eher kostengünstigere prekäre Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor gefördert werden. Zunehmende soziale Desintegration und Ungleichheit sind die Folge, nicht nur zwischen Männern und Frauen, sondern auch unter Frauen.

Im Folgenden werde ich zunächst die Arbeitsmarktsituation von Frauen in Frankreich darstellen. Da Veränderungen bei der Integration von Frauen ins Erwerbsleben als Ergebnis des Zusammenspiels der Dynamik des Dienstleistungssektors und der familien- und arbeitszeitpolitischen Reformen zu sehen sind, werde ich zunächst die Ausgangslage, dann die Veränderungen in den achtziger/neunziger Jahren und schließlich ihre Bedeutung für die Erwerbsintegration von Frauen untersuchen. Abschließend werde ich die Ergebnisse der Entwicklung zusammenfassen.