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29.10.2003 | Von:
Silke Reuter

Frankreich: Die vollzeitberufstätige Mutter als Auslaufmodell

Dynamik im Dienstleistungssektor - Chance und Risiko für Frauen

Zwei Tendenzen gelten als charakteristisch für die Entwicklung der Beschäftigungsstruktur in Frankreich seit Ende der fünfziger Jahre: die Tertiarisierung und die Zunahme lohnabhängiger Beschäftigung.[4] Während die Zahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft und in der Industrie zurückging, stieg sie im Tertiärbereich[5] - vor allem bei den marktfähigen Dienstleistungen (services marchands) - beträchtlich an. Seit Anfang der sechziger Jahre hat sich hier die Produktivität verfünffacht und die Beschäftigung verdoppelt.

Im März 2001 waren 71,6 Prozent der Beschäftigten in Frankreich im Tertiärbereich tätig. Die zwölf Berufe mit dem höchsten Frauenanteil befinden sich ausschließlich im Dienstleistungssektor. Hiervon gehören acht der Kategorie der einfachen Angestellten (employées) an. Auch die qualifizierte weibliche Erwerbstätigkeit konzentriert sich auf wenige Bereiche. Ein Drittel der weiblichen cadres[6] übt den Beruf der Professorin, der Lehrerin oder der Wissenschaftlerin aus, und mehr als die Hälfte der mittleren weiblichen Angestellten ist als Grundschullehrerin, Krankenschwester oder Sozialarbeiterin tätig (17,9 Prozent der Männer). Frauen arbeiten im Besonderen im Dienstleistungsbereich immer häufiger auf gering qualifizierten Stellen: Reinigungs- und Servicepersonal, Verkaufs- oder personenbezogenes Dienstleistungspersonal.[7]

Innerhalb dieser Kategorien von Dienstleistungsberufen bestehen große Unterschiede zwischen Frauen. Weibliche Beschäftigung siedelt sich hier zwischen zwei Polen an: Auf der einen Seite befinden sich Frauen in zumeist prekären und schlecht bezahlten Dienstleistungstätigkeiten; die zu verrichtenden Aufgaben ähneln denjenigen von Frauen im privaten Haushalt (Concierge, Reinigungskraft, Haushaltshilfe, Tagesmutter). Auf der anderen Seite stehen die gut abgesicherten cadres moyens (mittlere Verwaltungsangestellte, Buchhalterin, Bank- und Versicherungsangestellte, Sekretärin).[8]

Der expansive Dienstleistungsbereich ist nicht frei von Prekarisierungstendenzen. Eine nur lose Kopplung zwischen Ausbildung und Beschäftigung, die sich hauptsächlich in einem unterqualifizierten Einsatz der Arbeitskräfte auswirkt, ist ein weiteres Kennzeichen dieses Sektors. So entsteht eine Kluft zwischen verschiedenen sozialen Gruppen von Frauen - Ungleichheiten verschärfen sich. Die schwache Diversifikation der weiblichen Beschäftigung, die mit der Entwicklung der Dienstleistung verbunden ist, hat häufig negative Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen von Frauen. Das gilt sowohl in Bezug auf die Qualifikation, die Bezahlung und die Vertragsformen (Teilzeitarbeit oder zeitlich befristete Verträge) als auch auf die gesellschaftliche Wertschätzung der Berufe.[9]

In Bezug auf die Erwerbsintegration von Frauen sind zwei parallel verlaufende Tendenzen zu beobachten: Die Zunahme von Frauen in der Position des cadre ist unbestreitbar, aber ihre Chancen, diese Position zu erlangen, sind eindeutig geringer als die der Männer. Es gibt zugleich mehr qualifizierte Frauen, die Zugang zu traditionell männlichen Funktionen und Berufen erhalten, und mehr Frauen, die Stellen für Gering- oder Unqualifizierte besetzen, und dies zum größten Teil in stark feminisierten Sektoren. Ein Teil der Frauen ist auf dem Arbeitsmarkt entsprechend ihrer erfolgreichen Ausbildung vertreten. Die Mehrzahl befindet sich jedoch in der exekutiven Erwerbsarbeit, die zugleich anfällig für Schwankungen im Arbeitskräftebedarf ist. Die Parallelität dieser beiden Entwicklungen führt zu einer doppelten Polarisierung: zwischen Männern und Frauen sowie innerhalb der Gruppe der Frauen.[10]


Fußnoten

4.
Vgl. M. Maruani (Anm. 1).
5.
Handel, Transport, Banken und Versicherungen, Immobilien, unternehmens- und personenbezogene Dienstleistungen, Verwaltung sowie Erziehung, Gesundheit und Soziales.
6.
Cadre entspricht am ehesten dem Begriff des leitenden Angestellten mit einem speziellen (meist akademischen) Ausbildungsniveau: 'leitende' und mittlere Manager in der Wirtschaft, leitendes und mittleres Verwaltungspersonal im öffentlichen Dienst, Ingenieure, Experten und Techniker.
7.
Vgl. Philippe Alonzo, Femmes et salariat. L'inégalité dans l'indifférence, Paris-Monréal (Québec) 2000.
8.
Vgl. Annie Gauvin, Emploi des femmes, tertiarisation de l'emploi et de la société, in: Ephesia (Hrsg.), La place des femmes. Les enjeux de l'identité et de l'égalité au regard des sciences sociales, Paris 1995, S. 562 - 568.
9.
Vgl. ebd.
10.
Vgl. M. Maruani (Anm. 1).