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29.10.2003 | Von:
Silke Reuter

Frankreich: Die vollzeitberufstätige Mutter als Auslaufmodell

Teilzeitderegulierung zur Schaffung von Arbeitsplätzen

Teilzeitarbeit hat viele Ausprägungen: Sie ist mehr oder weniger reguliert, mehr oder weniger flexibel, mal wird sie gewählt, mal ertragen.[11] Dabei ist sie immer durch eine starke Feminisierung gekennzeichnet. Im Unterschied zu den europäischen Nachbarländern handelt es sich dabei in Frankreich um ein eher neues Phänomen. Hier kam es relativ spät - Anfang der siebziger Jahre - zu einer ersten gesetzlichen Regelung der Teilzeitbeschäftigung. Teilzeitarbeit nahm erst im Verlauf der achtziger Jahre unter dem Eindruck der Beschäftigungskrise und durch die Wirkung starker politischer Anreize zu.

Das Gesetz vom 19. Juni 1970 sah die Möglichkeit zur Halbtagsarbeit im öffentlichen Dienst unter festgelegten Bedingungen (Betreuungspflichten für Kleinkinder, schlechter Gesundheitszustand oder baldiger Renteneintritt) vor. Die Resonanz war gering. Das Gesetz vom 27. Dezember 1973 regelte Teilzeitarbeit im Privatsektor, aber auch hier noch in geringem Umfang: Einstellungen konnten ausschließlich in Vollzeitbeschäftigung erfolgen, geregelt wurde nur der Übergang von Vollzeit- zu Teilzeitbeschäftigung der bereits im Unternehmen beschäftigten Arbeitnehmer/innen. Erst Anfang der achtziger Jahre erhielten Teilzeitarbeitnehmer/innen den gleichen Status wie Vollzeitarbeitskräfte (Gesetz vom 23. Dezember 1980 für den öffentlichen Sektor und Gesetz vom 28. Januar 1981 für den Privatsektor).

Alle nachfolgenden Regierungen subventionierten die Schaffung von Teilzeitarbeitsplätzen in Unternehmen. Das Gesetz vom 20. Dezember 1993 wartete mit neuen Anreizen zur Teilzeitarbeit auf: Jahresarbeitszeitkonten für TeilzeitarbeitnehmerInnen, Senkung der Sozialabgaben der ArbeitgeberInnen zur Einstellung von Teilzeitkräften. Inder Folge dieser moderaten Deregulierungsmaßnahmen kam es zu einem starken Anstieg der Zahl der Teilzeitbeschäftigten. 1983 arbeiteten 9,7 Prozent aller Erwerbstätigen in Teilzeit, 1996 waren es bereits 16 Prozent. Vor allem die weibliche Erwerbsbevölkerung war von dieser neuen Arbeitszeitregelung betroffen. Im Jahre 2000 waren 79,2 Prozent aller Teilzeitbeschäftigten Frauen. 24,8 Prozent der weiblichen und 5,3 Prozent der männlichen Beschäftigten zwischen 15 und 64 Jahren arbeiteten in Teilzeit.[12]

Parallel zur Zunahme der Teilzeitarbeit fand ein Prozess der Verarmung statt. In der internationalen Debatte wurde hierfür der Begriff Working poor geprägt. Der starke Anstieg der niedrigen Löhne seit Beginn der achtziger Jahre ebenso wie deren starke Feminisierung stehen in engem Zusammenhang mit dem Anstieg der Teilzeitarbeit. In Frankreich wurden 1998 1,6 Millionen Menschen als unterbeschäftigt erfasst, davon waren 1,2 Millionen Frauen und 450 000 Männer.

Teilzeitarbeit konzentriert sich auf bestimmte Berufsgruppen: Mehr als die Hälfte der Frauen, die in Teilzeit arbeiten, sind kleine Angestellte (employées). Die Hälfte der teilzeitbeschäftigten Arbeiterinnen ist in Reinigungsfirmen tätig. Und schließlich arbeiten im Privatsektor die meisten teilzeitbeschäftigten weiblichen Angestellten, wenn sie nicht als Reinigungskräfte angestellt sind, als Verkäuferin oder Kassiererin.

In Frankreich üben Frauen aller Altersgruppen Teilzeitarbeit aus. Auffällig ist jedoch, dass dieses Arbeitszeitmodell in der Altersgruppe der 25- bis 49-jährigen Frauen, also der Altersgruppe, in der mit größter Wahrscheinlichkeit Kinderbetreuungspflichten vorliegen, nicht am weitesten verbreitet ist. Etwas mehr als sechs von zehn Frauen, die mit einem Partner zusammenleben und Kinder unter sechs Jahren haben, arbeiten in Teilzeit. Dieser Anteil verändert sich nur wenig mit dem Alter der Kinder. Unter den teilzeitbeschäftigten Frauen liegt der Anteil derer, die erklären, gerne mehr arbeiten zu wollen, bei neun Prozent (Tabelle 3). Daraus folgt, dass Teilzeitarbeit in Frankreich in der Regel nicht zur Vereinbarkeit von Familien- und Berufsleben genutzt wird.

Die Teilzeitstatistiken können allerdings den verschiedenen Beschäftigungsverhältnissen nicht gerecht werden, da sich hier unterschiedliche Situationen miteinander vermischen. So müssen zum Beispiel der "freie Mittwoch"[13] der Beamten und die 18-Stunden-Woche der Kassiererin im Supermarkt unterschieden werden. Im ersten Fall handelt es sich um eine Arbeitszeitreduzierung, d.h. eine individuelle Arbeitszeitgestaltung auf Initiative des Arbeitnehmers bzw. der Arbeiterin. Im zweiten Fall sind die Teilzeitarbeitsplätze vom Arbeitgeber geschaffen und somit von den Arbeitnehmer/innen nicht frei gewählt worden. Zudem ist Teilzeitarbeit in den Sektoren, die auf Teilzeitbasis einstellen (Hotel- und Gaststättengewerbe, Reinigung, Handel etc.), häufig mit "atypischen" Arbeitszeiten verbunden. Oft bringt die Arbeitszeit hier mehr Unordnung ins Familienleben, als dass sie eine "Vereinbarkeit" ermöglichte.

In Frankreich dominiert zwar nach wie vor das Leitbild der in Vollzeit berufstätigen Mutter. Aber auf dem Arbeitsmarkt werden Frauen, die sich in bestimmten Dienstleistungsbereichen konzentrieren, keine Vollzeitstellen angeboten. Die Folge der in den achtziger Jahren vorgenommenen Arbeitszeitderegulierung ist ein weibliches Beschäftigungsmuster, das nicht mehr auf Vollzeitintegration beruht und somit neue Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen begründet. Gleichzeitig entstehen auch neue Ungleichheiten zwischen Frauen: Qualifizierte Frauen, vor allem im öffentlichen Dienst, besitzen eher die Möglichkeit zur Gestaltung ihrer Arbeitszeit und können damit Familie und Beruf leichter vereinbaren. Gering qualifizierte Frauen wählen diese Arbeitszeit dagegen nicht aus freien Stücken, für sie reicht der durch Teilzeitarbeit erzielte Lohn nicht zur Existenzsicherung aus.


Fußnoten

11.
Sofern nicht anders benannt, beziehen sich die folgenden Aussagen auf M. Maruani (Anm. 1).
12.
Vgl. OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development), Employment Outlook, Paris 2002.
13.
Die Trennung von Staat und Kirche (laïcité) hat in Frankreich zum schulfreien Mittwoch geführt. An diesem Tag können Eltern ihren Kindern privaten Religionsunterricht erteilen lassen.