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29.10.2003 | Von:
Silke Reuter

Frankreich: Die vollzeitberufstätige Mutter als Auslaufmodell

Familienpolitische Maßnahmen im Dienst der Arbeitsmarktpolitik in den neunziger Jahren

Die französische Familienpolitik zeigt eine gewisse Neutralität gegenüber der Familienform und der Erwerbstätigkeit von Müttern. Familien sollen zwischen Berufstätigkeit und häuslicher Kindererziehung bzw. verschiedenen Betreuungsformen "wählen" können.[14] Die anhaltende Arbeitsmarktkrise veranlasste den französischen Staat in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu maßgeblichen Reformen. Aufgrund der universalistisch ausgerichteten Arbeitsmarktpolitik gibt es kaum spezifische Beschäftigungsmaßnahmen für Frauen.[15] Dem steht nun - vor allem bei den jüngsten Reformen - die Instrumentalisierung der Familienpolitik für arbeitsmarktpolitische Ziele entgegen.[16]

Reform des Erziehungsgeldes und Arbeitsmarktdeaktivierung von Müttern

Das Erziehungsgeld, die "Allocation parentale d'éducation" (APE), wurde 1985 eingeführt und richtete sich zunächst an Familien mit drei und mehr Kindern. Nur wenige Frauen machten davon Gebrauch.[17] Im Juli 1994 wurde das Familiengesetz geändert, das Recht auf Erziehungsgeld (APE) auf Familien mit zwei Kindern ausgedehnt. Berechtigt sind seither diejenigen Eltern, die eine Erwerbstätigkeit von zwei Jahren in den letzten fünf Jahren vor der Geburt des Kindes nachweisen können. Eine Einkommensgrenze ist nicht vorgesehen. Die monatliche Beihilfe beläuft sich bei vollständiger Erwerbsunterbrechung auf 485 Euro. Anfang 1996 wurde die erste Bilanz gezogen: Die Zahl der Empfängerinnen der APE war radikal angestiegen (+ 65 000 Frauen), während die Erwerbsquote von Müttern mit zwei Kindern, von denen mindestens eines unter drei Jahre alt ist, zurückging: von 73 auf 55 Prozent (1994/1998).[18]

Die Inanspruchnahme des Erziehungsgeldes (APE) schlägt sich als selektive Förderung des Arbeitsmarktrückzugs bzw. in der Diskontinuität des Erwerbsverlaufs vor allem gering qualifizierter junger Frauen nieder.[19] Ein Drittel der Empfängerinnen der APE war bei Antragstellung arbeitslos und verzichtete im Rahmen des Erziehungsgeldes auf den Erwerbsstatus (womit sie nicht mehr indenArbeitslosenstatistiken erschienen). Die Hälfte der Frauen nahm innerhalb von sechs bis zwölf Monaten nach Auslaufen der APE wieder eine Erwerbstätigkeit auf. Die Quote der Arbeitslosen blieb konstant, die der Hausfrauen stieg von vier auf 27 Prozent.

Es lassen sich zwei Typen von Frauen unterscheiden, welche die APE in Anspruch nehmen:

  • Frauen, die eine hohe Arbeitsplatzsicherheit besitzen und von ihrem Arbeitgeber einen Elternurlaub (congé parental) genehmigt bekommen;
  • Frauen, die stark prekarisierte Erwerbsverläufe aufweisen.
  • Nur vier Prozent dieser Frauen sind allein erziehend. In fast allen Fällen stützen sich die Empfängerinnen der APE auf einen Lebenspartner, dessen Erwerbssituation stabil ist.[20] Sie folgen damit dem Modell des männlichen Familienernährers.

    Schaffung von Arbeitsplätzen im Dienstleistungssektor

    Bereits 1980 hatte die Regierung Familien, die ihr unter dreijähriges Kind in der Wohnung einer registrierten Tagesmutter betreuen ließen, finanzielle Unterstützung angeboten. Diese Leistung deckte einen Teil der Sozialabgaben für die Beschäftigung einer Tagesmutter. Die Zahl der Familien, die dieses Angebot nutzten, war jedoch gering. Zur Bekämpfung von Schwarzarbeit bei Tagesmüttern und zum Ausbau der Tagespflege wurde das Programm 1990 reformiert. Die neue "Beihilfe zur Beschäftigung einer anerkannten Tagesmutter" (Aide à la famille pour l'emploi d'une assistante maternelle agréée, AFEAMA) wendet sich an Familien, die ihr Kind unter sechs Jahren einer anerkannten Tagesmutter während des Tages anvertrauen.[21] Diese Familien können zugleich eine bescheidene Steuersenkung geltend machen. Weiterhin legt das Programm eine größere Professionalisierung der "Tagesmütter" fest: Eine 60-stündige Ausbildung innerhalb der ersten fünf Jahre nach der Anerkennung als Tagesmutter wird verpflichtend.

    Die AFEAMA reduzierte die Kosten für die Beschäftigung einer Tagesmutter in Privathaushalten. Zudem wurde die Maßnahme durch die Informationsbemühungen der Familienkassen (Caisses d'allocations familiales, CAF) zunehmend bekannt. Die Zahl der leistungsempfangenden Familien stieg von 110 000 auf fast 500 000 an (1991/1998).[22] Die seit einigen Jahren erhöhten finanziellen Anstrengungen für den Ausbau von öffentlichen Krippenplätzen bleiben im Vergleich zur finanziellen Förderung der individuellen Betreuungsformen eher bescheiden. Das Erziehungsgeld (APE) für die Betreuung durch die Mutter, die "Beihilfe zur Beschäftigung einer anerkannten Tagesmutter" (AFEAMA) oder auch die Beihilfe zur häuslichen Kinderbetreuung (AGED) wurden 1998 mit 26 Milliarden Francs gefördert, gegenüber nur zwei Milliarden für die öffentlichen Krippen.[23]

    Bei den familienpolitischen Reformen deutet sich zudem ein Wandel der Zielsetzungen bezüglich der Verringerung sozialer Ungleichheit an. Die Privatisierung und Individualisierung der Kleinkindbetreuung steht dem republikanischen Ideal der Chancengleichheit entgegen. In Frankreich war die Kinderbetreuung in öffentlichen Institutionen Teil einer politischen Konzeption der Erziehung von Kindern, ihrer frühen Sozialisation und Vorbereitung auf gesellschaftliche Teilhabe. Die Einführung der so genannten größeren Wahlfreiheit der Eltern in Bezug auf die Betreuung ihrer Kinder trägt seit kurzem zu einer Stratifizierung der Inanspruchnahme dieser Dienstleistungen bei.

    Das Haushaltseinkommen, die Kinderzahl, das Merkmal allein erziehend oder Paarhaushalt sowie die Erwerbs- oder Nichterwerbstätigkeit der Mutter bestimmen die Wahl der Betreuungsform. So entscheiden sich Familien mit einem Kind am häufigsten für eine Krippe. Einkommensschwache Familien greifen oft auf kollektive Einrichtungen zurück; die Gebühren sind erheblich niedriger als die Kosten für individuelle Dienstleistungen.[24] Gleichzeitig bestehen große regionale Unterschiede in der Nutzung der freien Tagesmütter.[25] Die Krippe gilt zwar nach wie vor als die für die Sozialisation des Kindes beste Betreuungsform. Eltern sehen jedoch die Betreuung durch die Tagesmutter aufgrund der höheren Flexibilität als die beste Lösung für sich an. Letztendlich bestimmen das Familieneinkommen und das Betreuungsangebot die "Wahl".[26]

    Neben den Ungleichheiten in der Nutzung dieser Betreuungsform muss die Arbeitssituation der Tagesmütter berücksichtigt werden. Nach einer Studie des INSEE[27] vom März 2000 waren fünf Prozent der befragten Assistantes maternelles libérales (AM) im Vorjahr arbeitslos, 50 Prozent besaßen kein Abschlusszeugnis. Der damalige monatliche Durchschnittsnettolohn einer AM betrug 488 Euro, unabhängig von der Zahl der betreuten Kinder und der Arbeitszeit. Die Hälfte der Tagesmütter erhielt einen Nettolohn von unter 365 Euro pro Monat. Dabei prägten täglich wechselnde Arbeitszeiten, Teilzeitarbeit und Überstunden den Arbeitsalltag.[28]

    Die arbeitsmarktpolitische Ausrichtung der AFEAMA trug zwar dazu bei, Arbeitsplätze für Frauen zu schaffen und Schwarzarbeit zu reduzieren, die Individualisierungstendenzen in der Kinderbetreuung gingen aber zugleich mit einer Zunahme sozialer Ungleichheit einher - im doppelten Sinne. Zum einen besteht die so genannte "freie Wahl" zwischen kollektiver Betreuung und privaten Betreuungsformen nur für die besser gestellten Familien. Zum anderen lässt die Qualität der geschaffenen Arbeitsplätze zu wünschen übrig, da diese Maßnahme ausschließlich prekäre, flexible und schlecht bezahlte Arbeitsplätze für gering qualifizierte Frauen schafft.


    Fußnoten

    14.
    Siehe hierzu den Beitrag von Mechthild Veil in diesem Heft.
    15.
    Vgl. Silke Reuter, Das Beschäftigungsprogramm "Mehr Dienstleistung - Arbeitsplätze für junge Menschen" - Eine Chance für Französinnen?, in: Karin Gottschall/Birgit Pfau-Effinger (Hrsg.), Zukunft der Arbeit und Geschlecht - Diskurse, Entwicklungspfade und Reformoptionen im internationalen Vergleich, Opladen 2002, S. 87 - 106.
    16.
    Vgl. dies., Frankreichs Wohlfahrtsstaatsregime im Wandel? Erwerbsintegration von Französinnen und familienpolitische Reformen der 90er Jahre, ZeS-Arbeitspapier 13/2002, Bremen 2002.
    17.
    Vgl. Cédric Afsa, L'activité féminine à l'épreuve de l'allocation parentale d'éducation, in: Recherches et prévisions, (1996) 46, S. 1 - 8.
    18.
    Berücksichtigt sind hier Frauen im Alter von 20 bis 49 Jahren, die in einer Partnerschaft leben - vgl. Carole Bonnet/Morgane Labbé, L'activité professionnelle des femmes après la naissance de leurs deux premiers enfants: l'impact de l'allocation parentale d'éducation, in: DREES Etudes et Résultats, (1999) 37, S. 1 - 8.
    19.
    Vgl. ebd.
    20.
    Vgl. Marie-Odile Simon, L'allocation parentale d'éducation. Une parenthèse de trois ans (...) ou plus, in: CREDOC, Consommation et Modes de Vie, (1999) 136, S. 1 - 4.
    21.
    Der Förderbetrag entspricht der gesamten Höhe der Sozialabgaben auf den Lohn der Tagesmutter. Die Familie erhält zusätzlich eine nicht zu versteuernde Pauschalunterstützung von ca. 381 Euro pro Trimester (im Jahre 2000), wenn das jüngste Kind unter drei Jahre alt ist, und von 182 Euro pro Trimester, wenn es zwischen drei und sechs Jahre alt ist.
    22.
    Vgl. Jeanne Fagnani, Un travail et des enfants. Petits arbitrages et grands dilemmes, Paris 2000, S. 50f.
    23.
    Vgl. ebd., S. 60.
    24.
    Vgl. Frédérique Leprince, Synthèse du rapport "L'accueil des jeunes enfants en France: état des lieux et pistes d'amélioration", Paris 2003.
    25.
    Vgl. Marie-Thérèse Letablier/Géraldine Rieucau, La garde des enfants: une affaire d'Etat? (Document de travail), Noisy-le-Grand 2001.
    26.
    Vgl. F. Leprince (Anm. 24).
    27.
    Enquête emploi (Arbeitskräfteerhebung) des Institut National de la Statistique et des Etudes Economiques (Nationales Institut für Statistik und Wirtschaftsforschung).
    28.
    Vgl. Valérie Le Corre, Les assistantes maternelles, in: DREES Etudes et Résultats, (2001) 127, S. 1 - 12.