Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Rebecca Hofmann
Uwe Lübken

Laboratorien der ökologischen Moderne? Umwelt, Wissen und Geschichte (auf) der kleinen Insel

Die historische Forschung hat kleinen Inseln traditionell wenig Beachtung geschenkt. Warum auch sollten sich Historiker_innen mit oft winzigen, von Wasser umgebenen und allem Anschein nach unwichtigen Landflecken beschäftigen, erst recht, wenn sich diese auch noch am "Rande der Welt" befinden? Geschichte wird, wie der Historiker John Gillis hervorgehoben hat, an Land gemacht und von einer kontinentalen Perspektive aus geschrieben.[1] Kleine Inseln tauchen in den aktuellen und historischen Narrativen der westlichen Welt zumeist als Sehnsuchtsorte oder Gegenstand kolonialer und imperialer Ausbeutung auf, selten jedoch als Akteure oder Orte, die sui generis interessant und relevant sind. Für die wissenschaftlichen Ursprünge gegenwärtiger Umweltdebatten nehmen kleine Inseln jedoch eine durchaus bedeutende Stellung ein. Unser Beitrag zeigt auf, wie sich die wissenschaftliche Perspektive auf kleine Inseln im Laufe der Zeit geändert hat und wie sie zu regelrechten Laboratorien der ökologischen Moderne geworden sind, in denen schon früh Probleme auftauchten und Fragen diskutiert wurden, die heute unter Schlagwörtern wie Nachhaltigkeit, Biodiversität, Naturschutz, Resilienz und Vulnerabilität Widerhall finden.

Was genau unter "kleinen" Inseln verstanden wird, variiert in der Forschung und in der aktuellen Diskussion. Grundsätzlich unterscheidet die Geografie aber zwischen kontinentalen Inseln wie Australien, die eher die geomorphologischen Charakteristika eines Festlandes aufweisen, und ozeanischen, meist viel kleineren Inseln, die auf seismische oder vulkanische Aktivitäten zurückgehen.[2] In politischer Hinsicht ist der Begriff mittlerweile etabliert, etwa im Zusammenschluss der derzeit 57 "Small Islands Developing States" (SIDS), einer Gruppe von Inselstaaten hauptsächlich aus der Karibik und dem Pazifik, die sich beim sogenannten Earth Summit 1992 in Rio de Janeiro konstituiert hat, um die eigenen Interessen besser bei den Vereinten Nationen zu repräsentieren.[3]

In materieller Hinsicht sind kleine Inseln oft flüchtiger und vergänglicher als große Landmassen, die sich stärker durch Kontinuität und Stabilität auszeichnen. Kleine Inseln sind, ähnlich wie Küstenstreifen, tektonischen, vulkanischen, klimatischen, biologischen und auch anthropogenen Prozessen oft in viel stärkerem Maße ausgesetzt als Kontinente. Sie ändern ihre Form mit jedem Hochwasser und bei jedem Sturm, bei Seebeben und Vulkanausbrüchen. Sie können in (nicht nur geologisch) kurzer Zeit entstehen, sich erheben und vergrößern, Teile abspalten oder ganz untergehen.[4] So tauchte 2014 innerhalb weniger Wochen nach dem Ausbruch eines Unterwasservulkans im Königreich Tonga die Insel Hunga Tonga Hunga Ha’apai auf. Der Insel, deren höchster Gipfel 120 Meter aus dem Südpazifik herausragt, wird derzeit eine Lebensdauer von 30 Jahren vorausgesagt.[5]

Das Bild der kleinen Insel in westlichen Diskursen ist ambivalent. Einerseits wurden solche Orte als (tropisches) Paradies dargestellt, eine Welt des Überflusses, die ein sorgloses Leben ermöglicht. Auf der anderen Seite galten kleine Inseln aber auch als Inbegriff der Abgeschiedenheit, der Isolation, auch der Gefangenschaft und des Ressourcenmangels, als gefährlicher und gefährdeter Ort. In kultureller Hinsicht stellten kleine Inseln daher immer wieder eine Bühne für utopische und dystopische Inszenierungen dar: von Paul Gauguins Südseegemälden über William Goldings Roman "Herr der Fliegen" bis zu popkulturellen Varianten wie der US-Fernsehserie "Lost" oder dem Hollywood-Film "Castaway". Mit der Robinsonade erhielt die kleine Insel sogar ihr eigenes Genre.

Aufgrund ihrer Fragilität waren und sind kleine Inseln auch ein beliebter Schauplatz für Endzeiterzählungen, wie sie sich etwa im Mythos um Atlantis, in den tradierten Geschichten um die sagenumwobene Stadt Rungholt in der Nordsee, aber auch in gegenwärtigen Szenarien für Inseln wiederfinden, die eventuell dem Meeresspiegelanstieg zum Opfer fallen. Für den tropischen Pazifik hat der Meeresarchäologe und Geograf Patrick Nunn eindrucksvoll gezeigt, wie diese Untergangsmythologie auch als sozio-historische Verarbeitung tatsächlicher Entwicklungen betrachtet werden kann, wie also kulturelle Repräsentation und materielle Dimensionen kleiner Inseln wieder zusammenfinden.[6]

Fußnoten

1.
Vgl. John Gillis, Filling the Blue Hole in Environmental History, in: RCC Perspectives 3/2011, S. 16ff.
2.
Dies heißt nicht, dass kontinentale Inseln notwendigerweise groß sein müssen. Das kleine Zanzibar z.B. ist aus geomorphologischer Sicht eine kontinentale Insel.
3.
Vgl. Vereinte Nationen, Department of Economic and Social Affairs, Sustainable Development Knowledge Platform, Small Island Developing States, https://sustainabledevelopment.un.org/topics/sids«.
4.
Vgl. z.B. Patrick Nunn, Vanished Islands and Hidden Continents of the Pacific, Honolulu 2009.
5.
Vgl. Ellen Gray, NASA Shows New Tongan Island Made of Tuff Stuff, Likely to Persist Years, 11.12.2017, http://www.nasa.gov/feature/goddard/2017/nasa-shows-new-tongan-island-made-of-tuff-stuff-likely-to-persist-years«.
6.
Vgl. Nunn (Anm. 4).
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