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Digitalisierung des Alltags

Was ist Pervasive Computing?

6.10.2003

Die schleichende technische Revolution



Das noch junge Gebiet des Pervasive Computing hat seine Wurzeln in den bahnbrechenden Arbeiten von Mark Weiser, der bis zu seinem frühen Tod 1999 als leitender Wissenschaftler am Xerox-Forschungszentrum im Silicon Valley tätig war. Basierend auf seinen Entwicklungen propagierte er schon 1991 in seinem visionären Artikel "The Computer for the 21st Century"[5] den allgegenwärtigen Computer, der unsichtbar und unaufdringlich den Menschen bei seinen Tätigkeiten unterstützt und ihn von lästigen Routineaufgaben weitestgehend befreit. Dabei sah Weiser Technik als reines Mittel zum Zweck, die in den Hintergrund treten soll, um eine Konzentration auf die Sache an sich zu ermöglichen. So solle der Computer als sichtbares Gerät nach Weisers Auffassung verschwinden, dessen informationsverarbeitende Funktionalität aber überall verfügbar sein. Weiser verwendete hierfür den Begriff "Ubiquitous Computing" und verband damit eine idealistische und humanzentrierte Technikvision, die sich erst in der weiteren Zukunft realisieren lassen sollte.

Mit einer stärker pragmatischen Akzentuierung hat die Industrie dafür inzwischen den Begriff "Pervasive Computing" geprägt: Auch hier geht es um die überall eindringende und allgegenwärtige Informationsverarbeitung, allerdings mit dem primären Ziel, diese durch die Verwendung vorhandener Mobile-Computing-Technologien schon kurzfristig nutzbar zu machen. Als Reaktion auf die US-amerikanisch geprägte Szene um diese beiden Begriffe ist in Europa der Terminus "Ambient Intelligence" entstanden, der zusätzlich auch Aspekte der Mensch-Maschine-Interaktion und der künstlichen Intelligenz umfasst. In vielerlei Hinsicht bleibt allerdings die Unterscheidung zwischen den drei Begriffen eher akademisch. Gemeinsam ist allen das Ziel einer nachhaltigen Unterstützung des Menschen sowie einer durchgängigen Optimierung wirtschaftlicher Prozesse durch eine Vielzahl von in die Umgebung eingebrachten Mikroprozessoren und Sensoren.

Obwohl unsere Gesellschaft nach den intensiven Debatten um Kernenergie und Volkszählungsdaten gelernt hat, mittels politischen Dialogs und aktiver Technikfolgenabschätzung den Einsatz neuartiger Technologien so weit wie möglich sozialverträglich zu gestalten, ist so etwas im Bereich des Pervasive Computing - wenn man von der Elektrosmog-Debatte beim Mobilfunk absieht[6] - noch nicht zu beobachten; die Perspektiven des Pervasive Computing scheinen die breite Bevölkerung kaumzu beunruhigen. Dies mag an den beinahe homöopathischen Dosen liegen, mit denen sich der Einzelne schrittweise an die Vision des Pervasive Computing herantastet: Anstelle Aufmerksamkeit erregender staatlicher Großprojekte gibt es "smarte" Krankenkassenkarten, Lokalisierungssysteme für gestohlene Autos und entlaufene Haustiere sowie Mobiltelefone mit integriertem Notizbuch, Kamera, Terminplaner und MP3-Player. Für Betroffenheit oder kollektive Aufgeregtheit scheint dies alles kaum geeignet. Dabei vermag langfristig gesehen Pervasive Computing unser Leben in ähnlich nachhaltiger Weise zu beeinflussen wie etwa die Kernenergie oder Biotechnologie, jedenfalls weit stärker als das diesbezüglich oft im Rampenlicht stehende Internet mit seinem Potential zum Guten (e-Government, e-Health, e-Learning) wie Schlechten (digitale Spaltung, Kinderpornographie, illegales Glücksspiel).

Ein Grund für die eher "schleichend" daherkommende Revolution liegt sicherlich in der sanften, aber stetigen Innovation der Mikroelektronik und Informatik, die seit Jahren immer billigere und leistungsfähigere PCs und Internet-Services möglich macht, aber kaum im öffentlichen Bewusstsein präsent ist. Die Integration von Informations- und Kommunikationstechnologie in Alltagsprozesse schreitet fast unmerklich in so kleinen Schritten voran, dass man sich oft erst bei Ausfall der entsprechenden Funktion bewusst wird, dass mechanische Prozesse inzwischen mit Informationstechnologie erweitert, wenn nicht sogar ganz durch sie ersetzt wurden. Wie im nächsten Kapitel beschrieben, ist es aber gerade diese Vielzahl von kleinen technischen Fortschritten, die zusammengenommen den Übergang vom vertrauten PC, also dem "Personal Computing", hin zum viel umfassenderen Pervasive Computing möglich macht.[7]



Fußnoten

5.
In: Scientific American, 265 (1991) 3, S. 94 - 104.
6.
Anm. der Red.: Vgl. dazu den Beitrag von Franz Büllingen in diesem Heft.
7.
Vgl. u.a. Friedemann Mattern, Vom Verschwinden des Computers. Die Vision des Ubiquitous Computing, in: ders. (Hrsg.), Total vernetzt. Szenarien einer informatisierten Welt, Berlin 2003, S. 1 - 41; Uwe Hansmann/Lothar Merk/ Martin S. Nicklous/Thomas Stober, Pervasive Computing Handbook, Berlin 2001; Jochen Burkhardt/Horst Henn/Stefan Hepper/Klaus Rindtorff/Thomas Schäck, Pervasive Computing - Technologien und Architektur mobiler Internetanwendungen, München 2001.