>>> Alles zur Bundestagswahl 2017 <<<
APUZ Dossier Bild
Pfeil links 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 Pfeil rechts

Digitalisierung des Alltags

Was ist Pervasive Computing?

6.10.2003

Auswirkungen



Eine mit smarten Dingen bevölkerte Welt dürfte anders aussehen, als wir sie uns zunächst vorstellen oder wünschen. Implementiert man keine neuen "Anstandsregeln", könnte z.B. die Kunst des Verführens zum Kauf eine neue Hochform erreichen,[12] indem smarte Produkte in subtiler Form für sich selbst oder, im Sinne des Cross-Marketings, für ihre "Freunde" werben. So könnte z.B. ein smarter Kühlschrank Kochrezepte zu den in ihm gelagerten Waren liefern und eine Vertrauensbasis zum Konsumenten aufbauen, indem er in gefälliger Weise über Ursprung und Inhaltsstoffe der Lebensmittel Auskunft gibt. Gleichzeitig kann er dann aber als Co-Branding-Maßnahme jedes Mal Bonuspunkte vergeben, wenn Tiefkühlprodukte einer bestimmten Marke, die er empfiehlt, darin aufbewahrt werden. Und warum sollte er nicht - vielleicht gegen weitere Bonuspunkte - die Essgewohnheiten weitermelden, um ein individuelles Marketing zu ermöglichen? In jedem Fall können smarte Produkte die Customer-Relationship-Systeme der Produzenten, Verkäufer und Dienstanbieter mit mehr und präziseren Informationen versorgen, so dass nicht nur ein zielgruppengenaues, sondern sogar ein käufergenaues One-to-One-Marketing möglich wird - u.U. mit personenbezogener Preisdifferenzierung, bei der jedem Konsument ein individueller Preis genannt wird.[13]

Langfristig ergeben sich durch die Anwendungsbreite des Pervasive Computing viele spannende Herausforderungen auch im regulatorischen Bereich. Wenn in Zukunft beispielsweise vernetzte und "elektronisch aufgewertete" Alltagsdinge Information von sich geben, physische Dinge also quasi selbst zu Medien werden, dann stellt sich die Frage, wer eigentlich über den Inhalt bestimmen darf und wer die Objektivität und Richtigkeit von "Aussagen" smarter Objekte und Produkte garantiert. Genauso wichtig scheint es jedoch auch, den Aspekt im Auge zu behalten, welche Kartelle, Monopole oder Machtkonzentrationen sich durch die Verlängerung des Internets in die Alltagswelt hinein herausbilden könnten und wie dies in einer demokratischen Gesellschaft moderiert werden kann.

Viele weitere Problembereiche eröffnen sich bei der zunehmenden Informatisierung der Welt, so beispielsweise die Zuverlässigkeit: Funktionieren etwa viele herkömmliche Dinge (Türschlösser, Fotoapparate, Schreibstifte, Autos, Geldscheine etc.) nur noch dann ordnungsgemäß, wenn von diesen aus Online-Zugriff auf das Internet oder eine vergleichbare Infrastruktur besteht, dann entsteht eine große Abhängigkeit von diesen Systemen und der zugrunde liegenden Technik. Wenn diese versagt, wofür es unterschiedliche Gründe - Entwurfsfehler, Materialdefekte, Sabotage, Überlastung, Naturkatastrophen, Krisensituationen etc. - geben kann, dann kann sich dies gleich in globaler Hinsicht katastrophal auswirken. Ist das korrekte Funktionieren der informationstechnischen Infrastruktur überlebenswichtig für die Gesellschaft und den Einzelnen, müssen nicht nur geeignete Sicherungsmechanismen vorgesehen werden, sondern Systeme sollten von vornherein im Bewusstsein dieser Verantwortung entworfen werden.

Vor allem aber ist dem Schutz der Privatsphäre besondere Beachtung zu schenken.[14] Denn sollten sich smarte Umgebungen und "schlaue" Alltagsgegenstände durchsetzen, wäre im Unterschied zu heute mit dem Ausschalten des PCs keineswegs auch die elektronische Datensammlung beendet: Smarte Gegenstände und sensorbestückte Umgebungen wären fast immer aktiv und würden eine Unmenge von Daten sammeln, um den Nutzern sinnvolle (und weniger sinnvolle) Dienste anbieten zu können.

Werden aber beispielsweise mit Sensornetzen nicht Ökosysteme oder Verkehrssysteme überwacht, sondern in indirekter oder gar direkter Weise Menschen, dann zieht eine solche einfach anzuwendende und nahezu unsichtbare Technik massive gesellschaftliche Probleme nach sich. Es könnte damit die delikate Balance von Freiheit und Sicherheit aus dem Gleichgewicht gebracht werden, weil die qualitativen und quantitativen Möglichkeiten zur Überwachung derart ausgeweitet werden, dass auch Bereiche erfasst werden, die einem dauerhaften und unauffälligen Monitoring bisher nicht zugänglich waren. Nicht zuletzt lassen die jüngsten weltweiten Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung erahnen, dass sich unter Umständen leicht ein gesellschaftlicher Konsens finden lässt, individuelle Freiheiten einer mittels detaillierter Überwachung geschaffenen "sicheren" Umwelt zu opfern.



Fußnoten

12.
Vgl. Jürgen Bohn/Vlad Coroama/Marc Langheinrich/Friedemann Mattern/Michael Rohs, Allgegenwart und Verschwinden des Computers. Leben in einer Welt smarter Alltagsdinge, in: Ralf Grötker (Hrsg.), Privat! Kontrollierte Freiheit in einer vernetzten Welt, Hannover 2003, S. 195 - 245.
13.
Vgl. Bernd Skiera/Martin Spann, Preisdifferenzierung im Internet, in: Marcus Schögel/ Torsten Tomczak/Christian Belz (Hrsg.), Roadm@p to E-Business. Wie Unternehmen das Internet erfolgreich nutzen, St. Gallen 2002, S. 270 - 284.
14.
Vgl. Marc Langheinrich/ Friedemann Mattern, Wenn der Computer verschwindet. Was Datenschutz und Sicherheit in einer Welt intelligenter Alltagsdinge bedeuten, in: digma. Zeitschrift für Datenrecht und Informationssicherheit, 2 (2002) 3, S. 138 - 142.