Thomas Morus, Utopia / Titelholzschnitt

3.8.2018 | Von:
Julian Dörr
Olaf Kowalski

Vom Tal auf die Insel? Vom kalifornischen Liberalismus zur Sozialutopie Seasteading

Mangelnden Mut kann man dem umtriebigen Investor und Gründer von Paypal, Peter Thiel, nicht vorwerfen: Er unterstützt das kühne Vorhaben, künstliche, auf internationalen Gewässern schwimmende Inseln zu errichten, mit denen unabhängige Nationen erschaffen werden sollen, um "die Menschheit von Politikern zu befreien."[1] Die Idee dahinter: Erst abseits einer zu umfangreichen und strikten staatlichen Regulierung könnten sich die Menschen wahrhaft frei entfalten und eine bessere Gesellschaft bilden. Gegenwärtig nimmt dieses Gedankenexperiment konkrete Formen an. So plant das Start-up Blue Frontiers, bis 2022 in einer geschützten Lagune von Französisch-Polynesien schwimmende, künstliche Inselgruppen mit bis zu 300 Häusern zu errichten. Zwar liegen diese nicht auf Hoher See, jedoch wurde mit dem "Gastland" vereinbart, diesem Gebilde de facto Autonomie – nebst eigener "Kryptowährung" – zu gewähren. Das Konzept steht nicht alleine: Es hat sich eine Bewegung des sogenannten Seasteading etabliert, die neue Welten auf den Meeren erbauen will.

Dabei ist es ist kein Zufall, dass diese Projekte insbesondere von Visionären des Silicon Valley wie Thiel so vehement vorangetrieben werden. Denn gerade die in diesem Tal der San Francisco Bay Area angesiedelten Denker und Unternehmen wie Google, Apple oder Facebook vereinen einen philanthropischen Ansatz der Weltverbesserung und eine spezifische Ordnungsvorstellung der Gesellschaft mit dem Glauben an die emanzipatorische Kraft von Technologie. In der Absicht, "die Welt besser zurückzulassen, als wir sie vorgefunden haben", wie Apple-Vorstand Tim Cook formuliert,[2] entwickeln sie eine Kultur mit universellem Gültigkeitsanspruch, die die Kraft hat, global auf unseren Alltag zu wirken. Längst beeinflusst die vom Silicon Valley ausgehende Digitalökonomie Wirtschaft und Gesellschaft, wie Kontroversen über Hasskommentare bei Facebook, die Sammlung und Monopolisierung von Daten durch Google oder die Geschäftstätigkeit von Airbnb in deutschen Städten zeigen.

Der Weg vom Tal auf die Weltmeere – wie auch der in den Weltraum, von dem der Investor und Tesla-Geschäftsführer Elon Musk mit seiner Vorstellung von Kolonien auf dem Mars träumt – erscheint so als logischer Schritt zur Verwirklichung der kalifornischen Weltanschauung: Hier bietet sich die vermeintliche Chance, gänzlich neu anzufangen und außerhalb aller Hoheitsgewässer eine bessere Welt nach eigenen Vorstellungen zu schaffen. Dass sich libertäres Denken und der Technikoptimismus des Silicon Valley gerade im Topos der Insel kumulieren, kann ebenfalls nicht verwundern, waren Inseln in der Kultur- und Geistesgeschichte der Menschheit doch schon immer Sehnsuchtsort, Fluchtpunkt und Projektionsfläche. Wie reihen sich die jüngsten Ideen aus Kalifornien hier ein?

Fußnoten

1.
Vgl. Joe Quirk/Patri Friedman, Seasteading. How Floating Nations Will Restore the Environment, Enrich the Poor, Cure the Sick, and Liberate Humanity from Politicians, New York 2016.
2.
Zit. nach Lisa Eadicicco, Tim Cook Summed up Apple’s Mission in One Simple Sentence, 21.10.2015, http://www.businessinsider.com.au/tim-cook-apple-mission-2015-10«.
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Autoren: Julian Dörr, Olaf Kowalski für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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