APUZ Dossier Bild

1.10.2003 | Von:
Hans-Georg Golz

Editorial

Die jüngste deutsche Vergangenheit, unmittelbare Kriegsereignisse sind in den Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit gerückt. Die Chiffre "Deutsche als Opfer", die kollektive Leidenserfahrungen umschreibt, spielt dabei die zentrale Rolle.

Zeitgeschichte hat Konjunktur. Spätestens seit Günter Grass'' Roman "Im Krebsgang", der die Tragödie des im Januar 1945 von einem sowjetischen U-Boot versenkten Flüchtlingsschiffs "Wilhelm Gustloff" erzählt, wird wieder über die jüngste deutsche Vergangenheit debattiert. Unmittelbare Kriegsereignisse wie die Schlacht um Stalingrad und der Untergang Dresdens im Bombenkrieg sowie Flucht und Vertreibung sind in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt.

Deutsches Geschichtsbild im Wandel? Erschien vor 1989 die dauerhafte Teilung nicht wenigen als gerechte Strafe dafür, dass die Deutschen mit überwältigender Mehrheit zumindest bis 1942 oder 1943 ein verbrecherisches Regime unterstützt hatten, begibt sich das vereinte Deutschland auf die Suche nach Wurzeln und Kontinuitäten seiner Nationalgeschichte. Die Chiffre "Deutsche als Opfer", die kollektive Leidenserfahrungen umschreibt, spielt dabei die zentrale Rolle.

Neben Grass'' Roman erregte Jörg Friedrichs monumentales Werk über den kühl kalkulierten alliierten Bombenkrieg gegen deutsche Städte Aufsehen. "Der Brand" schildert das lange verdrängte Leid der Zivilbevölkerung. Im "verordneten Antifaschismus" der DDR hatte sich das Gedenken weitgehend in der propagandistisch genutzten Anklage der "angloamerikanischen Terrorbomber" erschöpft, aus der in den fünfziger Jahren eine Städtepartnerschaft zwischen Dresden und Coventry hervorgegangen war. Auch andere Ereignisse werden mit neuen Deutungen versehen, bei denen Deutsche vornehmlich als Opfer erscheinen. So genoss im Frühsommer der Volksaufstand in der DDR vor 50 Jahren als niedergeschlagene Freiheitsrevolution größtes öffentliches und mediales Interesse.

In jüngster Zeit erlebt das Thema Flucht und Vertreibung aus den Ostgebieten eine Renaissance. Während in der alten Bundesrepublik die Integration der Neuankömmlinge als Erfolgsstory verklärt wurde, war im "verordneten" Antifaschismus der SED kaum Platz für die Erinnerung an das kollektive Leid der als "Umsiedler" bezeichneten Vertriebenen. Nun wird heftig über den Standort und die Konzeption des Ende letzten Jahres vom Deutschen Bundestag beschlossenen Zentrums gegen Vertreibungen gestritten. Die Initiative des Bundes der Vertriebenen ist besonders in Tschechien und Polen auf scharfe Kritik gestoßen. Dort wird befürchtet, dass verwischt werde, wer für den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust verantwortlich sei. Die Befürworter einer solchen nationalen Gedenkstätte in Berlin verweisen auf die versöhnende Wirkung des Erinnerns: Gibt es dafür einen geeigneteren Ort als den, an dem die Nationalsozialisten ihre Kriegspolitik in Szene gesetzt hatten, an deren Ende der Exodus von Millionen Deutschen aus ihrer Heimat stand?

Im einleitenden Essay warnt der polnische Publizist Adam Krzeminski davor, bei der legitimen Erinnerung an das deutsche Leid Schuld mit Schuld zu verrechnen. Die Verklärung der eigenen Opfer in einem universalisierenden Mahnmal und die Entblößung der Opfer der deutschen Aggression würde in Polen als maßlose "moralische Usurpation" empfunden. Ute Frevert plädiert in ihrer Kritik des "jüngsten Erinnerungsbooms" dafür, sich nicht in der Nationalgeschichte einzuigeln und die deutsche Zeitgeschichte vielmehr zu "kontextualisieren". Helga Hirsch hingegen befürwortet ausdrücklich ein Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin - aus der Überzeugung heraus, dass Deutsche und Polen, Tschechen und Ungarn nun endlich gemeinsam nach "untergegangenen Vergangenheiten" forschen könnten, ein im Kern befreiender und aufklärerischer Prozess.