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1.10.2003 | Von:
Edgar Wolfrum

Die Massenmedialisierung des 17. Juni 1953

Die Medien sind aktiv an der Bedeutungskonstruktion der Vergangenheit beteiligt. Die Medialisierung des 17. Juni 1953 trägt dazu bei, dass dieser Tag künftig zu einem zuversichtlichen Erinnerungsort werden kann.

So fern wie Troja, so nah wie Hollywood

Bei einer Emnid-Umfrage im Jahr 2001 wussten nur 43 Prozent der Befragten, was sich am 17. Juni 1953 ereignet hatte. Ein weiterer Teil brachte den Tag immerhin noch mit der DDR in Verbindung, meinte aber, es sei der Tag des Mauerbaus; manche wähnten, dass an diesem Datum die D-Mark das Licht der Welt erblickt habe; 29 Prozent der interviewten Deutschen fiel rein gar nichts ein. Besonders schlecht war es um die Jugendlichen bestellt. Geschichtsdidaktiker verwiesen darauf, dass der 17. Juni 1953 nur noch in etwa jedem dritten schulischen Lehrplan auftauche. Viele Jugendliche verließen die Schule, ohne jemals vom Aufstand in der DDR gehört zu haben. Für nicht wenige Schülerinnen und Schüler war der 17. Juni 1953 so fern wie Troja.[1]




Dies dürfte sich 2003 geändert haben. Fünfzig Jahre nach dem Ereignis war es schwer, den Tag zu ignorieren. Das Fernsehen zeigte wochenlang Dokumentationen, Diskussionsrunden und Spielfilme. Was Hollywoods Filmindustrie mit dem Film "Holocaust" in den siebziger Jahren vorgemacht hatte - ein Spielfilm zu einem historisch brisanten Thema[2] -, hat in Deutschland längst Nachahmer gefunden. Massenmedien, Bildungseinrichtungen, Wissenschaft und Politik widmeten sich dem Datum. Mit der Wucht von mehreren hundert Veranstaltungen und Projekten sollte der 17. Juni 1953 offenbar im Gedächtnis der Deutschen neu verankert werden. Eine solche Medienoffensive fast inflationären Ausmaßes hatte es bis dahin bei keinem anderen historischen Ereignis gegeben - nicht einmal anlässlich des 150. Jubiläums der Revolution von 1848.

Der 17. Juni 1953 ist - nachdem er jahrzehntelang missbraucht, verdrängt, vergessen und als Tag der Deutschen Einheit ausgerechnet zu ihrer Vollendung 1990 abgeschafft worden war - nicht nur in einer bemerkenswerten Weise wiedergewonnen worden, sondern die Massenmedien haben ihn entdeckt und gekonnt vermarktet.[3] Das historische Ereignis fasziniert, seine Geschichte wurde von einer Erinnerungsindustrie als Erlebnis präsentiert, das Geschehen als Event an die Frau und den Mann gebracht. Welches waren die Spezifika dieses Erinnerungsbooms? Welchen Nutzen, welche Nachteile ergeben sich aus der neuen Erinnerungskultur?


Fußnoten

1.
Vgl. Deutsche Welle, Politik: www.dw-world.de/german/0,3367,1454_A_ 890724,00.html.
2.
Vgl. Wilhelm van Kampen, Holocaust. Materialien zu einer amerikanischen Fernsehserie über die Judenverfolgung im "Dritten Reich", Bonn 1981.
3.
Die vielfältigen Aktivitäten um das Großereignis "50 Jahre 17. Juni 1953" sind alle mehr oder weniger verstreut im Internet dokumentiert. Die Fundorte werden nachfolgend aus Platzgründen nicht im Einzelnen aufgeführt. Bei der Recherche half mir dankenswerterweise Valentin Eck von der Universität Mannheim.