Korkennachbildung der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 (Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich) für das Haus der Geschichte Österreich, Wien

17.8.2018 | Von:
Heidemarie Uhl

Opferthesen, revisited. Österreichs ambivalenter Umgang mit der NS-Vergangenheit

Im Jahr 1988, zwei Jahre nach Beginn der sogenannten Waldheim-Debatte, stellte der deutsche Soziologe M. Rainer Lepsius eine gewagte These auf: Bei Österreich handle es sich um einen der "Nachfolgestaaten des ‚großdeutschen Reiches‘" – eine damals skandalöse Zuschreibung, die österreichische Staatsräson war ja seit 1945 darauf ausgerichtet, jeden historischen Zusammenhang mit Deutschland in Abrede zu stellen. Aber nur die Bundesrepublik, so Lepsius weiter, habe als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches die Verantwortung für dieses negative historische Erbe übernommen und dieses als "dauernde Mahnung (…) normativ internalisiert". Österreich hingegen sei von der Auffassung geprägt, der Nationalsozialismus gehöre "in die Geschichte Deutschlands, nicht in diejenige Österreichs". Die NS-Vergangenheit konnte so, analog zur Strategie der DDR, "externalisiert" werden. Lepsius’ Fazit: Die Bundesrepublik sei geprägt durch die Anerkennung des Nationalsozialismus als einer "normativen Instanz in der politischen Kultur". Dies sei "in den beiden anderen Nachfolgestaaten nicht der Fall".[1]

Was Lepsius analytisch sezierte, wurde noch prägnanter in der deutschen und internationalen Medienberichterstattung angeprangert. Die Debatte um die Kriegsvergangenheit des ehemaligen UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim im Präsidentschaftswahlkampf 1986 brachte Österreichs Umgang mit seiner NS-Vergangenheit in die Schlagzeilen, mit desaströsen Auswirkungen für das Image des Landes. Die neutrale "Insel der Seligen" zwischen den Frontlinien des Kalten Krieges wurde nun zum Land der unbewältigten Vergangenheit. "Österreichs stiller Faschismus" titelte der "Spiegel" im April 1986. Alles, was bislang das positive Bild der "Alpenrepublik" ausmachte – von den Lipizzanern bis zur Mozartkugel –, erschien nun als Fassade, hinter der sich Antisemitismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus verbargen – eine Folge der Lebenslüge vom "ersten Opfer" des Nationalsozialismus.[2]

In den folgenden Jahren sollte deutlich werden, dass sich die Grundsatzkonflikte über den Ort des Nationalsozialismus im nationalen Gedächtnis nicht auf die Nachfolgestaaten des "Dritten Reiches" beschränkten. Ende der 1980er Jahre brachen in vielen europäischen Staaten Kontroversen um die bislang ausgeblendete Beteiligung von Teilen der Bevölkerung am NS-Herrschaftsapparat auf, nach 1989 auch in Ländern des ehemaligen "Ostblocks". Im nun einsetzenden Prozess der Neudefinition des Geschichtsbildes der europäischen Nationen[3] stellte sich auch die Frage des österreichischen Gedächtnisses neu. War die Praxis des Verschweigens, Verdrängens und Verleugnens ein Sonderfall?

Der britisch-amerikanische Historiker Tony Judt hat in seinem bahnbrechenden Artikel "The Past is another Country. Myth and Memory in Postwar Europe" (1992) nach europäischen Gemeinsamkeiten im Umgang mit den traumatischen Erfahrungen von NS-Terror, Krieg und Holocaust gefragt. Seine Analyse zeigt, dass die "myths of postwar Europe" – ungeachtet der jeweils unterschiedlichen ereignisgeschichtlichen Hintergründe – ein gemeinsames narratives Muster aufweisen: Die NS-Zeit wird als eine von außen aufgezwungene Fremdherrschaft, das eigene Volk als unschuldiges Opfer eines brutalen Okkupationsregimes dargestellt, gegen das sich die mutigen Helden des Widerstands aufgelehnt haben. Die Darstellung der Nation als Opfer und des Widerstands als nationalem Freiheitskampf ermöglichte es den europäischen Nachkriegsgesellschaften durchgängig, die Frage der partiellen Mitwirkung an NS-Verbrechen aus der eigenen Geschichte zu "externalisieren". Für den NS-Terror und insbesondere den Holocaust wurde allein Nazi-Deutschland (beziehungsweise die Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin) verantwortlich gemacht.[4] Bemerkenswert ist dabei, dass die Ermordung der jüdischen Bevölkerung in den Nachkriegsjahrzenten insgesamt nur eine marginale Rolle spielte.[5] Im europäischen Kontext erschien Österreich nun zwar als spezifisches, aber nicht als einziges Fallbeispiel für die erfolgreiche Ausblendung des Nationalsozialismus. Wenn selbst Österreich, das seit dem "Anschluss" im März 1938 integraler Bestandteil des Deutschen Reiches war, seine NS-Vergangenheit negieren konnte, dann hatten andere Länder weitaus mehr Anrecht auf einen Opferstatus. Tony Judt resümiert: "War Österreich schon schuldlos, so bedurfte offenbar auch die besondere Verantwortung anderer Nicht-Deutscher in anderen Ländern keiner genaueren Überprüfung."[6]

Das österreichische Gedächtnis, die "spezifisch österreichische Kultur des Erinnerns und Vergessens",[7] lässt sich allerdings nicht auf die Opferthese reduzieren. Der Umgang mit der NS-Zeit war vielmehr durch ein spannungsreiches Wechselspiel von Entgegenkommen und Abgrenzung gegenüber den ehemaligen Nationalsozialist/inn/en bestimmt – mehr als 500.000 Österreicher/innen wurden nach 1945 "entnazifiziert". Die latenten Widersprüche zwischen offiziell-antifaschistischer Opferthese und populistischen Gegenerzählungen entluden sich immer wieder in Konflikten, aber erst die Waldheim-Debatte sollte Österreich nachhaltig mit seiner NS-Vergangenheit konfrontieren.

Fußnoten

1.
M. Rainer Lepsius, Das Erbe des Nationalsozialismus und die politische Kultur der Nachfolgestaaten des "Großdeutschen Reiches", in: Max Haller/Hans-Joachim Hoffmann-Nowotny/Wolfgang Zapf (Hrsg.), Kultur und Gesellschaft. Verhandlungen des 24. Deutschen Soziologentags, des 11. Österreichischen Soziologentags und des 8. Kongresses der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie in Zürich 1988, Frankfurt/M.–New York 1989, S. 247–264, hier S. 250f. Siehe dazu kritisch: Katrin Hammerstein, Gemeinsame Vergangenheit – getrennte Erinnerung? Der Nationalsozialismus in Gedächtnisdiskursen und Identitätskonstruktionen von Bundesrepublik Deutschland, DDR und Österreich, Göttingen 2017, S. 9ff., S. 504.
2.
Vgl. http://www.spiegel.de/spiegel/print/index-1986-16.html«.
3.
Vgl. dazu den Überblick über die Verdrängungs- und Aufarbeitungsgeschichte der europäischen Nationen im Katalog der Ausstellung "Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen" (Deutsches Historisches Museum Berlin 2004/05). Monika Flacke (Hrsg.), Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen, Mainz 2004.
4.
Aber auch in der Nachkriegs-Bundesrepublik stand das "eigene Leid" – Opfer der Vertreibung und des Bombenkriegs – vielfach im Vordergrund. Der Schuldabwehr diente auch die Vorstellung, dass nur Hitler und die NS-Führungsspitzen für die Verbrechen des Regimes verantwortlich zu machen sind. Vgl. Hammerstein (Anm. 1), S. 68ff.
5.
Vgl. Tony Judt, Die Vergangenheit ist ein anderes Land. Politische Mythen im Nachkriegseuropa, in: Transit. Europäische Revue 6/1993, S. 87–120.
6.
Ebd., S. 91.
7.
Waltraud Kannonier-Finster/Meinrad Ziegler, Einleitung und Ausgangspunkte, in: dies. (Hrsg.), Österreichisches Gedächtnis. Über Erinnern und Vergessen der NS-Vergangenheit, Wien 1993, S. 21–26, hier S. 21.
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Autor: Heidemarie Uhl für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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