Korkennachbildung der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 (Staatsvertrag betreffend die Wiederherstellung eines unabhängigen und demokratischen Österreich) für das Haus der Geschichte Österreich, Wien

17.8.2018 | Von:
Rudolf de Cillia
Ruth Wodak

Zur diskursiven Konstruktion österreichischer Identitäten 1995–2015

In diesem Beitrag fassen wir Forschungsarbeiten zur österreichischen Identität der vergangenen zwei Jahrzehnte am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien zusammen. Durch eine longitudinale Perspektive auf Entwicklungen zwischen 1995 und 2015 wird erstmalig ein Blick auf Konstanten und Veränderungen in der Konstruktion österreichischer Identitäten in diesem Zeitraum ermöglicht.[1] Anlass für die Forschungsprojekte waren die drei Jubiläumsjahre 1995 (50 Jahre Zweite Republik, 40 Jahre österreichischer Staatsvertrag),[2] 2005 (60 Jahre Zweite Republik, 50 Jahre Staatsvertrag, 10 Jahre EU-Mitgliedschaft)[3] und 2015 (70 Jahre Zweite Republik, 60 Jahre Staatsvertrag und 20 Jahre EU-Mitgliedschaft).[4] Die Forschungen verorten sich methodisch in der Wiener Schule der kritischen Diskursanalyse, dem "diskurshistorischen Ansatz" (DHA),[5] und haben entscheidend dazu beigetragen, diesen weiterzuentwickeln. Im Folgenden stellen wir zunächst den DHA kurz dar; anschließend skizzieren wir zentrale theoretische Konzepte, analysierte Korpora und wichtige Analysedimensionen. Schlussendlich erläutern wir einige Ergebnisse beispielhaft an inhaltlichen Dimensionen der Konstruktion von österreichischen Identität/en.

Diskurs als soziale Praxis

Für den DHA ist einerseits der systematische Einbezug des historischen Kontexts wichtig, andererseits das Prinzip der Methodentriangulierung. Multimodale, schriftliche und mündliche Daten werden unter Berücksichtigung möglichst aller zugänglichen Informationen über die historische Einbettung diskursiver Ereignisse analysiert. Diskurs wird, wie in anderen diskursanalytischen Zugängen, als Form sozialer Praxis interpretiert, wobei wir von einer dialektischen Wechselwirkung zwischen diskursiven Ereignissen und den sozialen/gesellschaftlichen Strukturen, in die sie eingebettet sind, ausgehen. Einerseits formen und beeinflussen soziale Kontexte die Diskurse, andererseits beeinflussen Diskurse die soziale und politische Realität.

Um die Vernetzung von diskursiven Praktiken und außersprachlichen gesellschaftlichen Strukturen zu erfassen, kombinieren wir verschiedene linguistische und sozialwissenschaftliche Methoden. Damit soll ein möglichst detailliertes Bild österreichischer Identitätskonstruktionen in öffentlichen, halböffentlichen und quasiprivaten Settings verschiedener Formalitätsgrade gezeichnet werden.

Fußnoten

1.
Der Beitrag berichtet Ergebnisse des vom FWF finanzierten Projekts "Zur diskursiven Konstruktion österreichischer Identität/en 2015" (P 27153). Wir danken Markus Rheindorf für wichtige Hinweise und Kommentare.
2.
Vgl. Ruth Wodak et al., Zur diskursiven Konstruktion nationaler Identität, Frankfurt/M. 1998.
3.
Vgl. Rudolf de Cillia/Ruth Wodak, Ist Österreich ein "deutsches" Land? Sprachenpolitik und Identität in der Zweiten Republik, Innsbruck u.a. 2006; dies., Gedenken im "Gedankenjahr". Zur diskursiven Konstruktion österreichischer Identitäten im Jubiläumsjahr 2005, Innsbruck 2009; Ruth Wodak et al., The Discursive Construction of National Identities, Edinburgh 20092.
4.
Vgl. Ruth Wodak et al., Zur diskursiven Konstruktion österreichischer Identität/en 2015, Berlin 2018 (i.V.).
5.
Vgl. Martin Reisigl/Ruth Wodak, The Discourse-Historical Approach, in: Ruth Wodak/Michael Meyer (Hrsg.), Methods of Critical Discourse Studies, London 2006, S. 23–61; Markus Rheindorf, Diskursanalyse in der Linguistik: Der Diskurshistorische Ansatz, in: Florian Wilk (Hrsg.), Sprache und Identität. Tagungsband der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie, Neunkirchen 2017, S. 17–62.
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Autoren: Rudolf de Cillia, Ruth Wodak für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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