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20.8.2003 | Von:
Eun-Jeung Lee

"Asien" und seine "asiatischen Werte"

Das Wesen der Debatte über "asiatische Werte"

In den neunziger Jahren haben so genannte "asiatische Werte" den Wertehimmel internationaler Debatte bewölkt.[6] In der Auseinandersetzung über Menschenrechte, in der Diskussion über wirtschaftliche, politische und soziale Entwicklung, überall war und ist - zum Teil bis heute - der Begriff "asiatische Werte" zu finden. Es wurde sogar die Frage aufgeworfen, ob der dominierende zivilisatorische Paradigmenanspruch des Westens zu halten ist, und ob ihm nicht konkurrierende Zivilisationsleitbilder - besonders aus Asien - mit einem eigenen Führungsanspruch entgegentreten. Es wurde gar angenommen, dass es asiatische Werte und soziale Normen gebe, die Lösungen für die gegenwärtigen Probleme der westlichen Zivilisation anbieten. Umso mehr muss man sich fragen, was unter "asiatischen Werten" überhaupt zu verstehen ist.

Die Debatte über "asiatische Werte" stellte - genau genommen - nur auf sehr vermittelte Weise eine Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen kulturellen und politischen Traditionen dar. Eine der charakteristischen Dimensionen dieser Auseinandersetzung war der ökonomische und politische Interessenkonflikt zwischen den alten Industriestaaten Europas und Nordamerikas und den Wachstumsökonomien des pazifischen Raums. Eine andere ist die nach innen gewandte Absicht der Befürworter dieser "asiatischen Werte", den gegenwärtigen politischen und gesellschaftlichen Status quo abzusichern. Deshalb wurde die Diskussion kaum auf einer philosophischen oder staatstheoretischen Ebene geführt. Sie verblieb vielmehr auf einer praktisch-politischen Ebene, auf der die Instrumentalisierung "asiatischer Werte" im Vordergrund stand und z. T. noch immer steht.

Seit Anfang der neunziger Jahre haben sich der frühere Premierminister Singapurs, Lee Kuan Yew, und der Premierminister Malaysias, Mahathir bin Mohamad, offensiv in politische Diskurse eingebracht, in denen seit der "Zeitenwende" 1989 und dem Niedergang des Realsozialismus nach einer "Neuen Weltordnung" gesucht wird. Sie propagierten dabei ihre autoritäre Politik als "den asiatischen Weg". Ihre Länder seien durch "asiatische Werte" zur viel gerühmten Kombination von wirtschaftlichem Fortschritt und gesellschaftlicher Disziplin geführt worden. "Asiatische Werte" seien also für die Stärke und den Erfolg Ostasiens verantwortlich.

Um ihre Argumente zu untermauern, griffen sie in den neunziger Jahren auf die These vom "konfuzianischen Kapitalismus" der Modernisierungstheorie zurück. Die Vertreter der konfuzianischen Kapitalismusthese haben im Hinblick auf den Erfolg Japans und der vier Tigerstaaten (Hongkong, Singapur, Südkorea, Taiwan) seit den sechziger Jahren immer wieder behauptet, die konfuzianische Tradition sei das Geheimnis der wirtschaftlichen Erfolge dieser Länder. Dabei betonten sie Loyalität, Sparsamkeit, Fleiß, Bildung, Friedfertigkeit und Harmonie als wesentliche ethische Merkmale dieser Tradition. Hatte Robert N. Bellah 1968 erklärt, diese konfuzianische Ethik sei das funktionale Äquivalent der puritanischen Wirtschaftsethik,[7] so sprach Peter L. Berger sogar von einer "nicht-individualistischen Version der kapitalistischen Modernität", welche die kollektiven Tugenden der Solidarität und Arbeitsdisziplin konfuzianischer Prägung zur Grundlage hätte.[8]

Ein solches Erklärungsmuster auf Malaysia oder Indonesien anzuwenden setzt Beliebigkeit voraus, da diese Länder ganz sicher nicht konfuzianisch geprägt sind. Für Lee Kuan Yew war dies kein Problem: Man müsse der Bevölkerung die Werte einimpfen, die dem Fortschritt zuträglich sind. Es sei letztlich gleichgültig, "wie sie eingeimpft (!) werden, ob durch Konfuzianismus oder eine andere Art der Vorprogrammierung"[9]. Offensichtlich setzt er die vermeintlich kulturellen Ursachen der ostasiatischen Erfolge ex post mit "asiatischen Werten" gleich. Das hindert ihn auch nicht daran, anderen asiatischen Gesellschaften zu empfehlen, ebenso zu verfahren.

Dabei übersehen Lee Kuan Yew und seine Anhänger die tief greifende Problematik der von ihnen rezipierten Theorie. Denn die Modernisierungstheoretiker müssen sich, abgesehen von der Fragwürdigkeit ihrer Interpretation des Konfuzianismus, den Vorwurf theoretischer Willkür gefallen lassen, da sie eine Reihe wichtiger Veränderungen im sozialpolitischen Geschehen im Ostasien der vergangenen 30, 40 Jahre einfach ignorieren - das Entstehen einer Mittelklasse, die Arbeiter- und die Demokratisierungsbewegungen usw. Allerdings stehen sie damit in der langen Tradition des westlichen Asiendiskurses, welche die konfuzianische Kultur für die politische und sozialwirtschaftliche Entwicklung verantwortlich macht. Diese, sagen wir, kulturalistische Sichtweise, wurde nämlich nicht erst von Max Weber eingeführt: Schon viel früher - bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts - ist sie in Europa zu finden.


Fußnoten

6.
Vgl. Dieter Senghaas, Über asiatische und andere Werte, in: Leviathan, 23 (1995) 1, S. 5.
7.
Vgl. Robert N. Bellah, "Reflections on the Protestant Ethic Analogy in Asia", in: S. N. Eisenstadt (Hrsg.), The Protestant Ethic and Modernization. A Comparative View, New York 1968, S. 234 - 251.
8.
Vgl. Peter L. Berger, An East Asian Development Model?, in: ders./H. Hsiao (Hrsg.), In Search of An East Asian Development Model, New Brunswick, N.J. 1993, S. 6.
9.
Zit. n. Wolfgang Heinz, Gibt es ein asiatisches Entwicklungsmodell? Zur Diskussion über "asiatische Werte", Berichte des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien, Nr. 55, Köln 1995, S. 26.