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6.8.2003 | Von:
Ulrike Lindner

Chronische Gesundheitsprobleme

Das deutsche Gesundheitssystem vom Kaiserreich bis in die Bundesrepublik

In einer zeithistorischen Skizze erläutert die Autorin die Genese eines Systems, das auf die Bismarckschen Sozialreformen zurückgeht. Die überkommenen Strukturen des Gesundheitswesens hätten sich bisher als außergewöhnlich reformresistent gegenüber politischen Steuerungsversuchen erwiesen.

Einleitung

Das deutsche Gesundheitssystem steckt in einer tiefen Krise, die kaum lösbar scheint. Viele der Probleme, insbesondere die schwere Steuerbarkeit des Politikfeldes, haben historische Wurzeln.[1] Die Dominanz einzelner Akteure, insbesondere der freien Ärzteschaft, geht auf eine Kette von Entwicklungen seit den zwanziger Jahren zurück. Die starke organisatorische Kontinuität der Krankenkassen, deren Struktur über die zahlreichen politischen Umbrüche der deutschen Geschichte hinweg fortbestand, prägte das Gesundheitswesen erheblich.




Das weitgehende Fortbestehen der Organisationsstruktur soll im folgenden Überblick verdeutlicht, aber auch die zahlreichen Wendepunkte sollen akzentuiert werden, die das System ebenfalls stark beeinflussten. Dazu zählt die Entscheidung gegen eine Einheitsversicherung und für die Wiedereinführung des alten Kassensystems nach 1945 oder das erste Scheitern einer Krankenkassenreform Ende der fünfziger Jahre. Auch verschiedene strukturelle Defizite des deutschen Gesundheitssystems wie die mangelnde Verknüpfung von sozialen und medizinischen Aspekten, die Vernachlässigung präventiver Medizin sowie die strikte Trennung von ambulanter und stationärer Pflege lassen sich im historischen Kontext besser nachvollziehen.


Fußnoten

1.
Auf die ganz andere Entwicklung des Gesundheitswesens in der DDR kann in der Kürze des Beitrags hier nicht eingegangen werden. Die Untersuchung beruht im Wesentlichen auf Ergebnissen aus meiner Dissertation: Gesundheitspolitik und ihre Umsetzung in der Nachkriegszeit. Großbritannien und die Bundesrepublik Deutschland im Vergleich (i.E.).