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Schrumpfende Städte in Ostdeutschland - Ursache und Folgen einer Stadtentwicklung ohne Wirtschaftswachstum


1.7.2003
Schrumpfende Städte in Ostdeutschland stehen für eine Stadtentwicklung, für die es keine bewährten Bewältigungsstrategien gibt. Die Lösung des Problems durch Rückbau, d.h. den Abriss von Plattenbauten, greift zu kurz.

Hoyerswerda ist überall



Hoyerswerda, 1956 als "zweite sozialistische Wohnstadt der DDR" für die Kohle- und Energiearbeiter des "größten Braunkohle- und Steinkohleveredlungskombinats Europas", Schwarze Pumpe, errichtet, durchläuft seit der Wiedervereinigung einen dramatischen Deindustrialisierungsprozess: Tausende Arbeitsplätze sind verloren gegangen. Gleichzeitig nimmt die Bewohnerschaft der Stadt stetig ab und die verbleibende wird immer älter. In etwa zehn Jahren, so die Prognosen, wird die einst "jüngste Stadt" der DDR annähernd zur Hälfte von PensionärInnen bewohnt sein. Heute handelt es sich bei diesen zwar noch um die relativ gut versorgten KnappschaftsrentnerInnen. Aber künftig werden jene Personengruppen überwiegen, deren Bezüge als Folge von Vorruhestand und jahrelanger Arbeitslosigkeit eine eher trostlose Perspektive bieten: Einkommen/Vermögen und künftige Rentenansprüche sind gering. Hier droht ein Wiederanstieg der Altersarmut. Hinzu kommt, dass die gesamte technische und soziale Infrastruktur der Stadt angesichts der sinkenden Einwohnerzahlen überdimensioniert ist.Dieser Aufsatz verwendet Argumentationen aus einer Veröffentlichung der Autorin, die in der Publikation "Labor Ostdeutschland" der Bundeskulturstiftung, herausgegeben von Kristina Bauer-Volke und Ina Dietzsch, voraussichtlich im Juli 2003 erscheinen wird.

Wie können Stadtmütter und -väter unter diesen Bedingungen ihre Stadt entwickeln? "Was fängt man mit einem Gemeinwesen an", so der ostdeutsche Architekturkritiker Wolfgang Kil zu Recht dramatisierend, "das sich weder durch Zuzüge noch durch eigenen Nachwuchs reproduziert, also de facto zum Aussterben verurteilt ist?" Und weiter: "Was fangen die Bürger dieser Stadt mit sich an, wenn sie mehrheitlich alt und immer älter werden, zunehmend beschwert von körperlicher Mühsal und ohne finanzielle Ressourcen? Wird Hoyerswerda in zehn Jahren ein Rentnerparadies aus zweigeschossigen Hauszeilen, oder doch lieber mit alters- und pflegegerecht aufgerüsteten Hochhäusern, eingebettet in Parkanlagen mit vielen Bänken und Elektromobil-Ausleihservice, Haustierpflegestationen, die berühmte Bergarbeiter-Klinik umgerüstet zum geriatrischen Fachkrankenhaus, in der Lausitzhalle allwöchentlich Musikantenstadl und schließlich die Friedhofsgärtnerei als letzter Arbeitgeber mit garantierter Expansionsaussicht?"[1] Das sind Fragen, die sich heute in fast allen ostdeutschen Städten stellen und vielleicht auch sehr bald in den westdeutschen. Denn unabhängig von Lage, Größe, wirtschaftlicher Basis, Geschichte und administrativem Status zeigen sich die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Wende besonders in den tief greifenden Schrumpfungsprozessen von Städten und Regionen Ostdeutschlands. Es handelt sich dabei um eine Entwicklung, die zwar schon seit der Wende offensichtlich wurde, aber erst seit November 2000 politisch und wissenschaftlich nicht mehr ignoriert wird: "Die neue Herausforderung heißt Umgang mit Schrumpfung."[2] Und erst seit diesem Zeitpunkt werden Möglichkeit und Notwendigkeit urbaner Rückbildungsprozesse diskutiert,[3] ist es politisch opportun, das "Schrumpfen" als neuen, folgenreichen Pfad von Stadtentwicklung auf die Tagesordnung zu setzen.



Fußnoten

1.
Vgl. Wolfgang Kil, Was jetzt fehlt, sind wieder mal Visionen. Rede zur Verleihung des MPW-Journalistenpreises in Berlin am 30. Januar 2002. www.gdw.de/ausgezeichnet/journalistenpreis2001/Preisrede%20Wolfgang%20Kil.pdf
2.
So im Bericht der Kommission "Wohnungswirtschaftlicher Strukturwandel in den neuen Ländern", erarbeitet im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen im November 2000, Berlin 2000, S. 66.
3.
Versuche seitens der Stadtforschung, das Schrumpfen als empirische Realität zu benennen, stießen auf erbitterten Widerstand bei Ministerialbürokratie, Wissenschafts- und Kommunalpolitik.