APUZ Dossier Bild
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7

Multikulturalismus in Kanada - Modell für Deutschland?


17.6.2003
Kanada ist ein Beispiel für einen gut funktionierenden Multikulturalismus. Der kanadische Multikulturalismus könnte Deutschland als Orientierungsmarke für Überlegungen zu Migration und Integration dienen.

Einleitung



Kanada versteht sich seit 1971 aus Überzeugung und mit Stolz als multikulturelle Gesellschaft. Auf die Herausforderung seiner multiethnischen Bevölkerungsstruktur antwortet es seit drei Jahrzehnten mit der Philosophie und Politik des Multikulturalismus.






Deutschland hat sich bisher um eine Antwort auf die Frage, wie es mit seinen stark gewachsenen und weiterhin wachsenden ethnischen Minderheiten umgehen will, gedrückt. Die Politik hat sich zwei Jahrzehnte lang im Bemühen um die Abwehr unerwünschter Zuwanderer verzettelt; die Diskussion um ein durchdachtes Konzept zur Migration und zur Integration der Migrantinnen und Migranten ist erst in den vergangenen Jahren in Gang gekommen. Und in der Wissenschaft sind die Überlegungen zur "multikulturellen Gesellschaft" diffus geblieben, weil dieser Begriff schnell zu einem wert- und emotionsgeladenen Reizwort stilisiert wurde.[1]

Für die Deutschen lohnt sich ein Blick nach Kanada. Sie können dort eine Variante des Multikulturalismus in statu nascendi et agendi beobachten und dabei erkennen, dass sie aus dem "multikulturellen Modell Kanada" etwas für die derzeitige Debatte um Migration und Integration im eigenen Land lernen können.


I. Das "ethnische Mosaik" Kanadas



In der vielschichtigen, hoch differenzierten multiethnischen Struktur der kanadischen Bevölkerung lassen sich vier Hauptgruppen ausmachen: In der zeitlichen Abfolge ihrer Einwanderung nach Nordamerika sind dies die Ureinwohner, die so genannten "Gründernationen" der Anglo- und Frankokanadier, die später eingewanderten europäischen Minderheiten und die so genannten "sichtbaren Minderheiten" aus den Ländern der Dritten Welt, die in der Regel erst seit den siebziger Jahren nach Kanada gekommen sind (siehe die Tabelle S.20).

1. Die "Ersten Nationen" - wie die Ureinwohner ("Indianer", "Eskimos" und "Métis"[2]) seit einigen Jahren offiziell genannt werden - hatten den amerikanischen Kontinent mit einer großen Vielfalt von Kulturen über viele Jahrtausende allein bewohnt. Heute sind sie in Kanada durch die Massen von neuzeitlichen Einwanderern auf kleine, sehr multikulturelle (11 Sprachfamilien, über 600 "bands") Minderheiten reduziert und in eine extreme ökonomische, soziale, kulturelle und politische Randlage abgedrängt worden. Aus reinen Ureinwohnerfamilien stammen nach der jüngsten Erhebung im Jahr 2001 knapp 600 000 der 29,6 Millionen Bewohner Kanadas (1,9 Prozent der Bevölkerung); nimmt man diejenigen aus gemischten Familien - d.h. ein Elternteil oder Vorfahre ist Ureinwohner - hinzu, dann sind es gut 1,3 Millionen oder 4,5 Prozent der Bevölkerung.[3]

2. Die beiden zahlenmäßig, kulturell und politisch dominanten Gruppen des ethnischen Mosaiks sind die Anglo- und Frankokanadier. Da sie das Gebiet des heutigen Kanadas kolonisiert und den modernen kanadischen Staat gegründet haben, nennen sie sich die "Gründernationen". Vor einem Jahrhundert stellten sie noch 90 Prozent der Bevölkerung, seither geht ihr Anteil kontinuierlich zurück. 2001 stammte noch ein gutes Drittel der Kanadier aus rein britischen, französischen oder "kanadischen" Familien, der größere Teil (54 Prozent) kommt inzwischen aus gemischten Familien.[4]

3. Die dritte große Gruppe - die europäischen Minderheiten - wurde in zwei großen Wellen ins Land geholt: die erste an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, um bei der Besiedlung des Westens zu helfen, und die zweite kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Einwanderer wegen der boomenden Nachkriegswirtschaft gebraucht wurden. Ein knappes Drittel der Kanadier - einschließlich derjenigen aus gemischten Familien - gehört dazu; die größte Gruppe stellen die Deutschkanadier (2,7 Millionen), gefolgt von den Italienern, Ukrainern, Holländern, Polen und Norwegern.

4. Die so genannten "sichtbaren Minderheiten" (fast drei Millionen Asiaten sowie ca. eine Million Schwarze, Lateinamerikaner und Araber im Jahr 2001) haben sich erst in den vergangenen drei Jahrzehnten zu einem zahlenmäßig gewichtigen Segment entwickelt. 1967 trat in Kanada ein neues Einwanderungsgesetz in Kraft - das "farbenblinde" Punktesystem, das die Einwanderungserlaubnis insbesondere an die individuelle Qualifikation bindet und auch in der derzeitigen deutschen Diskussion eine wichtige Rolle spielt. Es hatte zur Folge, dass vermehrt Migranten aus Asien - im vergangenen Jahrzehnt insbesondere aus China (davon wiederum viele aus Hongkong) - einwanderten. Mit 13 Prozent der Bevölkerung liegt der Anteil der "sichtbaren Minderheiten" etwas über dem "Ausländeranteil" im Gebiet der früheren Bundesrepublik.


II. Die Philosophie des Multikulturalismus



Wie geht Kanada mit dieser ethnischen Vielfalt um?[5] In den sechziger Jahren wurde dazu das Konzept des Multikulturalismus entwickelt, das dann 1971 zur bis heute gültigen Staatsideologie erhoben wurde. Die Kanadier sind nicht nur die ideellen Erfinder der multikulturellen Gesellschaft, sondern sie haben dieses Konzept auch als erste in praktische Politik umgesetzt.

Die "Philosophie des Multikulturalismus" lässt sich zu sieben Grundprinzipien zusammenfassen:

1. Prinzipielles Ja zur ethno-kulturellen Verschiedenheit (diversity): Die ethno-kulturelle Verschiedenheit wird prinzipiell positiv eingeschätzt - nicht nur, weil sie als Grundtatbestand der kanadischen Wirklichkeit gilt, sondern auch, weil man sie für vorteilhaft und produktiv hält. Es wird angenommen, dass sie Kräfte enthält, die der kanadischen Gesellschaft als Ganzes unter dem Strich mehr nützen als schaden. Ethno-kulturelle Vielfalt ist demnach Kraftquelle und Bereicherung.

2. Recht auf kulturelle Differenz: Alle Menschen und Gruppen haben das Recht auf Erhaltung und Pflege ihrer kulturellen Besonderheiten. Es besteht also ein Recht, aber keine Pflicht oder gar Zwang zur ethnischen Identifikation.

3. Prinzip der kulturellen Gleichwertigkeit und gegenseitigen Toleranz: Die verschiedenen ethno-kulturellen Gruppen sind gleichwertig. Aus diesem Prinzip leitet sich das Gebot gegenseitiger Toleranz ab.

Der Identifikation mit der Herkunftsgruppe soll jedoch die Identifikation mit der Gesamtgesellschaft vorausgehen. Erlaubt ist eine hierarchisch strukturierte Doppelidentität. Die Identifikation mit Kanada soll dabei primär, die Identifikation mit der Herkunftsgruppe sekundär sein. Der "Bindestrich-Kanadier" soll also in erster Linie Kanadier und erst in zweiter Linie Engländer, Schotte, Québécois, Deutscher, Ukrainer oder Chinese sein.

4. Sicherheit-Kontakt-Hypothese: Das Recht auf Differenz gründet u.a. auf der empirisch bestätigten sozialpsychologischen "Sicherheit - und - Kontakt-Hypothese": Die Verankerung in der Eigengruppe fördert das Selbstbewusstsein und die psychische Sicherheit der Individuen und schafft so die Voraussetzungen für die Offenheit gegenüber anderen ethno-kulturellen Gruppen, die Toleranz und interethnische Kontakte erst ermöglichen.[6]

5. Einheit-in-Verschiedenheit (unity-within-diversity): Ein Kern von gemeinsamen Grundwerten und -regeln (Verfassung, Gesetze, gemeinsame Sprache) garantiert den Zusammenhalt des Ganzen und setzt der Verschiedenheit und dem Recht auf kulturelle Differenz und dem Prinzip der kulturellen Gleichwertigkeit Grenzen. Der gemeinsame Rahmen hat einen klaren Vorrang vor den besonderen Teilkulturen. Einwanderer dürfen nur diejenigen Teile ihrer Kultur erhalten und pflegen, die nicht im Widerspruch zum verbindlichen gemeinsamen Kern stehen ("selektive Bewahrung der Kultur"). Die Gleichheit der Frau sowie häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder sind typische Bereiche, in denen manche Herkunftskulturen mit dem gemeinsamen Kern kollidieren. Da die Kernnormen dem europäischen Kulturkreis entstammen, relativiert das Prinzip "Einheit-in-Verschiedenheit" die Rechte auf kulturelle Differenz und Gleichwertigkeit; de facto gibt es eine Hierarchie der ethno-kulturellen Gruppen: Je mehr eine Kultur dem gemeinsamen Kern widerspricht, desto mehr werden ihr Unterordnung und Verzicht abverlangt.

Die Grenzziehung zwischen Verschiedenheit und Einheit (wo endet die gleichberechtigte Verschiedenheit, wo müssen sich kulturelle Besonderheiten dem gemeinsamen Kern unterordnen?) ist in einigen Punkten umstritten und Teil des politischen Diskurses.

6. Recht auf gleiche Chancen: Mit dem liberalen Recht auf kulturelle Differenz ist das soziale Recht auf gleiche Chancen bei der Teilhabe an der kanadischen Gesellschaft verbunden. Der kanadische Multikulturalismus ist also nicht auf die kulturelle Ebene beschränkt, wie es der Terminus Multi-"Kulturalismus" suggerieren könnte, sondern er hat eine liberal-soziale Doppelnatur und enthält zwei fundamentale Rechte: neben dem Recht auf kulturelle Verschiedenheit auch das Recht auf soziale Chancengleichheit. Seine Herausforderung besteht darin, zwei Ziele gleichzeitig zu erreichen: kulturelle Verschiedenheit zu erhalten und ethnisch bedingte soziale Ungleichheit abzubauen.

7. Management-Annahme: Multikulturalismus in dem skizzierten Sinne entwickelt sich nicht von selbst, sondern bedarf des politischen Managements - der politischen Ermutigung und Förderung.

Wichtige Bestandteile der Multikulturalismus-Philosophie werden in der Metapher des "ethnischen Mosaiks" eingefangen. Damit will sich Kanada bewusst und nachdrücklich vom "Schmelztiegel"-Ideal der USA abgrenzen: Die Vielfalt der Kulturen soll nicht in einem "melting pot" eingeschmolzen werden, sondern jede ethno-kulturelle Gruppe soll - wie die Steinchen bzw. Teile eines Mosaiks - ihre spezifische Farbe oder Form erhalten. Alle Gruppen zusammen formieren sich dann mit ihren Besonderheiten zu einem bunten und vielgestaltigen Gesamtbild.


III. Multikulturalismus-Politik



1971 proklamierte der liberale Premierminister Pierre Trudeau die "Politik des Multikulturalismus in einem zweisprachigen Rahmen" zur zentralen Leitlinie künftiger kanadischer Politik. Es wurde zügig eine Fülle von neuen Ämtern, Behörden und Beratergremien auf allen politischen Ebenen eingerichtet, um die Multikulturalismus-Prinzipien in konkrete politische Programme und Aktivitäten umzusetzen. Und unter der konservativen Regierung Brian Mulroney wurde der Multikulturalismus 1985 als Grundrecht in der kanadischen Verfassung verankert und 1988 im "Multikulturalismusgesetz" rechtlich konkretisiert. Dieses verpflichtet die kanadische Regierung unter anderem darauf, den Multikulturalismus als "unschätzbare Ressource" für Kanadas Zukunft und die Freiheit aller anzuerkennen, "ihr kulturelles Erbe zu bewahren, zu fördern und zu teilen". Das "Gesetz für gleiche Beschäftigungschancen" (Employment Equity Act, 1986) sieht die gezielte Förderung der "sichtbaren Minderheiten" und der "Ersten Nationen" vor. Die Schwerpunkte der politischen Aktivitäten haben sich den veränderten Problemlagen angepasst: Ging es in den siebziger Jahren vor allem um die Förderung der vielfältigen kulturellen Traditionen insbesondere der europäischen Minderheiten ("celebrating differences"), so stehen seit den achtziger Jahren die Probleme der neu eingewanderten "sichtbaren Minderheiten" - Anti-Rassismus und Chancengleichheit - im Zentrum. Ein mehr folkloristischer Multikulturalismus verwandelte sich in einen stärker bürgerrechtlichen Multikulturalismus.


IV. Hintergründe für die Entstehung des Multikulturalismus



Die kanadische Einwanderungsgesellschaft hat den Multikulturalismus nicht quasi automatisch hervorgebracht. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein war Kanada eine primär anglo-konformistische Gesellschaft, und der Umgang der britischen Mehrheit mit einigen Minderheiten trug ausgeprägt hegemoniale, rassistische und segregationistische Züge. So sahen sich z.B. die angeworbenen Arbeiter aus China Ende des 19. Jahrhunderts rassistischen Übergriffen ausgesetzt, nachdem sie nicht mehr für den Eisenbahnbau gebraucht wurden. Die Agitation der "Asiatic Exclusion League" - einer ihrer Slogans: "We don't want Chinamen in Canada. This is a white man' s country(...)" ("Wir wollen keine ,Chinamen` in Kanada. Dies ist ein Land des weißen Mannes (...)") - malte das Gespenst der "gelben Gefahr" an die Wand. In der Folge immer höherer Kopfsteuern für chinesische Einwanderer und eines Einwanderungsverbots in den Jahren 1923 - 1947 kam der Zuzug aus China völlig zum Erliegen. Die Wunden, die durch die Kampagnen gegen die "Chinamen" geschlagen wurden, sind heute noch in öffentlichen Diskussionen spürbar.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg setzte ein Umdenken ein - nicht zuletzt deshalb, weil Ureinwohner und asiatische Minderheiten in der kanadischen Armee im Zweiten Weltkrieg ihren Blutzoll entrichtet hatten und Einwanderer im Zuge des Wirtschaftsbooms der Nachkriegszeit wieder dringend gebraucht wurden.

Die eigentlichen politischen und auch ideellen Anstöße für den Multikulturalismus gingen vom traditionellen Konflikt zwischen Anglo- und Frankokanadiern aus. Die separatistischen Bestrebungen in der frankokulturellen Provinz Québec in den sechziger Jahren zwangen dazu, das Miteinander der beiden "Gründerkulturen" zu überdenken. In diese Debatte um den kanadischen Bi-Kulturalismus klinkten sich die europäischen Minderheiten als "dritte Kraft" wirkungsvoll ein, und es war nahezu zwingend, dass dabei der Bi-Kulturalismus zum Multi-Kulturalismus weitergedacht und -entwickelt wurde. Und der Multikulturalismus konnte politische Wirkung entfalten, weil die europäischen Minderheiten inzwischen zu einem beachtlichen Wählerpotenzial herangewachsen waren, das keine Partei ohne Schaden ignorieren konnte. Überspitzt kann man sagen: Der Multikulturalismus ist ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt des Québec-Separatismus.


V. Kritik - aber keine Erschütterung



Der Multikulturalismus blieb und bleibt in Kanada nicht unwidersprochen. Die Quebecer und die "Ersten Nationen" meldeten von Anfang an grundlegende Vorbehalte an, weil sie nicht zu einer ethnischen Gruppe unter vielen herabgestuft werden wollten und um ihre Sonderrechte als "Gründernation" bzw. als Ureinwohner (als "citizens plus"[7]) fürchteten. Aus dem linken Spektrum kommt der Vorwurf, der Multikulturalismus lenke durch "rhetorischen Schnörkel" und folkloristisch-kulinarische Festivals von den eigentlichen Problemen der ethnischen Minderheiten ab; er sei ein ausgeklügeltes Manöver, um die Wählerstimmen der ethnischen Minderheiten einzufangen und gleichzeitig von deren realen Schwierigkeiten abzulenken.[8] Andere sehen im Multikulturalismus - mit seiner automatischen Klassifikation der Menschen nach Rasse und Herkunft - eine Form des verschleierten, politisch korrekten Rassismus.[9] Und im rechten Spektrum befürchtet man insbesondere Zerfallserscheinungen durch Ethnisierung - die "Tribalisierung", "Balkanisierung" oder auch "Babylonisierung" der kanadischen Gesellschaft; den Aufbau sozialer Mauern durch eine zu starke Identifikation mit den ethnischen Eigengruppen; die Aushöhlung der westlich-europäisch geprägten Kultur durch Wertrelativismus.[10]

Die kurz skizzierte Diskussion um den Multikulturalismus ist gleichzeitig eine Warnung davor, die kanadische Situation zu idealisieren: Philosophie und Realität des Multikulturalismus decken sich nicht immer. In diesem Zusammenhang ist auch erwähnenswert, dass die multikulturelle Staatsideologie die bei Teilen der kanadischen Bevölkerung herrschende rassistische Einstellung nicht beeinflussen konnte[11] und gerade in jüngster Zeit die Warnungen vor zu vielen Einwanderern lauter geworden sind.[12]

Die kritischen Einwände und die Hinweise auf Probleme haben allerdings das allgemeine Selbstverständnis Kanadas als multikulturelle Gesellschaft nicht ernsthaft erschüttern können. Unter den politischen Eliten außerhalb Québecs und jenseits der "Ersten Nationen" werden die Prinzipien des Multikulturalismus parteiübergreifend anerkannt - nicht zuletzt um "ethnische Wähler" nicht zu verprellen. Wer in Kanada eine Kampagne "Kinder statt Inder" unterstützen oder Zuwanderer in solche, "die uns nützen", und solche, "die uns ausnützen", unterteilen würde, wäre umgehend von der politischen Bildfläche verschwunden. Die politischen Eliten spiegeln dabei durchaus die Grundstimmung in der Bevölkerung wider. In den Repräsentativumfragen der neunziger Jahre wird der Multikulturalismus von einer stabilen Mehrheit von 60 bis 70 Prozent der Kanadier unterstützt.[13] So stimmten z.B. 1999 74 Prozent der Kanadier der Aussage zu, "unser multikulturelles und multirassisches Make-Up" sei ein "wichtiger Teil dessen, was uns zu Kanadiern macht". Nur ein geringer Teil der Bevölkerung lehnt den Multikulturalismus explizit ab.[14]


VI. Modell für Deutschland?



Hat der kanadische Multikulturalismus Modellcharakter für Deutschland? Meine Antwort auf diese Frage besteht aus drei Teilen: im Prinzip ja, aber in der Realität nein - dennoch ist ein Blick nach Kanada sinnvoll, denn wir können von diesem Land lernen.

Im Prinzip ja, weil Philosophie und Politik des kanadischen Multikulturalismus erheblich besser als die bisherige deutsche "Ausländerpolitik" zu einem abendländischen Wertehorizont passen, der von Leitwerten wie Humanität, Toleranz und Gleichheit bestimmt wird. Der Umgang mit ethnischen Minderheiten ist in Kanada toleranter und humaner; der Assimilationsdruck der dominanten Kultur ist geringer; ethnische Minderheiten sind willkommen, sie werden als nützliche Teile der Gesellschaft angesehen und relativ schnell mit gleichen Rechten ausgestattet; die Forderung nach Chancengleichheit wird staatlich unterstützt.

Aber - und damit komme ich zum zweiten Teil meiner Antwort - dieses sympathische Modell ist nicht von heute auf morgen auf die deutsche Realität übertragbar. Denn es ist in einem spezifischen historischen, sozialstrukturellen, kulturellen und politischen Kontext entstanden. Der Versuch, den kanadischen Multikulturalismus aus diesen Zusammenhängen zu lösen und in völlig andere Kontexte zu verpflanzen, wäre ein utopisches Unterfangen.

Auf den ersten Blick gibt es durchaus gewisse Ähnlichkeiten zwischen Deutschland und Kanada: Beide Länder sind aus humanitären Gründen zur Aufnahme von Flüchtlingen verpflichtet; beide Länder haben auch einen ökonomisch-demographischen Bedarf an Einwanderern, und beide können diesen Bedarf ohne Probleme befriedigen, weil sie wegen der sehr guten Lebensbedingungen eine große Anziehungskraft auf Wanderungswillige in aller Welt ausüben. Aber die Unterschiede zwischen beiden Gesellschaften, von denen ich vier kurz skizzieren möchte, sind doch massiv. Sie machen eine Übertragung des kanadischen Konzepts auf Deutschland problematisch.

1. Sieht man einmal von dem Spezialfall der Ureinwohner ab, dann war Kanada von Anfang aneine Gesellschaft von Einwanderern. Die Geschichte Kanadas ist die Geschichte einer kontinuierlichen Zuwanderung von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Systemen. Deutschland dagegen ist von Beginn an eine Gesellschaft von Einheimischen, das Land der Deutschen; die Bezeichnung "Deutschland" bringt dies unmissverständlich zum Ausdruck. Kontinuierliche multiethnische Einwanderung ist ein relativ neues Phänomen und hat auch nicht die kanadischen Dimensionen: Die Zahl der Einwanderer war und ist in Kanada relativ gesehen (pro Kopf der Bevölkerung) etwa viermal so hoch wie in Deutschland; außerdem ist die Fluktuation unter den Migranten Kanadas gering; es gibt kaum "Gastarbeiter", sondern in erster Linie "echte" Einwanderer.

2. Diese Unterschiede in der Migrationsgeschichte haben Folgen für die Sozialstruktur, die Kultur und das Staatsverständnis der beiden Länder. Kanada war von Anfang an bi-ethnisch; dazu kommen die vielen verschiedenen Ethnien der "Ersten Nationen". Im Verlauf des letzten Jahrhunderts hat sich Kanada dann zu einer dynamischen multiethnischen Gesellschaft entwickelt, deren Muster sich ständig verändert. Die ethno-kulturelle Heterogenität ließ keinen Nationalstaat im Sinne einer Kulturnation zu, sondern das kanadische Staatsverständnis orientierte sich an der angelsächsischen Idee der Staatsnation. Dieses Konzept ist inklusiv. Es beruht nicht auf der Abstammung oder einer bestimmten Kultur, sondern auf dem individuellen Loyalitätsbekenntnis seiner Bürger; daher kann es verschiedene ethno-kulturelle Gruppen unter seinem Dach vereinen.

Deutschland dagegen ist seit seiner Gründung eine im Wesentlichen monoethnische Gesellschaft, die Zugehörigkeit zur deutschen Kultur war und ist das einigende Band. Das deutsche Staatsverständnis wird durch das Konzept der Kulturnation geprägt, die Zugehörigkeit als Staatsbürger beruht auf dem exklusiven Prinzip der Abstammung.[15] Das multiethnische Segment ist in Deutschland relativ neu und relativ klein; es sieht sich einer bodenständig gewachsenen, mächtigen Mehrheitskultur ausgesetzt, die einen starken Assimilationsdruck ausübt.

3. Dieser Assimilationsdruck ist auch deshalb besonders ausgeprägt, weil das multiethnische Segment in Deutschland strukturell ausgesprochen schwach blieb. Das Land ist durch ethnische Minderheiten weitgehend "unterschichtet", und diese sind - u.a. wegen einer restriktiven Einbürgerungspraxis und fehlender politischer Rechte - politisch weitgehend ohnmächtig. Zu einer wirklichen "zweiten Kraft" im sozialen und politischen Kräftefeld konnten sie sich bisher nicht entwickeln. Langfristig wird das politische Gewicht der ethnischen Minderheiten durch die Erleichterung der Einbürgerung aber zunehmen, weil damit die Zahl der "ethnischen Wähler" steigt.

In Kanada dagegen sind die ethnischen Minderheiten - sieht man einmal von den extrem marginalisierten "Ersten Nationen" ab - strukturell deutlich besser platziert. Die Aufstiegs- und Einkommenschancen der europäischen Minderheiten sind teils genauso gut, teils sogar besser als die der beiden Gründernationen.[16] Die Einwanderer aus China sind überdurchschnittlich qualifiziert, und die Bildungschancen ihrer Kinder sind besonders gut. Die UBC (University of British Columbia) in Vancouver wird manchmal schelmisch zur "University of Better China" deklariert, weil schätzungsweise die Hälfte der Studierenden asiatischer Herkunft ist, während der Anteil der Minderheiten aus Asien im Einzugsgebiet der Universität deutlich niedriger liegt. Und in Vancouver weisen sowohl die armen als auch die wohlhabenden Stadtviertel überdurchschnittliche Anteile an Chinokanadiern auf. Symbol chinokanadischen Reichtums sind die Prunkvillen der "Hongkong-Millionäre", die in den neunziger Jahren zahlreich in die kanadische Pazifikprovinz einwanderten und neben ihren guten Kontakten in die internationale Wirtschafts- und Handelswelt auch viel Geld und Kapital ins Land brachten. Kanada ist also durch ethnische Minderheiten nicht nur "unterschichtet", sondern zum Teil auch "überschichtet". Das Wahlrecht sowie die Vertretung der Minderheiten in Parlamenten und Regierungen - und auch in anderen wichtigen Institutionen wie den Massenmedien - verleihen den Minoritäten politisches Gewicht.

Fasst man die bisherigen drei Punkte zusammen, dann kann man sagen: Kanada ist wie die USA oder Australien ein Einwanderungsland klassischen Typs - mit einer langen Einwanderungsgeschichte, einer langen multiethnischen Tradition, einem Selbstverständnis als inklusive Staatsnation und strukturell vergleichsweise gut platzierten ethnischen Minderheiten. Deutschland ist dagegen ein Einwanderungsland modernen Typs, dem diese vier Elemente fehlen.

4. Hinzu kommt noch ein vierter wichtiger Unterschied: Der kanadische Multikulturalismus ist aus einer spezifischen historischen Herausforderung des bi-kulturellen Kanada entstanden, bei der die europäischen Minderheiten als "dritte Kraft" auftraten. In Deutschland gibt es keine entsprechende historische Herausforderung, und es fehlt den Einwanderern bisher, wie erwähnt, an politischem Gewicht. Zudem existiert im politischen System Deutschlands keine liberale Kraft, die der Liberalen Partei Kanadas vergleichbar wäre. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Kanada insgesamt vier Jahrzehnte lang von den Liberalen regiert. Und der Multikulturalismus ist in zentralen Punkten -wie Akzeptanz der "diversity", Recht auf kulturelle Differenz, Prinzip der kulturellen Gleichwertigkeit und gegenseitigen Toleranz - ein liberales Konzept.

Die Vorstellung, den kanadischen Multikulturalismus auf Deutschland zu übertragen, ist also utopisch. Dennoch können die Deutschen von Kanada lernen. Gemäß dem Motto von Max Weber "Man muss das Utopische denken, um das Mögliche zu erkennen" kann der kanadische Multikulturalismus eine Orientierungsmarke sein - ein Leuchtturm, der vage und grob die Richtung angibt, in die Überlegungen zu Migration und Integration gehen können. Ich möchte auch dazu drei Gedanken skizzieren.

1. Migration und Integration sollten nicht sich selbst überlassen bleiben; sie bedürfen eines durchdachten politischen Managements - unter anderem deshalb, weil eine ungesteuerte Zuwanderung Ängste und Befürchtungen auslösen kann. Auch in Kanada kam es bei geringfügigen unvorhergesehenen Zwischenfällen, die von den Planungen der Einwanderungspolitik abwichen (z.B. bei der Ankunft von Tamilen und Sikh in Flüchtlingsbooten), zu Angstreaktionen mit rassistischen Untertönen.

2. Der öffentliche Diskurs über Migration und Integration bedarf in Deutschland einer grundlegenden Akzentverschiebung hin zu einem eindeutigen und klaren Ja zur Einwanderung. Einwanderung muss als Notwendigkeit und Chance begriffen werden, nicht als Bedrohung. Probleme sollten dabei nicht tabuisiert werden, aber sie dürfen den Diskurs nicht beherrschen - wie es bisher in der Regel der Fall war.[17] Behutsam geführte öffentliche Diskussionen über Quoten und Kriterien der Einwanderung sowie über Konzepte und Programme zur Integration könnten dem politischen Management von Migration und Integration die notwendige demokratische Legitimität verleihen. In Kanada werden Migrations- und Multikulturalismusprobleme aus der Wahlkampfpolemik und hitzigem Parteienstreit herausgehalten.

3. Aus der komplexen und komplizierten Problematik der Integration möchte ich nur einen zentralen Gedanken des kanadischen Multikulturalismus herausgreifen: das Konzept der "multikulturellen Integration" mit seinem dualistischen Prinzip "Einheit-in-Verschiedenheit". Es ist erheblich besser geeignet, die Beziehungen zwischen den ethnischen Gruppen in einer multiethnischen Gesellschaft angemessen zu erfassen, als tendenziell monokulturelle Assimilationsvorstellungen, die unter deutschen Wissenschaftlern[18] und Politikern weit verbreitet sind (dazu gehört z.B. die Idee der "deutschen Leitkultur"). Eingliederung in Form von Assimilation wird den Befindlichkeiten vieler Migranten nicht gerecht, weil sie den Verzicht auf die Herkunftskultur verlangt. Das Assimilationskonzept ist daher kein geeignetes Instrument, um die interethnischen Beziehungen in einer multiethnischen Gesellschaft angemessen zu erfassen. Die zweipolige flexible Formel von der "Einheit-in-Verschiedenheit" trägt dagegen nicht nur den Bedürfnissen der Minderheiten nach Differenz, sondern auch den Ansprüchen der Mehrheit auf Achtung ihrer Grundwerte und Grundregeln Rechnung. Durch die Suche nach der "richtigen Balance zwischen Einheit und Verschiedenheit" sensibilisiert sie sowohl für übermäßigen hegemonialen Assimilationsdruck als auch für die Gefahren ethnischer Abschottung und Segregation. Mit der Frage nach der Grenzlinie zwischen notwendiger Einheit und möglicher Verschiedenheit lassen sich viele Probleme multiethnischer Gesellschaften - z.B. im Bereich von Bildung und Sozialisation, bei der Relevanz der ethnic communities, im Bereich von Öffentlichkeit und Medien, der doppelten Staatsbürgerschaft - in einer Weise analysieren, welche die Interessen von Minderheiten und Mehrheit gleichzeitig im Blick hat.


1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7
Alles auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Ein guter Abriss der Diskussion bei Alf Mintzel, Multikulturelle Gesellschaften in Europa und Nordamerika, Passau 1997, S. 24 - 38.
2.
Nachkommen aus früheren Verbindungen und Ehen von Europäern und Ureinwohnern; mit einer besonderen Identität als Métis und einem spezifischen Rechtsstatus; überwiegend in den Prärie-Provinzen Westkanadas ansässig.
3.
Zur Geschichte der "Ersten Nationen" vgl. Arthur Ray, I Have Lived Here Since the World Began. An Illustrated History of Canada's Native People, Toronto 1996; zu ihrer derzeitigen Situation James S. Frideres, Aboriginal Peoples in Canada, Scarborough 19985.
4.
Vgl. Anm. 3 und 4 der Tabelle. Genaue Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung bei Leo Driedger, Multi-ethnic Canada, Toronto u.a. 1996, S. 62. Im Zensus von 1996 werden Familien ausgewiesen, in denen mindestens ein Elternteil oder Vorfahre - also homogene und gemischte Familien - zu den "Gründernationen/Kanadiern" gehört; ihr Anteil betrug zu diesem Zeitpunkt 72 Prozent. Die Zensus-Daten von 2001 weisen diese Gruppe nicht aus, sie fassen die "Mischungen" unter den Gründernationen/Kanadiern mit den Verbindungen zwischen diesen Gruppen und anderen Minderheiten zu den "gemischten Familien" zusammen.
5.
Dieses Kapitel stützt sich im Wesentlichen auf verschiedene Dokumente (Rede Pierre Trudeaus im House of Commons am 8. Oktober 1971; Multiculturalism Act 1988; Ontario Policy On Multiculturalism) sowie auf Augie Fleras/Jean L. Elliot, Engaging diversity. Multiculturalism in Canada, Scarborough 2002; Augie Fleras/Jean L. Kunz, Multicultural Canada, in: dies., Media and Minorities, Toronto 2001, S. 3 - 27; Richard J. F. Day, Multiculturalism and the History of Canadian Diversity, Toronto u.a. 2000; John W. Berry/Jean A. Laponce (Hrsg.), Ethnicity and Culture in Canada, Toronto u.a. 1994.
6.
Vgl. Rudolf Kalin/John W. Berry, Ethnic and Multicultural Attitudes, in: J. W. Berry/J. A. Laponce (Anm. 5), S. 293 - 321.
7.
Vgl. J. S. Frideres (Anm. 3), S. 290.
8.
Vgl. B. Singh Bolaria/Peter S. Li, Racial Oppression in Canada, Toronto 19882; A. Fleras/J. L. Kunz (Anm. 5), S. 23.
9.
Z. B. Ayn Rand Institute, Multiculturalism and diversity - The new racism, 2000 - zu finden unter: http://multiculturalism.aynrand. org.
10.
Einflussreich waren die Bücher von Reginald W. Bibby, Mosaic Madness, Toronto 1990 und Neil Bissoondath, Selling Illusions. The Cult of Multiculturalism, Toronto 1994; vgl. auch Gilles Paquet, Political Philosophy of Multiculturalism, in: J. W. Berry/J.A. Laponce (Anm. 5), S. 60 - 80; Gina Mallet, Has diversity gone too far?, in: The Globe and Mail vom 15. März 1997; Kenneth McRoberts, Misconceiving Canada. The struggle for national unity, Toronto 1997.
11.
Vgl. dazu Frances Henry u.a., The Colour of Democracy. Racism in Canadian Society, Toronto 20002.
12.
Z.B. Mary Janigan, Immigrants. How many is too many? in: MCLEAN'S vom 16. Dez. 2002, S. 20 - 27; vgl. auch Heribert Adam, Wohlfahrtsstaat, Einwanderungspolitik und Minderheiten in Kanada: Modell für Deutschland und Europa?, in: Andreas Treichler (Hrsg.), Wohlfahrtsstaat, Einwanderung und ethnische Minderheiten, Wiesbaden 2002, S. 343.
13.
A. Fleras/J. L. Kunz (Anm. 5), S. 22.
14.
Vgl. MCLEAN'S vom 12. Dezember 1999, S. 49.
15.
Heribert Adam hat wiederholt auf diese unterschiedlichen Staatskonzeptionen hingewiesen, zuletzt in H.Adam (Anm. 12), S. 341.
16.
Vgl. L. Driedger (Anm. 4), S. 198ff.
17.
Zur Darstellung der Migranten in deutschen Massenmedien vgl. Rainer Geißler, Der bedrohliche Ausländer. Zum Zerrbild ethnischer Minderheiten in Medien und Öffentlichkeit, in: Markus Ottersbach/Sebastian K. Trautmann (Hrsg.), Integration durch soziale Kontrolle, Köln 1999, S. 23 - 38; ders., Bessere Präsentation durch bessere Repräsentation. Anmerkungen zur medialen Integration von ethnischen Minderheiten, in: Heribert Schatz/Christina Holtz-Bacha/Jörg-Uwe Nieland (Hrsg.), Migranten und Medien, Wiesbaden 2000, S. 129 - 146; Georg Ruhrmann/Songül Demren, Wie Medien über Migranten berichten, in: ebd., S. 69 - 81.
18.
Vgl. Hartmut Esser, Aspekte der Wanderungssoziologie, Neuwied 1980; Annette Treibel, Migration in modernen Gesellschaften, Weinheim-München 19992, S. 140ff.