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17.6.2003 | Von:
Jürgen R. Winkler

Ursachen fremdenfeindlicher Einstellungen in Westeuropa

Befunde einer international vergleichenden Studie

II. Fremdenfeindlichkeit in Westeuropa

Eine vergleichende Analyse sollte zunächst eine Antwort auf die Frage nach dem Ausmaß individueller Fremdenfeindlichkeit in den Ländern Westeuropas geben. Zur Beantwortung dieser Frage wurde die Haltung der Bürger zu Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur auf der Grundlage der von der Europäischen Kommission erhobenen Daten in den 15 EU-Ländern gemessen. Herangezogen wurden 25 auf Angehörige anderer Rasse, Nationalität und Kultur bezogene Aussagen, zu denen die Bürger abgestuft Stellung nehmen konnten.

Das im Rahmen des genannten Projekts gemessene Konstrukt umfasst fünf Dimensionen. Eine erste Dimension betrifft soziale Vorurteile. Sie drückt eine generalisierte negative Einstellung gegenüber ethnischen Gruppen aus, die als Motiv diskriminierender Handlungen dient. Eine zweite Dimension soll kulturelle Abwehrhaltung heißen. Sie drückt wahrgenommene kulturelle Unterschiede zwischen Staatsbürgern der EU-Länder und den Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur aus. Diese werden als Rechtfertigung dazu benutzt, Menschen anderer Nationalität, Rasse und Kultur abzuwehren und unter dem Vorwand kultureller Differenzen auszugrenzen. Eine dritte Dimension betrifft die Haltung zur Immigration, eine vierte die Einstellung zur Anwesenheit von Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur, und zwar unabhängig davon, ob es sich um Immigranten handelt. Fünftens konnten sich die Bürger in den Umfragen auf einer Rassismusskala selbst einstufen. Die Selbstverortung auf der Skala soll "subjektiver Rassismus" heißen.

Hinter den fünf Dimensionen verbirgt sich ein so genannter Faktor zweiter Ordnung, der im Folgenden "Fremdenfeindlichkeit" heißt. Geht man von einem Kontinuum aus, kann zum besseren Verständnis das eine Ende als "fremdenfreundlich", das andere als "fremdenfeindlich" bezeichnet werden. Alle Individuen nehmen auf diesem Kontinuum einen empirisch ermittelbaren Platz ein. Je näher eine Person dem Ende "fremdenfeindlich" kommt, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie abwertende Aussagen im Hinblick auf Angehörige anderer Nationalität, Rasse und Kultur bejaht. Die im Mittel errechneten Werte für die Staatsbürger eines Landes geben das Niveau individueller Fremdenfeindlichkeit in den Ländern an.

Mit Hilfe dieser Methode lassen sich erhebliche Unterschiede im Ausmaß von Fremdenfeindlichkeit in Westeuropa nachweisen. Der höchste Wert zeigt sich in Belgien. Mit Abstand folgen Dänemark und Deutschland sowie Frankreich und Österreich. Die freundlichste Einstellung zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur findet sich in Spanien. Danach kommen Irland und Finnland. Auch Portugal und Luxemburg zählen zu den relativ fremdenfreundlichen Ländern. In der mittleren Gruppe finden sich Italien, Schweden, Großbritannien und Griechenland. Auffallend sind nicht nur die Unterschiede zwischen den fünfzehn in die Analyse einbezogenen Ländern, sondern auch jene zwischen den mitteleuropäischen und skandinavischen Ländern. So weist Belgien eine weit höhere Fremdenfeindlichkeit auf als das benachbarte Luxemburg und Dänemark eine weit höhere als Finnland.