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17.6.2003 | Von:
Jürgen R. Winkler

Ursachen fremdenfeindlicher Einstellungen in Westeuropa

Befunde einer international vergleichenden Studie

III. Einflüsse sozialer Bedingungen

Ein großer Teil der Bürger in den Ländern der EU weist eine mehr oder weniger negative Einstellung zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur auf. Was das Geschlecht betrifft, zeigt sich, dass Männer in der Bundesrepublik Deutschland und in Luxemburg sowie in Portugal und Finnland etwas negativer zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur eingestellt sind als Frauen. In Frankreich weisen dagegen Frauen höhere Werte auf. Bezieht man weitere Determinanten von Fremdenfeindlichkeit in die Untersuchung ein, verschwinden die Unterschiede jedoch fast vollständig.

Die Forschung ist lange davon ausgegangen, dass Personen, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in einem Klima von Misstrauen sozialisiert wurden, vergleichsweise starke negative Einstellungen gegenüber Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur generierten. Mit der politischen Sozialisation in einem relativ liberalen Klima nach dem Zweiten Weltkrieg lernten die nachwachsenden Generationen positivere Einstellungen zu ihnen. Im Zuge des Generationenaustausches konnte so ein stetig sinkendes Niveau von Fremdenfeindlichkeit erwartet werden. Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts ist diese positive Betrachtungsweise allerdings zunehmend in Frage gestellt worden. Die vergleichenden Analysen zeigen aber, dass die nachwachsenden Generationen auch um die Jahrtausendwende Angehörige anderer Nationalität, Kultur und Rasse freundlicher bewerten. Je älter die Staatsbürger sind, desto negativer ist ihre Einstellung zu ethnischen Minderheiten. Am größten ist dieser Zusammenhang in Frankreich. In den meisten Ländern hat sich eine positivere Haltung zu Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur parallel zur Genese neuer Werte herausgebildet. Vergleicht man ältere und jüngere Staatsbürger mit ähnlichen Wertorientierungen, zeigen sich denn auch mit Ausnahme von Großbritannien und Dänemark sowie Österreich und Griechenland keine nennenswerten altersspezifischen Unterschiede in der Haltung zu ethnischen Minderheiten.

In neuerer Zeit hat die Forschung stärker den Einfluss von Bildung auf Fremdenfeindlichkeit thematisiert. Zahlreiche Studien zeigen, dass die Einstellung zu Menschen anderer Rasse und Kultur um so negativer ausfällt, je niedriger der Bildungsgrad ist. Auch die äquivalenten Erhebungen in den Ländern der EU belegen diese Beziehung. Besonders in den Niederlanden, in Frankreich und Großbritannien zeigen sich starke Zusammenhänge. Je älter die Menschen sind und je geringer deren Bildungsniveau ist, desto fremdenfeindlicher sind sie. Jenseits dieser allgemeinen Relation deckt der internationale Vergleich auch bemerkenswerte Unterschiede zwischen den Ländern auf. So zeigt sich, dass die Bürger mit niedriger Bildung in den Niederlanden und in der Bundesrepublik Deutschland in etwa das gleiche Ausmaß an Fremdenfeindlichkeit aufweisen. Niederländer mit einer sehr guten Bildung stehen Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur jedoch deutlich positiver gegenüber als Deutsche, die ebenfalls über eine sehr gute Bildung verfügen. Das im Vergleich zu den Niederlanden in der Bundesrepublik höhere Ausmaß an Fremdenfeindlichkeit ist somit auf die relativ negative Einstellung von Deutschen mit hoher Bildung zu Menschen anderer Rasse, Nationalität und Kultur zurückzuführen.

Multivariate Analysen[5] zeigen, dass Bildung in der Mehrheit der EU-Länder einen direkten Effekt auf die Einstellungen zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur ausübt. Am stärksten ist dieser in Griechenland, Italien und Frankreich. In sieben Ländern zeigen sich dagegen keine signifikanten direkten Einflüsse. Auffallend ist, dass die Bildung in Dänemark, Belgien und Österreich, Ländern also, in denen das Niveau individueller Fremdenfeindlichkeit im Saldo besonders hoch ist, keinen direkten Effekt auf die Einstellung zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur ausübt.


Fußnoten

5.
Multivariate Analysemethoden dienen in diesem Fall dazu, den Einfluss einer potenziellen Ursache wie z.B. Bildung auf die Einstellung zu Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur unter Berücksichtigung der Tatsache zu bestimmen, dass weitere Ursachen ebenfalls darauf einwirken. Es wird also geprüft, ob der bivariat gemessene Einfluss eines Merkmals wie z.B. Bildung auf Fremdenfeindlichkeit auch dann noch bestehen bleibt, wenn man die Wirkung weiterer Ursachen berücksichtigt.