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17.6.2003 | Von:
Jürgen R. Winkler

Ursachen fremdenfeindlicher Einstellungen in Westeuropa

Befunde einer international vergleichenden Studie

IV. Einflüsse von Formen relativer Deprivation

Die das Schrifttum der vergangenen Jahre dominierenden Interpretationen richten ihr Augenmerk in erster Linie auf sozioökonomische Bedingungen. Danach übernehmen Menschen fremdenfeindliche Haltungen, weil die soziale und wirtschaftliche Situation, in der sie sich befinden, dies erzwingt. Nach der Theorie realer Gruppenkonflikte resultieren negative Einstellungen zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur aus der Konkurrenz um Prestige, Macht und Einkommen. Auseinandersetzungen um materielle Güter wie Arbeit und Wohnung oder soziale Ressourcen wie Status bestimmten die Beziehungen zwischen Einheimischen und Fremden. Da der Konkurrenzdruck insbesondere Personen mit niedriger Bildung betrifft, erkläre sich das hohe Ausmaß von Fremdenfeindlichkeit unter formal niedrig gebildeten Bürgern.[6]

Die Mainzer Analyse zeigt, dass Individuen, die ökonomisch stark depriviert[7] sind, in allen 15Ländern Angehörige anderer Nationalität, Rasse und Kultur negativer bewerten als solche, die nicht depriviert sind. Die stärksten Zusammenhänge zeigen sich in Dänemark und Frankreich, die geringsten in Griechenland und Spanien. In 14Ländern tendieren auch stark politisch deprivierte Personen zu einer fremdenfeindlichen Haltung. Besonders große Unterschiede zwischen den stark politisch deprivierten und den nur gering deprivierten zeigen sich in Dänemark und Finnland sowie in Belgien, den Niederlanden und Luxemburg. Während in Griechenland praktisch kein Unterschied zwischen gering und stark deprivierten Personen ausgemacht werden kann, zeigen sich in Portugal und Spanien sowie in Großbritannien nur relativ geringe Einstellungsdifferenzen zwischen niedrig und stark politisch Deprivierten. Die positivsten Einstellungen zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur äußern ökonomisch und politisch nur wenig deprivierte Staatsbürger Finnlands, Irlands und Spaniens. Dagegen zeigen die stark ökonomisch und politisch unzufriedenen Staatsbürger Dänemarks und Belgiens die negativste Einstellung gegenüber Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur.

Formen relativer Deprivation scheinen demnach zu bewirken, dass Angehörige anderer Nationalität, Rasse und Kultur negativ bewertet werden. Kontrolliert man auch die sozialen Bedingungen, die Kontakte zu Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur sowie den Nationalstolz, die Selbsteinstufung der Bürger im politisch-ideologischen Raum und die Wertorientierungen, zeigen sich nicht nur deutlich geringere direkte Effekte der beiden Deprivationsformen auf Fremdenfeindlichkeit. In einigen Ländern lassen sich keine signifikanten direkten Effekte nachweisen. Die politische Deprivation übt in Luxemburg und der Bundesrepublik Deutschland, die ökonomische Deprivation in Luxemburg, Dänemark, Finnland, den Niederlanden, in der Bundesrepublik Deutschland und in Italien einen stärkeren direkten Einfluss auf Fremdenfeindlichkeit aus. Für Belgien, das mit weitem Abstand das höchste Niveau an Fremdenfeindlichkeit aufweist, gilt jedoch, dass weder die politische noch die ökonomische Unzufriedenheit die Einstellung zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur kausal beeinflusst.


Fußnoten

6.
Überblicke über Theorien von Fremdenfeindlichkeit bieten Rupert Brown, Prejudice. Its Social Psychology, Oxford 1995; Friedrich Heckmann, Ethnische Minderheiten, Volk und Nation. Soziologie inter-ethnischer Beziehungen, Stuttgart 1992; Manfred Markefka, Vorurteile, Minderheiten, Diskriminierung, Neuwied 1995.
7.
Der Begriff der relativen Deprivation bezeichnet eine wahrgenommene Diskrepanz zwischen dem, was Individuen haben, und dem, wozu sie sich berechtigt fühlen. Menschen sind depriviert, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden. Die Diskrepanz zwischen dem Ist und dem Soll kann aus dem Vergleich mit der eigenen Gruppe in der Vergangenheit oder mit anderen Gruppen entstehen.