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17.6.2003 | Von:
Jürgen R. Winkler

Ursachen fremdenfeindlicher Einstellungen in Westeuropa

Befunde einer international vergleichenden Studie

V. Einflüsse von Kontakten

Die Kontakttheorie behauptet schließlich einen kausalen Zusammenhang zwischen Kontakten zu Angehörigen ethnischer Minderheiten und fremdenfeindlichen Einstellungen und Handlungsweisen.[8] Einerseits wirkten Kontakte zu Angehörigen ethnischer Minderheiten der Genese fremdenfeindlicher Vorurteile und Verhaltensweisen entgegen, andererseits förderten sie den Abbau vorhandener fremdenfeindlicher Orientierungen. Die ursprüngliche Auffassung, allein die Intensität der Kontakte beeinflusse das Ausmaß ethnischer Vorurteile, ist später korrigiert worden. Denn es konnte gezeigt werden, dass Kontakte nur unter bestimmten Bedingungen zu einer Verbesserung der Beziehungen zwischen feindlich gesinnten Personengruppen führen. Während Kontakte unter Statusgleichen negativen Einstellungen gegenüber ethnischen Gruppen entgegenwirkten, begünstigten interethnische Kontakte unter Statusungleichen die Herausbildung ethnischer Vorurteile. Machtunterschiede zwischen den Gruppen führten vor allem dann zu Abwehrstrategien, wenn sie auch noch im Wettbewerb um materielle Güter standen.

Entsprechend der allgemeinen Kontakthypothese wird erwartet, dass Personen, die in der eigenen Familie oder im Freundeskreis Kontakte zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur haben, eine positive Einstellung zu Menschen anderer Nationalität, Rasse und Kultur herausbilden. Die Daten zeigen, dass Individuen mit einigen Kontakten zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur im Mittel tatsächlich eine deutlich positivere Einstellung zu ihnen aufweisen. Besonders groß sind die Unterschiede in der Einstellung zu Angehörigen ethnischer Minderheiten zwischen jenen, die über kaum Kontakte verfügen, und jenen mit einigen Kontakten in Frankreich und Belgien. Aber auch in Dänemark und der Bundesrepublik Deutschland, in Großbritannien und Österreich bestehen beträchtliche Unterschiede. Während Franzosen und Belgier ohne Kontakte zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur die höchsten Werte aufweisen, also stark fremdenfeindlich sind, werden für Bürger mit solchen Kontakten in Irland, Spanien und Finnland die niedrigsten Werte ermittelt.

Die empirischen Analysen zeigen darüber hinaus, dass Kontakte einen wesentlich größeren Einfluss auf die Einstellung zu Menschen anderer Rasse, Nationalität und Kultur haben als die politische und wirtschaftliche Deprivation. Auch wenn sich die Befragten in allen 15 Ländern hinsichtlich der sozialen Merkmale, der politischen und wirtschaftlichen Unzufriedenheit sowie verschiedener Elemente des Überzeugungssystems nicht unterscheiden, weisen die Bürger mit Kontakten zu Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur eine fremdenfreundlichere Haltung auf als solche ohne Kontakte. Am stärksten reduzieren Kontakte das Ausmaß negativer Einstellungen zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur in Frankreich und Österreich sowie in der Bundesrepublik. Die Befunde bestätigen damit die allgemeine These, dass Menschen ein umso positiveres Bild von Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur aufweisen, je mehr Kontakte sie zu diesen Gruppen pflegen.


Fußnoten

8.
Vgl. Gordon W. Allport, The Nature of Prejudice, Reading/Mass., 1954; Yehuda Amir, Contact Hypothesis in Ethnic Relations, in: Psychological Bulletin, 71 (1969) 5, S. 319 - 342.