APUZ Dossier Bild

17.6.2003 | Von:
Jürgen R. Winkler

Ursachen fremdenfeindlicher Einstellungen in Westeuropa

Befunde einer international vergleichenden Studie

VI. Einflüsse von Elementen des Überzeugungssystems

Auch wenn man die sozialen Bedingungen, die Formen relativer Deprivation und die Kontakte der Staatsbürger in den 15 Ländern der EU kontrolliert, unterscheiden sie sich doch noch beträchtlich in Bezug auf die Einstellung zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur. Es liegt nahe, der Frage nachzugehen, ob diese Unterschiede tiefer sitzenden Dispositionen geschuldet sind. Im Gegensatz zu sozialstrukturellen Ansätzen, der Kontakthypothese und Theorien relativer Deprivation thematisieren Dispositionstheorien Einstellungen zu Fremden primär in Abhängigkeit von mehr oder weniger stabilen individuellen Dispositionseigenschaften. Menschen weisen negative Einstellungen gegenüber Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur nicht deshalb auf, weil sie sich im Vergleich zu anderen benachteiligt fühlen oder keine Kontakte zu ihnen haben. Vielmehr verfügen sie über derartige Orientierungen, weil sie im Sozialisationsprozess bestimmte Dispositionen gelernt haben. Fremdenfeindlichkeit ist dieser Auffassung zufolge ein Produkt tiefer angelegter Neigungen, die nur längerfristig im Prozess der Erwachsenensozialisation abgebaut werden können.

Als exemplarisch für eine derartige Interpretation kann die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte Theorie der autoritären Persönlichkeit angesehen werden, die heute in verschiedenen Varianten wieder stärker zur Erklärung fremdenfeindlicher Orientierungen herangezogen wird.[9] Von einer stabilen Disposition geht auch die Dogmatismustheorie aus, die zwischen einem geschlossenen und einem offenen Überzeugungssystem unterscheidet.[10] Ein dogmatisches Überzeugungssystem wirkt wie ein starker Schutzwall vor einströmenden Informationen, die in Kontrast zu den individuellen Kernüberzeugungen stehen. Individuen mit offenen Orientierungssystemen reagieren in neuen Situationen flexibler. In einigen Studien wird die Persönlichkeitsstruktur vor allem über Wertprioritäten definiert, d.h. über die von den Individuen verinnerlichte Auffassung von Wünschenswertem. Als zentrale Steuerungskräfte dienen Werte u.a. dazu, Haltungen als legitim oder illegitim zu bewerten. Die Präferenz für autoritär-materielle Werte wie Sicherheit und Ordnung gegenüber liberalen Werten wie Freiheit der Meinungsäußerung und Lebenschancen färbt sich auf die Einstellung zu Angehörigen von so genannten Outgroups ab. Die Theorie der sozialen Identität postuliert schließlich, dass positive Bilder von der Eigengruppe mit negativen von Fremdgruppen einhergingen. Im Gegensatz zur Theorie realer Gruppenkonflikte ist hierfür aber keine Konkurrenz um materielle oder soziale Güter notwendig.[11] Vielmehr reiche eine positive Bewertung der eigenen Gruppe zur Abwertung von Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur aus.

Die im Rahmen der Eurobarometer erhobenen Daten erlauben es, drei relevante Elemente des individuellen Überzeugungssystems zu bestimmen und mit der Einstellung zu Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur in Beziehung zu setzen. Berücksichtigt werden im Folgenden jene drei Elemente des Überzeugungssystems, die sich im Rahmen bislang durchgeführter Analysen über Fremdenfeindlichkeit in der Bundesrepublik Deutschland als sehr erklärungsstark erwiesen haben.[12] Hierbei handelt es sich um die politische Ideologie, um die nationale Identifikation und eine liberale Wertorientierung, die der autoritären Wertorientierung gegenübersteht. Betrachtet man zunächst die Beziehungen der individuellen Fremdenfeindlichkeit auf der einen Seite und der Positionierung der Befragten auf der Links-rechts-Dimension, der Liberal-autoritär-Dimension und der nationalen Identifikation auf der anderen Seite, so zeigt sich, dass Personen mit einer linken politischen Ideologie, einer liberalen Wertorientierung und einer geringen nationalen Identifikation im Mittel deutlich positivere Einstellungen zu Menschen anderer Nationalität, Rasse und Kultur aufweisen als rechts, autoritär und national Orientierte. Je größer der Nationalstolz ist, je weiter rechts sich Befragte einstufen und je stärker Individuen autoritäre Werte bekräftigen, desto negativer ist ihre Einstellung zu Fremden. Damit bestätigen sich alles in allem die in diversen Theorien behaupteten Relationen. Die höchsten Werte auf der Skala "Fremdenfeindlichkeit" erreichen hier Franzosen, die sich auf der Ideologieskala weit rechts einordnen. Ihnen folgen weit rechts stehende Belgier, Deutsche, Österreicher und Dänen sowie Belgier, Deutsche und Franzosen mit einem stark ausgeprägten Nationalstolz und Belgier und Franzosen mit einer sehr autoritären Wertorientierung. Die niedrigsten Werte erzielen dagegen liberale Finnen und Iren sowie weit links stehende Franzosen, Spanier, Niederländer und Iren.

Kontrolliert man auch die sozialen Bedingungen, die politische und wirtschaftliche Unzufriedenheit sowie die Kontaktintensität, dann wird deutlich, dass der Nationalstolz in der Mehrheit der Länder keinen signifikanten Effekt auf die Einstellung zu Menschen anderer Rasse, Nationalität und Kultur aufweist. Allein in Dänemark und Frankreich sowie in der Bundesrepublik und in den Niederlanden ergeben sich signifikante direkte Effekte. Die These, Fremdenfeindlichkeit sei in erster Linie der nationalen Identifikation geschuldet, bewährt sich nicht. Dagegen behalten die politische Ideologie und die autoritäre Orientierung ihren Einfluss bei, die autoritäre einen stärkeren als die Ideologie. Personen, welche die freie Meinungsäußerung Sicherheitswerten vorziehen, weisen auch nach Kontrolle aller hier erwähnten potenziellen Ursachen von Fremdenfeindlichkeit in allen 15 Ländern eine fremdenfreundliche Haltung auf. In dreizehn Ländern erweist sich eine autoritäre Orientierung als stärkste Determinante fremdenfeindlicher Orientierungen. Nur in den Niederlanden und in Griechenland übt die politische Ideologie einen größeren Effekt auf Fremdenfeindlichkeit aus.


Fußnoten

9.
Vgl. Theodor W. Adorno/Else Frenkel-Brunswick/Daniel J. Levinson/R. Nevitt Sanford, The Authoritarian Personality, New York 1950; Christel Hopf, Zur Aktualität der Untersuchungen zur "autoritären Persönlichkeit", in: Zeitschrift für Sozialisationsforschung und Erziehungssoziologie, 7 (1987) 3, S. 162 - 177.
10.
Vgl. Milton Rokeach, The Open and Closed Mind, New York 1960.
11.
Vgl. Henri Tajfel, Social Psychology of Intergroup Relations, in: Annual Review of Psychology, 33 (1982), S. 1 - 39.
12.
Vgl. Jürgen R. Winkler, Formen und Determinanten fremdenfeindlicher Einstellungen in der Bundesrepublik Deutschland, in: Jan van Deth/Hans Rattinger/Edeltraud Roller (Hrsg.), Die Republik auf dem Weg zur Normalität?, Opladen, 2000, S. 359 - 382; ders. Ausländerfeindlichkeit im vereinigten Deutschland, in: Jürgen W. Falter/Oscar W. Gabriel/Hans Rattinger (Hrsg.), Wirklich ein Volk? Die politischen Orientierungen von Ost- und Westdeutschen im Vergleich, Opladen 2000, S. 435 - 476.