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Ursachen fremdenfeindlicher Einstellungen in Westeuropa

Befunde einer international vergleichenden Studie


17.6.2003
Welche Ursachen hat Fremdenfeindlichkeit? Unterschiedlichen Einstellungen gegenüber Ausländern erklären sich aus Bildung, ökonomischer und politischer Deprivation, Kontakten zu Menschen anderer Nationalität, Ethnie und Kultur sowie aus politischer Ideologie und Wertorientierungen in den einzelnen Ländern.

I. Einleitung



Studien über Fremdenfeindlichkeit können grundsätzlich aus zwei Perspektiven erfolgen. Zum einen wird Fremdenfeindlichkeit als eine Dimension sozialen Handelns analysiert, zum anderen als eine strukturelle Gegebenheit. Im ersten Fall wird sie als eine abwertende Haltung gegenüber ethnischen Gruppen bzw. Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur verstanden; im zweiten Fall bezieht sie sich auf die objektive Benachteiligung von Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur. Danach wird Fremdenfeindlichkeit nicht als eine individuelle Eigenschaft konzeptionalisiert, sondern als eine strukturelle Gegebenheit, die negativ auf die Lebenschancen der Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur wirkt. Die folgende Analyse beschäftigt sich mit Fremdenfeindlichkeit aus der Perspektive menschlichen Handelns. Gegenstand sind negative Einstellungen der Bürger in den Mitgliedsländern der Europäischen Union gegenüber Menschen anderer Rasse, Nationalität und Kultur.[1]






Die Forschung hat in den vergangenen Jahrzehnten einige beachtliche Arbeiten über negative Einstellungen zu Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur in einzelnen Ländern Westeuropas vorgelegt.[2] Die Berücksichtigung unterschiedlicher Dimensionen von Fremdenfeindlichkeit und die Verwendung verschiedener Messinstrumente haben Vergleiche jedoch nur in wenigen Fällen zugelassen. Der vorliegende Beitrag fasst die Ergebnisse einer ersten international vergleichenden Studie über Einstellungen der Bürger Westeuropas zu Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur zusammen.[3] Die Untersuchung stützt sich auf im Jahre 1997 zeitgleich in fünfzehn westeuropäischen Ländern durchgeführte allgemeine Bevölkerungsumfragen.[4]


II. Fremdenfeindlichkeit in Westeuropa



Eine vergleichende Analyse sollte zunächst eine Antwort auf die Frage nach dem Ausmaß individueller Fremdenfeindlichkeit in den Ländern Westeuropas geben. Zur Beantwortung dieser Frage wurde die Haltung der Bürger zu Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur auf der Grundlage der von der Europäischen Kommission erhobenen Daten in den 15 EU-Ländern gemessen. Herangezogen wurden 25 auf Angehörige anderer Rasse, Nationalität und Kultur bezogene Aussagen, zu denen die Bürger abgestuft Stellung nehmen konnten.

Das im Rahmen des genannten Projekts gemessene Konstrukt umfasst fünf Dimensionen. Eine erste Dimension betrifft soziale Vorurteile. Sie drückt eine generalisierte negative Einstellung gegenüber ethnischen Gruppen aus, die als Motiv diskriminierender Handlungen dient. Eine zweite Dimension soll kulturelle Abwehrhaltung heißen. Sie drückt wahrgenommene kulturelle Unterschiede zwischen Staatsbürgern der EU-Länder und den Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur aus. Diese werden als Rechtfertigung dazu benutzt, Menschen anderer Nationalität, Rasse und Kultur abzuwehren und unter dem Vorwand kultureller Differenzen auszugrenzen. Eine dritte Dimension betrifft die Haltung zur Immigration, eine vierte die Einstellung zur Anwesenheit von Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur, und zwar unabhängig davon, ob es sich um Immigranten handelt. Fünftens konnten sich die Bürger in den Umfragen auf einer Rassismusskala selbst einstufen. Die Selbstverortung auf der Skala soll "subjektiver Rassismus" heißen.

Hinter den fünf Dimensionen verbirgt sich ein so genannter Faktor zweiter Ordnung, der im Folgenden "Fremdenfeindlichkeit" heißt. Geht man von einem Kontinuum aus, kann zum besseren Verständnis das eine Ende als "fremdenfreundlich", das andere als "fremdenfeindlich" bezeichnet werden. Alle Individuen nehmen auf diesem Kontinuum einen empirisch ermittelbaren Platz ein. Je näher eine Person dem Ende "fremdenfeindlich" kommt, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie abwertende Aussagen im Hinblick auf Angehörige anderer Nationalität, Rasse und Kultur bejaht. Die im Mittel errechneten Werte für die Staatsbürger eines Landes geben das Niveau individueller Fremdenfeindlichkeit in den Ländern an.

Mit Hilfe dieser Methode lassen sich erhebliche Unterschiede im Ausmaß von Fremdenfeindlichkeit in Westeuropa nachweisen. Der höchste Wert zeigt sich in Belgien. Mit Abstand folgen Dänemark und Deutschland sowie Frankreich und Österreich. Die freundlichste Einstellung zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur findet sich in Spanien. Danach kommen Irland und Finnland. Auch Portugal und Luxemburg zählen zu den relativ fremdenfreundlichen Ländern. In der mittleren Gruppe finden sich Italien, Schweden, Großbritannien und Griechenland. Auffallend sind nicht nur die Unterschiede zwischen den fünfzehn in die Analyse einbezogenen Ländern, sondern auch jene zwischen den mitteleuropäischen und skandinavischen Ländern. So weist Belgien eine weit höhere Fremdenfeindlichkeit auf als das benachbarte Luxemburg und Dänemark eine weit höhere als Finnland.


III. Einflüsse sozialer Bedingungen



Ein großer Teil der Bürger in den Ländern der EU weist eine mehr oder weniger negative Einstellung zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur auf. Was das Geschlecht betrifft, zeigt sich, dass Männer in der Bundesrepublik Deutschland und in Luxemburg sowie in Portugal und Finnland etwas negativer zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur eingestellt sind als Frauen. In Frankreich weisen dagegen Frauen höhere Werte auf. Bezieht man weitere Determinanten von Fremdenfeindlichkeit in die Untersuchung ein, verschwinden die Unterschiede jedoch fast vollständig.

Die Forschung ist lange davon ausgegangen, dass Personen, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in einem Klima von Misstrauen sozialisiert wurden, vergleichsweise starke negative Einstellungen gegenüber Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur generierten. Mit der politischen Sozialisation in einem relativ liberalen Klima nach dem Zweiten Weltkrieg lernten die nachwachsenden Generationen positivere Einstellungen zu ihnen. Im Zuge des Generationenaustausches konnte so ein stetig sinkendes Niveau von Fremdenfeindlichkeit erwartet werden. Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts ist diese positive Betrachtungsweise allerdings zunehmend in Frage gestellt worden. Die vergleichenden Analysen zeigen aber, dass die nachwachsenden Generationen auch um die Jahrtausendwende Angehörige anderer Nationalität, Kultur und Rasse freundlicher bewerten. Je älter die Staatsbürger sind, desto negativer ist ihre Einstellung zu ethnischen Minderheiten. Am größten ist dieser Zusammenhang in Frankreich. In den meisten Ländern hat sich eine positivere Haltung zu Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur parallel zur Genese neuer Werte herausgebildet. Vergleicht man ältere und jüngere Staatsbürger mit ähnlichen Wertorientierungen, zeigen sich denn auch mit Ausnahme von Großbritannien und Dänemark sowie Österreich und Griechenland keine nennenswerten altersspezifischen Unterschiede in der Haltung zu ethnischen Minderheiten.

In neuerer Zeit hat die Forschung stärker den Einfluss von Bildung auf Fremdenfeindlichkeit thematisiert. Zahlreiche Studien zeigen, dass die Einstellung zu Menschen anderer Rasse und Kultur um so negativer ausfällt, je niedriger der Bildungsgrad ist. Auch die äquivalenten Erhebungen in den Ländern der EU belegen diese Beziehung. Besonders in den Niederlanden, in Frankreich und Großbritannien zeigen sich starke Zusammenhänge. Je älter die Menschen sind und je geringer deren Bildungsniveau ist, desto fremdenfeindlicher sind sie. Jenseits dieser allgemeinen Relation deckt der internationale Vergleich auch bemerkenswerte Unterschiede zwischen den Ländern auf. So zeigt sich, dass die Bürger mit niedriger Bildung in den Niederlanden und in der Bundesrepublik Deutschland in etwa das gleiche Ausmaß an Fremdenfeindlichkeit aufweisen. Niederländer mit einer sehr guten Bildung stehen Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur jedoch deutlich positiver gegenüber als Deutsche, die ebenfalls über eine sehr gute Bildung verfügen. Das im Vergleich zu den Niederlanden in der Bundesrepublik höhere Ausmaß an Fremdenfeindlichkeit ist somit auf die relativ negative Einstellung von Deutschen mit hoher Bildung zu Menschen anderer Rasse, Nationalität und Kultur zurückzuführen.

Multivariate Analysen[5] zeigen, dass Bildung in der Mehrheit der EU-Länder einen direkten Effekt auf die Einstellungen zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur ausübt. Am stärksten ist dieser in Griechenland, Italien und Frankreich. In sieben Ländern zeigen sich dagegen keine signifikanten direkten Einflüsse. Auffallend ist, dass die Bildung in Dänemark, Belgien und Österreich, Ländern also, in denen das Niveau individueller Fremdenfeindlichkeit im Saldo besonders hoch ist, keinen direkten Effekt auf die Einstellung zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur ausübt.


IV. Einflüsse von Formen relativer Deprivation



Die das Schrifttum der vergangenen Jahre dominierenden Interpretationen richten ihr Augenmerk in erster Linie auf sozioökonomische Bedingungen. Danach übernehmen Menschen fremdenfeindliche Haltungen, weil die soziale und wirtschaftliche Situation, in der sie sich befinden, dies erzwingt. Nach der Theorie realer Gruppenkonflikte resultieren negative Einstellungen zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur aus der Konkurrenz um Prestige, Macht und Einkommen. Auseinandersetzungen um materielle Güter wie Arbeit und Wohnung oder soziale Ressourcen wie Status bestimmten die Beziehungen zwischen Einheimischen und Fremden. Da der Konkurrenzdruck insbesondere Personen mit niedriger Bildung betrifft, erkläre sich das hohe Ausmaß von Fremdenfeindlichkeit unter formal niedrig gebildeten Bürgern.[6]

Die Mainzer Analyse zeigt, dass Individuen, die ökonomisch stark depriviert[7] sind, in allen 15Ländern Angehörige anderer Nationalität, Rasse und Kultur negativer bewerten als solche, die nicht depriviert sind. Die stärksten Zusammenhänge zeigen sich in Dänemark und Frankreich, die geringsten in Griechenland und Spanien. In 14Ländern tendieren auch stark politisch deprivierte Personen zu einer fremdenfeindlichen Haltung. Besonders große Unterschiede zwischen den stark politisch deprivierten und den nur gering deprivierten zeigen sich in Dänemark und Finnland sowie in Belgien, den Niederlanden und Luxemburg. Während in Griechenland praktisch kein Unterschied zwischen gering und stark deprivierten Personen ausgemacht werden kann, zeigen sich in Portugal und Spanien sowie in Großbritannien nur relativ geringe Einstellungsdifferenzen zwischen niedrig und stark politisch Deprivierten. Die positivsten Einstellungen zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur äußern ökonomisch und politisch nur wenig deprivierte Staatsbürger Finnlands, Irlands und Spaniens. Dagegen zeigen die stark ökonomisch und politisch unzufriedenen Staatsbürger Dänemarks und Belgiens die negativste Einstellung gegenüber Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur.

Formen relativer Deprivation scheinen demnach zu bewirken, dass Angehörige anderer Nationalität, Rasse und Kultur negativ bewertet werden. Kontrolliert man auch die sozialen Bedingungen, die Kontakte zu Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur sowie den Nationalstolz, die Selbsteinstufung der Bürger im politisch-ideologischen Raum und die Wertorientierungen, zeigen sich nicht nur deutlich geringere direkte Effekte der beiden Deprivationsformen auf Fremdenfeindlichkeit. In einigen Ländern lassen sich keine signifikanten direkten Effekte nachweisen. Die politische Deprivation übt in Luxemburg und der Bundesrepublik Deutschland, die ökonomische Deprivation in Luxemburg, Dänemark, Finnland, den Niederlanden, in der Bundesrepublik Deutschland und in Italien einen stärkeren direkten Einfluss auf Fremdenfeindlichkeit aus. Für Belgien, das mit weitem Abstand das höchste Niveau an Fremdenfeindlichkeit aufweist, gilt jedoch, dass weder die politische noch die ökonomische Unzufriedenheit die Einstellung zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur kausal beeinflusst.


V. Einflüsse von Kontakten



Die Kontakttheorie behauptet schließlich einen kausalen Zusammenhang zwischen Kontakten zu Angehörigen ethnischer Minderheiten und fremdenfeindlichen Einstellungen und Handlungsweisen.[8] Einerseits wirkten Kontakte zu Angehörigen ethnischer Minderheiten der Genese fremdenfeindlicher Vorurteile und Verhaltensweisen entgegen, andererseits förderten sie den Abbau vorhandener fremdenfeindlicher Orientierungen. Die ursprüngliche Auffassung, allein die Intensität der Kontakte beeinflusse das Ausmaß ethnischer Vorurteile, ist später korrigiert worden. Denn es konnte gezeigt werden, dass Kontakte nur unter bestimmten Bedingungen zu einer Verbesserung der Beziehungen zwischen feindlich gesinnten Personengruppen führen. Während Kontakte unter Statusgleichen negativen Einstellungen gegenüber ethnischen Gruppen entgegenwirkten, begünstigten interethnische Kontakte unter Statusungleichen die Herausbildung ethnischer Vorurteile. Machtunterschiede zwischen den Gruppen führten vor allem dann zu Abwehrstrategien, wenn sie auch noch im Wettbewerb um materielle Güter standen.

Entsprechend der allgemeinen Kontakthypothese wird erwartet, dass Personen, die in der eigenen Familie oder im Freundeskreis Kontakte zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur haben, eine positive Einstellung zu Menschen anderer Nationalität, Rasse und Kultur herausbilden. Die Daten zeigen, dass Individuen mit einigen Kontakten zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur im Mittel tatsächlich eine deutlich positivere Einstellung zu ihnen aufweisen. Besonders groß sind die Unterschiede in der Einstellung zu Angehörigen ethnischer Minderheiten zwischen jenen, die über kaum Kontakte verfügen, und jenen mit einigen Kontakten in Frankreich und Belgien. Aber auch in Dänemark und der Bundesrepublik Deutschland, in Großbritannien und Österreich bestehen beträchtliche Unterschiede. Während Franzosen und Belgier ohne Kontakte zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur die höchsten Werte aufweisen, also stark fremdenfeindlich sind, werden für Bürger mit solchen Kontakten in Irland, Spanien und Finnland die niedrigsten Werte ermittelt.

Die empirischen Analysen zeigen darüber hinaus, dass Kontakte einen wesentlich größeren Einfluss auf die Einstellung zu Menschen anderer Rasse, Nationalität und Kultur haben als die politische und wirtschaftliche Deprivation. Auch wenn sich die Befragten in allen 15 Ländern hinsichtlich der sozialen Merkmale, der politischen und wirtschaftlichen Unzufriedenheit sowie verschiedener Elemente des Überzeugungssystems nicht unterscheiden, weisen die Bürger mit Kontakten zu Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur eine fremdenfreundlichere Haltung auf als solche ohne Kontakte. Am stärksten reduzieren Kontakte das Ausmaß negativer Einstellungen zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur in Frankreich und Österreich sowie in der Bundesrepublik. Die Befunde bestätigen damit die allgemeine These, dass Menschen ein umso positiveres Bild von Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur aufweisen, je mehr Kontakte sie zu diesen Gruppen pflegen.


VI. Einflüsse von Elementen des Überzeugungssystems



Auch wenn man die sozialen Bedingungen, die Formen relativer Deprivation und die Kontakte der Staatsbürger in den 15 Ländern der EU kontrolliert, unterscheiden sie sich doch noch beträchtlich in Bezug auf die Einstellung zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur. Es liegt nahe, der Frage nachzugehen, ob diese Unterschiede tiefer sitzenden Dispositionen geschuldet sind. Im Gegensatz zu sozialstrukturellen Ansätzen, der Kontakthypothese und Theorien relativer Deprivation thematisieren Dispositionstheorien Einstellungen zu Fremden primär in Abhängigkeit von mehr oder weniger stabilen individuellen Dispositionseigenschaften. Menschen weisen negative Einstellungen gegenüber Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur nicht deshalb auf, weil sie sich im Vergleich zu anderen benachteiligt fühlen oder keine Kontakte zu ihnen haben. Vielmehr verfügen sie über derartige Orientierungen, weil sie im Sozialisationsprozess bestimmte Dispositionen gelernt haben. Fremdenfeindlichkeit ist dieser Auffassung zufolge ein Produkt tiefer angelegter Neigungen, die nur längerfristig im Prozess der Erwachsenensozialisation abgebaut werden können.

Als exemplarisch für eine derartige Interpretation kann die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte Theorie der autoritären Persönlichkeit angesehen werden, die heute in verschiedenen Varianten wieder stärker zur Erklärung fremdenfeindlicher Orientierungen herangezogen wird.[9] Von einer stabilen Disposition geht auch die Dogmatismustheorie aus, die zwischen einem geschlossenen und einem offenen Überzeugungssystem unterscheidet.[10] Ein dogmatisches Überzeugungssystem wirkt wie ein starker Schutzwall vor einströmenden Informationen, die in Kontrast zu den individuellen Kernüberzeugungen stehen. Individuen mit offenen Orientierungssystemen reagieren in neuen Situationen flexibler. In einigen Studien wird die Persönlichkeitsstruktur vor allem über Wertprioritäten definiert, d.h. über die von den Individuen verinnerlichte Auffassung von Wünschenswertem. Als zentrale Steuerungskräfte dienen Werte u.a. dazu, Haltungen als legitim oder illegitim zu bewerten. Die Präferenz für autoritär-materielle Werte wie Sicherheit und Ordnung gegenüber liberalen Werten wie Freiheit der Meinungsäußerung und Lebenschancen färbt sich auf die Einstellung zu Angehörigen von so genannten Outgroups ab. Die Theorie der sozialen Identität postuliert schließlich, dass positive Bilder von der Eigengruppe mit negativen von Fremdgruppen einhergingen. Im Gegensatz zur Theorie realer Gruppenkonflikte ist hierfür aber keine Konkurrenz um materielle oder soziale Güter notwendig.[11] Vielmehr reiche eine positive Bewertung der eigenen Gruppe zur Abwertung von Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur aus.

Die im Rahmen der Eurobarometer erhobenen Daten erlauben es, drei relevante Elemente des individuellen Überzeugungssystems zu bestimmen und mit der Einstellung zu Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur in Beziehung zu setzen. Berücksichtigt werden im Folgenden jene drei Elemente des Überzeugungssystems, die sich im Rahmen bislang durchgeführter Analysen über Fremdenfeindlichkeit in der Bundesrepublik Deutschland als sehr erklärungsstark erwiesen haben.[12] Hierbei handelt es sich um die politische Ideologie, um die nationale Identifikation und eine liberale Wertorientierung, die der autoritären Wertorientierung gegenübersteht. Betrachtet man zunächst die Beziehungen der individuellen Fremdenfeindlichkeit auf der einen Seite und der Positionierung der Befragten auf der Links-rechts-Dimension, der Liberal-autoritär-Dimension und der nationalen Identifikation auf der anderen Seite, so zeigt sich, dass Personen mit einer linken politischen Ideologie, einer liberalen Wertorientierung und einer geringen nationalen Identifikation im Mittel deutlich positivere Einstellungen zu Menschen anderer Nationalität, Rasse und Kultur aufweisen als rechts, autoritär und national Orientierte. Je größer der Nationalstolz ist, je weiter rechts sich Befragte einstufen und je stärker Individuen autoritäre Werte bekräftigen, desto negativer ist ihre Einstellung zu Fremden. Damit bestätigen sich alles in allem die in diversen Theorien behaupteten Relationen. Die höchsten Werte auf der Skala "Fremdenfeindlichkeit" erreichen hier Franzosen, die sich auf der Ideologieskala weit rechts einordnen. Ihnen folgen weit rechts stehende Belgier, Deutsche, Österreicher und Dänen sowie Belgier, Deutsche und Franzosen mit einem stark ausgeprägten Nationalstolz und Belgier und Franzosen mit einer sehr autoritären Wertorientierung. Die niedrigsten Werte erzielen dagegen liberale Finnen und Iren sowie weit links stehende Franzosen, Spanier, Niederländer und Iren.

Kontrolliert man auch die sozialen Bedingungen, die politische und wirtschaftliche Unzufriedenheit sowie die Kontaktintensität, dann wird deutlich, dass der Nationalstolz in der Mehrheit der Länder keinen signifikanten Effekt auf die Einstellung zu Menschen anderer Rasse, Nationalität und Kultur aufweist. Allein in Dänemark und Frankreich sowie in der Bundesrepublik und in den Niederlanden ergeben sich signifikante direkte Effekte. Die These, Fremdenfeindlichkeit sei in erster Linie der nationalen Identifikation geschuldet, bewährt sich nicht. Dagegen behalten die politische Ideologie und die autoritäre Orientierung ihren Einfluss bei, die autoritäre einen stärkeren als die Ideologie. Personen, welche die freie Meinungsäußerung Sicherheitswerten vorziehen, weisen auch nach Kontrolle aller hier erwähnten potenziellen Ursachen von Fremdenfeindlichkeit in allen 15 Ländern eine fremdenfreundliche Haltung auf. In dreizehn Ländern erweist sich eine autoritäre Orientierung als stärkste Determinante fremdenfeindlicher Orientierungen. Nur in den Niederlanden und in Griechenland übt die politische Ideologie einen größeren Effekt auf Fremdenfeindlichkeit aus.


VII. Fazit



Auf der Basis des Eurobarometers ist es gelungen, ein komplexes, fünf Dimensionen von Fremdenfeindlichkeit umfassendes Konstrukt "Einstellung zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur" zu messen. Die auf dieser Grundlage errechneten Werte decken ein großes Gefälle in der Einstellung zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur auf. Das mit Abstand höchste Niveau individueller Fremdenfeindlichkeit zeigt sich in Belgien. Dahinter folgen Dänemark und Deutschland sowie Frankreich und Österreich.

Die Einstellungen zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur sind sodann mit relevanten sozialen Bedingungen, zwei Formen der Deprivation und der Kontaktintensität sowie drei Elementen des individuellen Überzeugungssystems in Beziehung gesetzt worden. Bestätigt hat sich die Erwartung einer fremdenfreundlicheren Haltung bei den jüngeren Staatsbürgern. Die Daten zeigen in allen Ländern ein Altersgefälle, am deutlichsten in Frankreich, wo die Bürger im Alter von über 50 Jahren dreimal so hohe Werte auf der Skala "Fremdenfeindlichkeit" aufweisen wie die unter 30-Jährigen. Ebenso bestätigt sich die Erwartung, dass Fremdenfeindlichkeit mit steigender Bildung abnimmt. Darüber hinaus zeigt sich, dass ökonomisch und politisch deprivierte Bürger in allen Ländern negativere Einstellungen aufweisen als nicht deprivierte. Nach Kontrolle von soziodemographischen Variablen und Elementen des Überzeugungssystems gehen diese Differenzen jedoch deutlich zurück. In einigen Ländern lassen sich keine signifikanten direkten Effekte der Deprivation auf die Einstellung zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur nachweisen. Dagegen behält die Kontaktintensität ihren positiven Einfluss auf eine freundliche Haltung zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur auch nach Kontrolle diverser Merkmale bei.

Die Konfrontation von Elementen des Überzeugungssystems mit Fremdenfeindlichkeit ergibt Folgendes: Je weiter rechts sich Bürger ansiedeln, je größer ihr Nationalstolz und je autoritärer ihre Orientierung ist, desto negativer ist ihre Haltung gegenüber Menschen anderer Rasse, Nationalität und Kultur. Nach Kontrolle der sozialen Bedingungen, der Formen relativer Deprivation, der Kontakte und der Elemente des Überzeugungssystems zeigt sich, dass die negative Haltung zu Menschen anderer Rasse, Nationalität und Kultur vor allem autoritären Orientierungen und der politischen Ideologie geschuldet ist. Demgegenüber tritt die nationale Identifikation deutlich zurück. In allen fünfzehn Ländern der EU übt die Wertorientierung einen großen Einfluss auf Fremdenfeindlichkeit aus. Nur in vier Ländern können signifikante direkte Effekte der nationalen Identifikation auf das Ausmaß fremdenfeindlicher Orientierungen nachgewiesen werden.


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Fußnoten

1.
Eine ausführliche Analyse der Einstellungen der EU-Bürger zu Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur mit den notwendigen technischen Angaben und empirischen Belegen findet sich in Jürgen R. Winkler, Ursachen fremdenfeindlicher Einstellungen in 15 Ländern Europas. Haltungen der EU-Bürger zu Angehörigen anderer Nationalität, Rasse und Kultur, in: Frank Esser/Bertram Scheufele/Hans-Bernd Brosius, Fremdenfeindlichkeit als Medienthema und Medienwirkung. Deutschland im internationalen Scheinwerferlicht, Wiesbaden 2002, S. 271 - 327.
2.
Hervorgehoben werden sollen Andreas Zick, Vorurteile und Rassismus. Eine sozialpsychologische Analyse, Münster 1997; Manfred Küchler, Xenophobie im internationalen Vergleich, in: Jürgen W. Falter/Hans-Gerd Jaschke/Jürgen R. Winkler (Hrsg.), Rechtsextremismus. Ergebnisse und Perspektiven der Forschung, Opladen 1996, S. 248 - 262.
3.
Die Studie ist Teil eines von Frank Esser und dem Verfasser geleiteten Projekts über Massenmedien und Fremdenfeindlichkeit im internationalen Vergleich. Das vom Zentrum für Interkulturelle Studien an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz unterstützte Projekt hat unter anderem zum Ziel, das Niveau individueller Fremdenfeindlichkeit in den Ländern Westeuropas zu bestimmen und Hypothesen über die Ursachen von Fremdenfeindlichkeit zu prüfen.
4.
Die in diesem Beitrag benutzten Daten wurden vom Zentralarchiv für empirische Sozialforschung (ZA), Universität Köln zugänglich gemacht. Sie wurden im Rahmen der Eurobarometer-Umfragen der EG-Kommission erhoben und vom ZA für die Analyse aufbereitet und dokumentiert. Weder die Primärforscher noch das Zentralarchiv tragen irgendeine Verantwortung für die Analyse und Interpretation der Daten in diesem Beitrag.
5.
Multivariate Analysemethoden dienen in diesem Fall dazu, den Einfluss einer potenziellen Ursache wie z.B. Bildung auf die Einstellung zu Angehörigen anderer Rasse, Nationalität und Kultur unter Berücksichtigung der Tatsache zu bestimmen, dass weitere Ursachen ebenfalls darauf einwirken. Es wird also geprüft, ob der bivariat gemessene Einfluss eines Merkmals wie z.B. Bildung auf Fremdenfeindlichkeit auch dann noch bestehen bleibt, wenn man die Wirkung weiterer Ursachen berücksichtigt.
6.
Überblicke über Theorien von Fremdenfeindlichkeit bieten Rupert Brown, Prejudice. Its Social Psychology, Oxford 1995; Friedrich Heckmann, Ethnische Minderheiten, Volk und Nation. Soziologie inter-ethnischer Beziehungen, Stuttgart 1992; Manfred Markefka, Vorurteile, Minderheiten, Diskriminierung, Neuwied 1995.
7.
Der Begriff der relativen Deprivation bezeichnet eine wahrgenommene Diskrepanz zwischen dem, was Individuen haben, und dem, wozu sie sich berechtigt fühlen. Menschen sind depriviert, wenn Erwartungen nicht erfüllt werden. Die Diskrepanz zwischen dem Ist und dem Soll kann aus dem Vergleich mit der eigenen Gruppe in der Vergangenheit oder mit anderen Gruppen entstehen.
8.
Vgl. Gordon W. Allport, The Nature of Prejudice, Reading/Mass., 1954; Yehuda Amir, Contact Hypothesis in Ethnic Relations, in: Psychological Bulletin, 71 (1969) 5, S. 319 - 342.
9.
Vgl. Theodor W. Adorno/Else Frenkel-Brunswick/Daniel J. Levinson/R. Nevitt Sanford, The Authoritarian Personality, New York 1950; Christel Hopf, Zur Aktualität der Untersuchungen zur "autoritären Persönlichkeit", in: Zeitschrift für Sozialisationsforschung und Erziehungssoziologie, 7 (1987) 3, S. 162 - 177.
10.
Vgl. Milton Rokeach, The Open and Closed Mind, New York 1960.
11.
Vgl. Henri Tajfel, Social Psychology of Intergroup Relations, in: Annual Review of Psychology, 33 (1982), S. 1 - 39.
12.
Vgl. Jürgen R. Winkler, Formen und Determinanten fremdenfeindlicher Einstellungen in der Bundesrepublik Deutschland, in: Jan van Deth/Hans Rattinger/Edeltraud Roller (Hrsg.), Die Republik auf dem Weg zur Normalität?, Opladen, 2000, S. 359 - 382; ders. Ausländerfeindlichkeit im vereinigten Deutschland, in: Jürgen W. Falter/Oscar W. Gabriel/Hans Rattinger (Hrsg.), Wirklich ein Volk? Die politischen Orientierungen von Ost- und Westdeutschen im Vergleich, Opladen 2000, S. 435 - 476.

 
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