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Medien und öffentliche Meinung im Irakkrieg


2.6.2003
Die zentrale Rolle der US-Medien und der öffentlichen Meinung beim Irakkrieg zeigt, dass der "Informationskrieg" zu einem Bestandteil der US-Militärdoktrin geworden ist.

I. Kriegsberichterstattung als Kontextbedingung von Außenpolitik



Es ist keine militärische Aktion bekannt, die in ähnlich hohem Maße detailliert und zeitnah der Weltöffentlichkeit vermittelt wurde wie der dritte Golfkrieg.[1] Seit dem Vietnam-Krieg hat es keine derart unmittelbare amerikanische Kriegsberichterstattung gegeben. Die amerikanische Regierung hat alles getan, um Fehler der neunziger Jahre im Bereich der Transparenz für die Öffentlichkeit nicht zu wiederholen. Das damalige Vorgehen wurde in den europäischen Medien im Kontext des neuerlichen Eingreifens gegen den Irak auch immer wieder reflektiert und die US-Regierung unter den Generalverdacht der Manipulation gestellt.[2]






Gleichzeitig haben in Europa - und vor allem in Deutschland - die Selbstreflexion der Medien und die "Berichterstattung über Berichterstattung" ungeahnte Ausmaße erreicht. Als ob in Friedenszeiten vom Fernsehen nur absolute Wahrheiten zu erwarten wären - und in Ermangelung brauchbarer Bilder und Informationen -, wurde ein permanenter Zweifel am eigenen Tun artikuliert. Beinahe 80 Prozent der Äußerungen der Fernseh-Moderatorin Anne Will (ARD) zwischen dem 20. März 2003 und 2. April 2003 in Bezug auf den Irak-Konflikt sind Vermutungen und Spekulationen über Hintergründe gewesen.[3]

Diese Form der Mediennabelschau verdeckt letztlich die Tatsache, dass die Kriegsberichterstattung für sich genommen ein irrelevanter Faktor im Kriegsgeschehen ist. Sie gewinnt Bedeutung erst durch ihre Kontextfunktion für das Handeln der Krieg führenden Parteien.[4]

Das Handeln ist durch drei verschiedene Dimensionen bedingt:

- Zum Ersten durch den Bezug zwischen den Medien und den Regierungen: Wie sehr kann die Medienberichterstattung regierungsseitig im Sinne der eigenen Kriegsziele gesteuert werden? Wie sehr übernehmen die Medien durch "Framing" und "Priming"[5] Bewertungsmuster der politischen Akteure, wie sehr sind sie angewiesen auf Bilder und Informationen, die im Kriegsverlauf durch die Krieg führenden Parteien bereitgestellt werden?

- Zum Zweiten durch den Bezug zwischen Medien und Öffentlichkeit: Kann - vor allem im Vorfeld - Zustimmung zum Krieg in der Bevölkerung, der eigenen und jener der Alliierten, erzeugt und dauerhaft aufrechterhalten werden? Welche Bedrohungsvorstellungen in der Bevölkerung sind dominant, aufgrund derer eine Kriegführung gerechtfertigt erscheint?

- Zum Dritten steht in Frage, in welchem Maße Regierungshandeln und öffentliche Meinung verkoppelt sind. Wie sehr müssen Regierungen auf Veränderungen der öffentlichen Meinung reagieren? Diese Empfindlichkeit gegenüber den eigenen Öffentlichkeiten ist in demokratischen Systemen extrem ausgeprägt.[6] Es macht sie aber gleichzeitig auch anfälliger für die Propagandaaktivitäten der gegnerischen Parteien.

Es scheint heute aufgrund der zunehmenden Beschleunigung und Globalisierung der Kommunikation, die die Grenzen für Beeinflussung durch gegnerische Desinformationskampagnen durchlässiger macht, beinahe unausweichlich, den "Informationskrieg" mit neuer Dringlichkeit zum Thema zu machen, um eigene Ziele und Ressourcen nicht zu gefährden. Vor allem die Tatsache, dass gegnerische Parteien in neuerer Zeit über bessere Instrumente verfügen, schneller eigene Bilder zu liefern und damit einen alternativen Interpretationsrahmen vorzugeben (Al-Dschazira-Effekt), hat bewusst gemacht, dass die westlich-amerikanische Bilderhoheit im Konfliktfall heute stärker zur Disposition steht denn je. Die meisten Staaten (vor allem aber die USA und Großbritannien) sehen deswegen heute in der "Public-Affairs"-PR einen inhärenten Bestandteil von Außenpolitik und militärischer Doktrin.[7] Aber in welchem Bezug stehen angesichts des neuen globalen Kommunikationsraumes die Propaganda an der Heimatfront sowie in verbündeten Staaten (als Teil der Defensiven Informationsoperationen) und der "Informationskrieg" gegenüber dem Gegner, dem ja ganz eigene Desinformations- und Abschreckungsziele zugrunde liegen (Offensive Informationsoperationen)?[8] Dem heute klar formulierten Anspruch des US-Militärs, unterschiedslos die alleinige "Informationsinitiative zu erringen und zu erhalten" sowie zu verhindern, dass amerikanische Medien sich möglicherweise gegnerischer Informationsquellen bedienen,[9] steht entgegen, dass es in demokratischen Staaten auch im Kriegsfall Möglichkeiten geben muss, den Krieg, seine Begründungen und Folgen zumindest im Nachhinein politisch zu bewerten.



Fußnoten

1.
Mehrmals sind durch amerikanische Journalisten Stellungen "versehentlich" der Öffentlichkeit bekannt gemacht worden, die Nutzung von Journalistentelefonen mit GPS musste untersagt werden.
2.
Vgl. z.B. den NDR-Beitrag "Lügen für den Krieg" vom 6. Februar 2003 (http://www.ndrtv.de/panorama/20030206/kriegs_luegen.html).
3.
Siehe vergleichende Studie des internationalen Forschungsinstituts Medien Tenor: Medientenor, Studie Berichterstattung über den Irak-Konflikt, April 2003 (http://medien-tenor.de/aktuelles/irak_030413_internet/sld006.htm).
4.
Vgl. Naveh Chanan, The Role of the Media in Foreign Policy Decision-Making, in: Conflict&Communication, 1(2002) 2 (http://www.cco.regener-online.de/2002_2/pdf_2002_2/naveh.pdf).
5.
Durch "Framing" werden Themen in einen bestimmten Interpretationsrahmen gestellt, um eine Meinungsbildung zu beeinflussen; beim "Priming" steuern Medien das Rezipientenurteil nicht durch direkte Aussagen über Politiker, sondern dadurch, dass sie bestimmte Themen in den Mittelpunkt stellen (Agenda-Setting), Vgl. Shanto Iyengar/Adam Simon, News Coverage of the Gulf Crisis and Public Opinion. A Study of Agenda-Setting, Priming, and Framing, in: Communication Research, 20 (1993) 3, S. 365 - 383.
6.
Vgl. Brigitte Nacos/Robert Y. Shapiro/Pierangelo Isernia (Hrsg.), Foreign Policy Decisionmaking in a Glass House: Mass Media, Public Opinion, and American and European Foreign Policy in the 21st Century, Lanham 2000.
7.
Vgl. z.B. Joint Chiefs of Staff, Joint Doctrine for Information Operations, Joint Pub 3 - 13, 9. Oktober 1998 (http://www.dtic.mil/doctrine/jel/new_pubs/jp3_13.pdf). Vgl. ferner Informationsdoktrin der amerikanischen Luftwaffe: United States Air Force, Information Operations, Air Force Doctrine Document 2 - 5, 4. Januar 2002 (http://www.dtic.mil/doctrine/jel/service_pubs/afdd2_5.pdf).
8.
Vgl. Offensive Counterinformation Operations (OCI), Defensive Counterinformation Operations (DCI)
9.
Vgl. United States Air Force (Anm. 7), S. 27.