Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Anne Seibring

Editorial

Der Philosoph Slavoj Žižek machte sich jüngst in der "Neuen Zürcher Zeitung" Gedanken über die (historische) Wahrheit und das, was sie einst gewesen sei im Westen: die eine Wahrheit der liberal-demokratischen Meistererzählung – die er als große Lüge bezeichnet. Er plädiert dafür, die Geschichte einer Epoche oder eines Landes aus allen möglichen Perspektiven zu erzählen – auch aus jener der "Verlierer". Dieser Zugang trage zu einem "wahreren Bild" der Geschehnisse bei.

Die Idee, Geschichte "von unten" oder "von den Rändern" her zu schreiben, Ungleichheitskategorien wie class, race und gender zu untersuchen oder Perspektiven von Minderheiten einzubringen, ist nicht völlig neu. Doch etabliert in einer "allgemeinen" Geschichtsschreibung sind solche Ansätze bis heute nur bedingt. Offen bleibt die Frage, wie die vielen Geschichten, die erzählt werden können, zu der "einen" Geschichte stehen, oder, grundsätzlicher, ob es die eine Geschichte überhaupt noch braucht, um zu historischer Erkenntnis zu gelangen.

Geschichtsschreibung und Geschichtslernen, die ebenso die Konstruktion von Identitäten von Gruppen in der Vergangenheit thematisieren – "Wir" und "die Anderen" –, können angesichts aktueller gesellschaftlicher Debatten um (Nicht-)Zugehörigkeit Verständnis für die Gegenwart fördern. Am Beispiel: Wenn rechtspopulistische bis rechtsextreme Gruppierungen meinen, "das" Volk zu repräsentieren, schreiben sie dieses (erneut) als ethnisch weiß und christlich-abendländisch fest. Und wenn einige in Westdeutschland Sozialisierte meinen, sie hätten Toleranz und Demokratie für sich gepachtet, wird "der" Ostdeutsche zum schlechthin "Anderen" gemacht, und das eigene rassistische Erbe wird ausgeblendet.

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Autor: Anne Seibring für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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