Bei der Ausstellung "Willkommen im Labyrinth - Künstlerische Irreführungen" im Marta Herford Museum in Herford hängen in einer Installation der Künstlerin Song Dong zahlreiche Lampen in einem mit Spiegeln verkleideten Raum.

14.9.2018 | Von:
Anna Hájková

Queere Geschichte und der Holocaust

Queere jüdische Opfer des Holocaust sind bis heute kaum ein Thema in der Historiografie. Das liegt auch daran, dass sie die dominierenden Kategorien verletzen: Fast immer wird der verfolgten Homosexuellen als Nichtjuden gedacht, die jüdischen Opfer gelten implizit immer als heterosexuell. Dass sich diese Kategorien überkreuzen könnten, erweckt Unverständnis und Unbehagen, was auch auf Vorbehalte gegenüber gleichgeschlechtlichem Verhalten in den Konzentrationslagern selbst zurückgeht. Mein Beitrag zeigt, dass wir bei genauerer Suche auch dort queere Spuren finden können, wo Protagonist_innen fast immer in einer Kategorie verortet werden: als Juden, Homosexuelle, Frauen oder Mitglieder einer Organisation. Mehrfache Zugehörigkeiten[1] zu erkennen und gemeinsam zu untersuchen, trägt zu einem besseren Verständnis der Geschichte der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik bei.

Ich verwende in diesem Beitrag grundsätzlich die Termini "gleichgeschlechtliche sexuelle Aktivitäten" und "queere" Protagonist_innen und folge damit dem Plädoyer von Forscher_innen wie Regina Kunzel, John Howard und anderen, die Binarität von Homo- und Heterosexualität aufzulösen, die in der Realität nicht existiert.[2] Der Begriff "homosexuell"[3] greift oft zu kurz, während das Konzept "queer" in seiner Offenheit der Komplexität gerecht wird, mit der die historischen Protagonist_innen mit ihrer Sexualität umgingen und sie praktizierten und die mit ihrer Identität nicht verbunden sein musste. Ich behalte Begriffe wie "homosexuell", "schwul" oder "lesbisch" aber dort bei, wo sie in der Geschichtsschreibung etabliert sind und/oder als Selbstbeschreibung benutzt werden.

Fußnoten

1.
Vgl. Rogers Brubaker/Frederick Cooper, Beyond Identity, in: Theory and Society 1/2000, S. 1–47.
2.
Vgl. Regina Kunzel, Criminal Intimacy. Prison and the Uneven History of Modern American Sexuality, Chicago 2002, S. 7; John Howard, Men Like That. A Southern Queer History, Chicago 1999, S. xviii.
3.
Vgl. Alexander Zinn, "Aus dem Volkskörper entfernt"? Homosexuelle Männer im Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 2018, S. 28f.
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Autor: Anna Hájková für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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