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2.6.2003 | Von:
Hans-Georg Golz

Editorial

Zum 50. Jahrestag des Volksaufstandes in der DDR wird eine zeithistorische Bilanz gezogen. Untersucht werden u.a. die nationalen und internationalen Dimensionen der Erhebung und die Rolle der Medien.

Der 50. Jahrestag des Volksaufstands in der Deutschen Demokratischen Republik ist Anlass für ARD und ZDF, mit zwei Spielfilmen und einem "Dokudrama" an die dramatischen Ereignisse zu erinnern - notwendige Nachhilfestunden, denn insbesondere in der jüngeren Generation in Ost- wie in Westdeutschland stößt das historische Datum mittlerweile auf große Unkenntnis. Dagegen führt eine Bilanz der zeitgeschichtlichen Erforschung des 17. Juni 1953, die sich auf die DDR-Archive und auf westliches Quellenmaterial stützen kann, zu gesicherten Befunden: Der Volksaufstand entzündete sich an der verfehlten SED-Politik einer beschleunigten Sowjetisierung und hatte innenpolitische Ursachen. Die Erhebung begann in Ost-Berlin und breitete sich rasch über die gesamte DDR aus; in über 700 Städten und Gemeinden beteiligten sich etwa eine Million Menschen. Die Westmächte und die Bundesrepublik wurden von dem Aufstand überrascht. Ohne das Einschreiten der sowjetischen Truppen wäre die Herrschaft der SED bereits knapp vier Jahre nach der Staatsgründung an ihr Ende gelangt.

In seinem Essay skizziert der Zeitzeuge Egon Bahr, damals Chefkommentator des RIAS, mit welcher Sensibilität der amerikanische Rundfunksender in West-Berlin bei der Berichterstattung vorzugehen hatte. Das Interesse der Amerikaner wie das der Russen habe dem Erhalt des Status quo gegolten. Trotzdem sei der RIAS ungewollt zum Katalysator des Aufstands geworden: Die in Ost-Berlin formulierten Forderungen nach freien Wahlen und Wiedervereinigung wurden am 16. Juni gesendet und standen von Anfang an im Zentrum der Proteste in allen Teilen der DDR. Karl Wilhelm Fricke verweist daher auf die nationale Dimension des Volksaufstandes und zieht eine Linie zum Revolutionsherbst 1989. Der Autor registriert auch Versuche einer relativierenden Geschichtsschreibung.

Michael Lemke belegt das Versagen der Staatssicherheit und die Ohnmacht des Politbüros am 17. Juni 1953 - bis zum Ende der DDR Trauma und Menetekel für die Herrschenden. Dagegen sei die Erinnerung an den im Westen glorifizierten Aufstand bei den Bürgerinnen und Bürgern der DDR im Laufe der Jahrzehnte verblasst. Deutschland- und außenpolitisch habe der Volksaufstand das Ende der DDR bedeutet, wie sie 1949 konzipiert worden sei.

Der internationalen Dimension der Juni-Ereignisse widmen sich Marianne Howarth und Jochen Laufer. Die Westmächte, so Howarth, seien bemüht gewesen, die kaum für möglich gehaltene Entwicklung nicht außer Kontrolle geraten zu lassen. Sie hätten diesen ersten Volksaufstand gegen den Stalinismus dazu genutzt, die Integration der Bundesrepublik in das westliche Verteidigungsbündnis voranzutreiben. Laufer zeigt, wie die in der Sowjetunion zunächst als Flüchtlingskrise wahrgenommenen Ereignisse in der DDR dazu beitrugen, den Profilierungs- und Richtungsstreit im Kreml nach Stalins Tod zu entscheiden. Gedankenspiele über eine Neutralisierung Gesamtdeutschlands seien beendet gewesen.

Die Rolle der Medien in West und Ost während des Volksaufstandes kommentiert Gunter Holzweißig. Die von Ost-Berlin kolportierte "RIAS-Legende" könne ad acta gelegt werden, auch wenn die rund um die Uhr laufenden Informationssendungen nachhaltigen Einfluss auf die Entwicklung in der DDR ausgeübt hätten. Die Medien der DDR erwiesen sich nach kurzer Sprachlosigkeit - in der es zu bemerkenswerten "Fehlerdiskussionen" kam - wieder als willfährige Instrumente der Staatspartei.