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2.6.2003 | Von:
Egon Bahr

Tag der gesamtdeutschen Geschichte

Der Zeitzeuge Egon Bahr skizziert, mit welcher Sensibilität der RIAS bei der Berichterstattung vorzugehen hatte: Das Interesse der Amerikaner wie das der Russen galt dem Erhalt des Status quo.

Einleitung

Wenn qualitativ etwas Unvermutetes in die Geschichte eintritt, dann ist es eine Überraschung. Mit anderen Worten: Man hat es nicht vorhergesehen. Das gilt umstandslos für den 17. Juni 1953. Die Ereignisse um dieses Datum herum sind insofern eine Einmaligkeit, als keiner der Dienste sie vorausgesagt, von ihnen gewusst oder sie angekündigt hat. Wir haben im RIAS seinerzeit gewusst, jawohl, es wird diskutiert in den Fabriken wegen der Erhöhung der Arbeitsnormen. Niemand hat es aber für möglich gehalten, dass innerhalb der sowjetischen Machtsphäre Menschen "von unten" aufbegehren und einen Aufstand beginnen könnten.


Insofern war der 17. Juni eine Erstmaligkeit, denn die Polen, die Ungarn, die Tschechen kamen später. Er war es auch unter einem anderen Gesichtspunkt: Als eine Abordnung der Streikenden plötzlich vor meinem Schreibtisch im RIAS stand - ich war damals Chefredakteur -, war auch das nicht erwartet worden. Natürlich hatte auch niemand vorhergesehen, dass sie an den RIAS die Forderung stellen würden, wir sollten aufrufen zum Generalstreik in der Zone. Die haben noch "Zone" gesagt. Und natürlich konnten wir nicht. Ein amerikanisch gelenkter Sender konnte nicht zum Generalstreik in der sowjetisch besetzten Zone, also in der einer anderen Besatzungsmacht, aufrufen. Ich sehe die leuchtenden, begeisterten Augen dieser Leute noch heute vor mir und ihre Enttäuschung, als ich ihnen entgegnete: Das geht nicht. Ich habe ihnen den Grund damals nicht ehrlich gesagt. Ich habe gefragt: Gibt es denn irgendwelche organisatorischen Vorbereitungen, Verbindungen in die Zone? Das mussten sie verneinen. Da habe ich erwidert: Dann ist die Sache aussichtslos. Eigentlich nur, um sie ein bisschen zu befriedigen, haben wir dann gefragt: Was sind denn Ihre Forderungen? Die haben sie aufgezählt. Und dann haben wir uns an den Tisch gesetzt, diese fünf Punkte aufgeschrieben und haben ihnen zugesagt, die werden wir senden. Das haben wir auch getan.

Wir haben erst zehn Tage später realisiert, durch die Berichte, die wir bekamen, was da und dort und in jener Stadt passiert war, dass eben nicht nur Berlin und nicht nur Brandenburg, sondern praktisch die gesamte Zone "hochgegangen" war, dass überall dieselben Forderungen in derselben Reihenfolge, in demselben Wortlaut erhoben worden waren. Das heißt, der RIAS war, ohne es zu wollen und ohne es zu wissen, zum Katalysator des Aufstandes geworden. Und das war die andere, zweite Erstmaligkeit: Wie nie zuvor ist bewiesen worden, mit welch rasender Wirksamkeit und Schnelligkeit ein elektronisches Medium in der Lage ist, eine Situation zu verändern. Das hat es vorher nicht gegeben.

Es gab noch eine dritte Erstmaligkeit. Ich erinnere mich genau, dass ich zum ersten Mal in meiner RIAS-Zeit eine Weisung von unserem amerikanischen Controller, unserem Direktor Gordon Ewing, bekommen habe, ein fabelhafter Mann. Das geschah, als wir anfingen, die Erklärung der Streikenden zu senden, dass man sich am nächsten Morgen, am 17. um 7 Uhr früh, am Strausberger Platz treffen solle. Wir hatten Angst, da kämen nur ein paar Leutchen, und die würden verhaftet werden. Und deshalb haben wir gesendet, damit da ein bisschen mehr sind als nur ein paar. Dieser amerikanische Freund stürzte mit bebendem Bärtchen in mein Büro und sagte, der Hochkommissar, der Botschafter James B. Conant, habe angerufen, ob denn der RIAS den Dritten Weltkrieg beginnen wolle. Ich sagte: Natürlich nicht. Ja, aber was ist, wenn die Russen eingreifen? Und was ist, wenn die Russen dann weiter marschieren oder ihre Panzer gleich nach West-Berlin rollen lassen? Ich sagte, das geht gar nicht. Ewing daraufhin: Können Sie das garantieren? Natürlich kann ich das nicht garantieren, entgegnete ich. Es gab keine weitere Diskussion; Ewing wies mich an, die Ausstrahlung der Erklärung sofort zu unterlassen.

Was wir nicht realisiert haben, war, dass schon damals die Amerikaner überaus vorsichtig gewesen sind, die Russen erst recht, und dass alle daran interessiert waren, den Status quo zu erhalten. Es durfte nichts passieren. Es sollte keinen Krieg geben wegen Berlin. Wir haben das in aller Brutalität acht Jahre später beim Bau der Mauer wieder erlebt.

Natürlich gab es - wie immer in historischen Situationen - auch seltsame Geschichten. Am 17. Juni früh war ich mit den Chefredakteuren der Berliner Sender und Zeitungen bei meinem Vorgänger, dem Berlin-Bevollmächtigten Heinrich Vockel, nachdem ich dem Nachrichtenchef untersagt hatte, eine Meldung mit einer Erklärung von Adenauer zu senden: Der beginnende Aufstand sei eine sowjetische Provokation. Das war nun so weit von der Realität entfernt, dass ich nicht wollte, dass der alte Herr sich blamiert. Und als ich das Herrn Vockel sagte, meinte der: Ich habe schon vergeblich bei Globke versucht, ihn davon zu überzeugen. Aber vielleicht rufen Sie mal an. Das habe ich dann auch getan, und die Wortmeldung des Bundeskanzlers unterblieb. Der Vorgang zeigte, wie weit der Westen - in diesem Falle Bonn - von den Realitäten der Zone entfernt war.

Wenn ich mich heute in die Lage von damals versetze, muss ich sagen: Wir können bis zum heutigen Tage stolz darauf sein, was damals Deutsche in einer schwierigen Lage gewagt haben. Während der Blockade hatte der Westen zum ersten Mal realisiert, dass Deutsche in West-Berlin bereit waren, ein Risiko einzugehen für die Freiheit. Der 17. Juni war nun der Beweis dafür, dass auch die Deutschen in Ostdeutschland bereit waren, Risiken einzugehen und - was noch wichtiger war - zu zeigen, was sie eigentlich wollten, wenn sie könnten. Ihre Forderungen begannen mit der Senkung der Arbeitsnormen, waren also zunächst wirtschaftlicher Natur, und endeten vor dem Haus der Ministerien mit dem politischen Ruf nach freien Wahlen. Es besteht gar kein Zweifel, dass wir ohne das Eingreifen der sowjetischen Panzer die Einheit schon damals bekommen hätten, denn die Ulbricht-Regierung war de facto entmachtet. Und die Volkspolizei war im Begriff, auf die Seite der Aufständischen zu wechseln.

Wir müssen allerdings zugeben, dass die Geschichte des bundesdeutschen Feiertags am 17. Juni kein Ruhmesblatt ist. Wie überhaupt damals der 17. Juni nicht die große Wirkung in Westdeutschland, die Aufregung, das Engagement hervorgerufen hat, das man heute vermuten könnte. Ich sah es immer mit Skepsis, dass die Westdeutschen sich dieses freien Tages zur besten Jahreszeit erfreuten, während die Ostdeutschen arbeiten mussten. Das kann man jedoch keinem zum Vorwurf machen. Ich empfand es auch nicht als Ruhmesblatt in der Gewerkschaftsgeschichte, dass die Gewerkschaften diesen Feiertag als soziale Errungenschaft verteidigt haben. Aber so ist das eben. Ich habe neulich das Jahrbuch der CDU aus dem Jahr 1953 zur Hand genommen: Da muss man aber gewaltig suchen, ehe man etwas über den 17. Juni findet. Ein kleiner Nebensatz war es bei Adenauer. Jakob Kaiser hat etwas mehr darüber gesagt. Auch 1953 gab es Wahlen, wie so oft bei uns. Und die nächsten stehen dann jeweils schon bevor. Da muss man immer aufs Neue entscheiden, ob man die nationalen Fragen höher stellt als Parteifragen.

Ich bin fest davon überzeugt, dass der 17. Juni 1953 weitreichende Wirkungen gehabt hat. Er hat das Denken der Politiker geprägt, und zwar im Osten wie im Westen. Im Osten habe ich das festgestellt, als ich viele Jahre später mit Hermann Axen zu sprechen hatte, der Mitglied des Politbüros war und der mir sagte: Niemand von uns im Politbüro, alte Herren, die damals schon etwas zu sagen hatten, wird vergessen, was damals am 17. Juni passierte. Die Lehre daraus ist: Wenn der Druck im Kessel steigt, darf man nicht den Deckel hochnehmen. Sonst fliegt er einem um die Ohren.

Ein Stück der SED-Haltung seither war auf die Angst vor einer Wiederholung des 17. Juni zurückzuführen. Und im Westen stand die Erfahrung im Mittelpunkt: Wir haben seinerzeit mit geballten Fäusten, aber ohnmächtig an der Sektorengrenze gestanden und konnten und durften nicht helfen. Unsere Hilfe reduzierte sich im Wesentlichen auf Erbitterung und auf berechtigten Protest. Das haben wir dann 1956 erneut erlebt in Polen, noch schlimmer im selben Jahr in Ungarn, und 1968 in der Tschechoslowakei. Daraus resultierte, dass wir 1980, als Solidarnosc in Polen anfing, riefen, um Gottes Willen, wollen die das noch mal erleben, dass der Westen protestiert, aber nichts tut? Insofern hat der 17. Juni Langzeitwirkungen gehabt auf allen Seiten. Ich will durchaus hinzufügen: auch bei Solidarnosc. Die konnten besser beurteilen als wir, was man riskieren konnte.

Nachdem wir nun die Einheit lange genug haben, können wir den 17. Juni 1953 als gesamtdeutsches Ereignis begreifen und sagen: Wir können stolz sein auf diesen Tag und das, was die Ostdeutschen gezeigt haben. Ohne ihren Mut hätte es weder den 17. Juni 1953 noch den 9. November 1989 gegeben. Der kleinere, bedrängtere Teil hat für das Ganze Geschichte geschrieben.