APUZ Dossier Bild

2.6.2003 | Von:
Karl Wilhelm Fricke

Die nationale Dimension des 17. Juni 1953

Der Autor verweist auf die nationale Dimension des Volksaufstandes. Ebenso wird eine Linie zum Revolutionsherbst 1989 gezogen.

Einleitung

Fünfzig Jahre nach jenem dramatischen Geschehen in Ost-Berlin und der DDR, das mit dem Datum des 17. Juni 1953 verbunden ist, sollten einige historische Grunderkenntnisse eigentlich unstrittig sein - über die Spontaneität etwa, mit der Hunderttausende Streikende die Arbeit niederlegten und ein bis zwei Millionen Demonstranten republikweit auf die Straße gingen, ebenso über die frühzeitige Politisierung der von ihnen erhobenen Forderungen. Aber diese Hoffnung trügt. Nachdem die historische Wahrheit über den 17. Juni schon im Staat der SED bis zu seiner Endzeit nicht zur Sprache gebracht werden durfte, sondern Zerrbilder, Legenden und Unwahrheiten von Ideologen und Historikern im Parteiauftrag kolportiert wurden, mehren sich im geeinten Deutschland Versuche, den 17. Juni 1953 als Eskalation sozialer Massenproteste darzustellen, in deren Verlauf es zu "Randale" und "Gewalttätigkeiten" kam. "DDR-Fahnen wurden herabgerissen und verbrannt, Kioske angezündet. Läden und öffentliche Gebäude gestürmt, geplündert und gebrandschatzt. Es kam zu tätlichen Angriffen auf Mitglieder der SED und der FDJ."[1] So zu lesen in einer mit über zwei Dutzend Unterschriften versehenen Erklärung zum 50. Jahrestag des Aufstands, die ein "Berliner Alternatives Geschichtsforum" veröffentlicht hat. Zu den Unterzeichnern gehören Hans Modrow, Manfred Gerlach und Wolfgang Schwanitz, und so kann es nicht überraschen, dass historische Deutungsmuster angeboten werden, die einst das Geschichtsbild der SED vom 17. Juni prägten.


Dieselbe Tendenz lassen Publikationen erkennen, die eher Aufschluss über ihre Verfasser als über die Geschichte der Erhebung vermitteln. "Niemand glaubt mehr an einen faschistischen Putschversuch oder an einen Volksaufstand", will etwa Hans Bentzien suggerieren.[2] Indem er den Topos einer Legende verwirft, will er einen historisch gültigen Begriff relativieren. In einer Selbstrechtfertigungsschrift zu ihrem Dienst im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) räumen ehemalige Stasi-Generäle zwar innere Ursachen des Aufstands ein, negieren auch seine Einschätzung als "faschistischen Putsch", aber konstatieren gleichwohl "eine massive, auf Konterrevolution ausgerichtete Einmischung von außen". Vor allem leugnen sie vehement, "es habe sich um einen 'Arbeiteraufstand' gar für die deutsche Einheit gehandelt. Um einen solchen 'Aufstand' handelte es sich ganz gewiss nicht."[3] Die ehemaligen "Tschekisten" schreiben gegen die Wahrheit.


Fußnoten

1.
Erklärung zum 50. Jahrestag des 17. Juni 1953, in: Icarus. Zeitschrift für soziale Theorie und Menschenrechte, (2002) 3 - 4, S. 59 - 62.
2.
Hans Bentzien, Was geschah am 17. Juni? Vorgeschichte - Verlauf - Hintergründe, Berlin 2003, S. 7.
3.
Reinhard Grimmer/Werner Irmler/Gerhard Neiber/Wolfgang Schwanitz, Sicherheitspolitik der SED, staatliche Sicherheit der DDR und Abwehrarbeit des MfS, in: Reinhard Grimmer/Werner Irmler/Willi Opitz/Wolfgang Schwanitz (Hrsg.), Die Sicherheit. Zur Abwehrarbeit des MfS, Bd. I, Berlin 2002, S. 44 - 226, hier: S. 143f.