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2.6.2003 | Von:
Karl Wilhelm Fricke

Die nationale Dimension des 17. Juni 1953

Zum Forschungsstand

Die westliche Zeitgeschichtsforschung arbeitete den 17. Juni 1953 in der Zeit der deutschen Teilung zwar so gut wie möglich auf, aber mit dem Zugriff auf die Archive der DDR hat sie eine neue Qualität erreicht. Vor allem Akten und Archivalien aus dem Zentralen Parteiarchiv der SED und dem Militärarchiv der DDR sowie aus den Archiven des MfS und des Ministeriums des Innern haben die Erkenntnisse über die Erhebung vertieft, ergänzt und präzisiert. Eine Reihe fundierter Werke ist seither erschienen.[4] Eine totale Revision des bis 1990 erarbeiteten Geschichtsbildes war gleichwohl nicht erforderlich, seine grundlegenden Erkenntnisse waren von Bestand.

Zu korrigieren waren Zahlen über das Ausmaß der Erhebung, denn die Zeitgeschichtsforschung hatte jahrzehntelang DDR-amtliche Fälschungen hingenommen, mit denen die Herrschenden das Wissen über den 17. Juni unterdrücken wollten. Tatsächlich hatte die sowjetische Besatzungsmacht über 167 von 217 Stadt- und Landkreise der DDR den Ausnahmezustand verhängt. In Brennpunkten des Aufstands wie Ost-Berlin, Magdeburg, Halle und Leipzig wurde er erst nach Wochen aufgehoben. Die seinerzeit von Ministerpräsident Otto Grotewohl offiziell genannte Zahl von 272 Städten und Ortschaften,[5] die von Streiks, Demonstrationen und Unruhen erfasst worden seien, erwies sich nicht nur als falsch, sondern als bewusst gefälscht. 1991 konnte Thorsten Diedrich anhand von Akten des Ministeriums des Innern 373 Ereignisorte nachweisen.[6] Vier Jahre später belegten Ilko-Sascha Kowalczuk und Armin Mitter bereits 563 Streikorte.[7] Nach jüngsten Recherchen hat Kowalczuk 701 Städte und Ortschaften aufgelistet, in denen es zu Aktionen gegen die Staatspartei bzw. die Besatzungsmacht gekommen war.[8] Selbst diese Zahl dürfte nicht endgültig sein. Noch immer taucht in den Archiven neues, bislang unbekanntes Material über den 17. Juni auf.

Als im Großen und Ganzen abgeschlossen kann die Forschung zur Strafverfolgung der Akteure des 17. Juni gelten.[9] Doch auch hier sind noch Defizite anzuzeigen, denn manches Schicksal von Aufständischen ist ungeklärt. Erst der Zugang zu den Akten in den Archiven des KGB in Moskau könnte hier für Klarheit sorgen, denn mit der Verhängung des Ausnahmezustands war die strafrechtliche Verfolgung von Streikenden und Demonstranten zu einer Angelegenheit der Besatzungsmacht geworden. Wieviele Juni-Aufständische von Sowjetischen Militärtribunalen (SMT) zum Tode verurteilt wurden, hat die Zeitgeschichtsforschung bis heute nicht genau klären können. Ferner wurden mehrere hundert Aufständische zu Freiheitsstrafen von (selten) drei bis (häufig) 25 Jahren in Zwangsarbeitslagern der Sowjetunion verurteilt. Im Gegensatz zu den Standgerichtsurteilen wurden diese SMT-Urteile seinerzeit geheim gehalten; selbst nächste Familienangehörige blieben monatelang ohne Nachricht. In ihrer Mehrheit blieben die Verurteilten zum Strafvollzug in DDR-Zuchthäusern und Arbeitslagern. Etwa ein Fünftel gelangte in den GULag, zumal nach Workuta in Sibirien.


Fußnoten

4.
Vgl. besonders Manfred Hagen, DDR - Juni '53. Die erste Volkserhebung im Stalinismus, Stuttgart 1992, und Gerhard Beier, Wir wollen freie Menschen sein. Der 17. Juni 1953: Bauleute gingen voran, Frankfurt/M.-Wien 1993.
5.
Vgl. Otto Grotewohl, Die gegenwärtige Lage und der neue Kurs der Partei, in: Der neue Kurs und die Aufgaben der Partei, Berlin (Ost) 1953, S. 32.
6.
Vgl. Torsten Diedrich, Der 17. Juni 1953. Bewaffnete Gewalt gegen das Volk, Berlin 1991, S. 293.
7.
Vgl. Ilko-Sascha Kowalczuk/ Armin Mitter, Orte des Widerstandes, in: dies./ Stefan Wolle (Hrsg.), Der Tag X - 17. Juni 1953. Die "Innere Staatsgründung" der DDR als Ergebnis der Krise 1952/54, Berlin 1995, S. 335ff.
8.
Vgl. Ilko-Sascha Kowalczuk, 17. Juni 1953: Volksaufstand in der DDR. Ursachen - Abläufe - Folgen, Bremen 2003, S. 284 - 293.
9.
Vgl. Falco Werkentin, Politische Strafjustiz in der Ära Ulbricht. Vom bekennenden Terror zur verdeckten Repression, 2., überarb. Aufl., Berlin 1997, S. 105 - 155.