APUZ Dossier Bild

2.6.2003 | Von:
Michael Lemke

Der 17. Juni 1953 in der DDR-Geschichte

Folgen und Spätfolgen

Deutschlandpolitische Effekte und Konsequenzen

Der 17. Juni führte nicht nur zu einer "Inneren"[11] bzw. "zweiten"[12] Staatsgründung, sondern auch zur außen- und deutschlandpolitischen Neubestimmung der DDR; das war nicht zuletzt eine Konsequenz aus der sowjetischen Entscheidung, deren separatstaatlichen sozialistischen Weg fortzusetzen und völkerrechtlich abzusichern. Vor allem aber bedeutete der Volksaufstand das Ende der DDR, wie sie 1949 konzipiert worden war. Zum einen war sie als Provisorium perdu, zum anderen hatte sie ihren politisch-moralischen Anspruch als Alternative zur Bundesrepublik und als Modell für deren "antifaschistisch-demokratische" Umgestaltung verloren. Die ursprüngliche Konzeption, die deutsche Einheit über den Mechanismus einer gesamtdeutschen Volksfront und durch den "Magnetismus" der DDR herzustellen, war gescheitert. Spätestens am 17. Juni dürfte jedem im Politbüro klar geworden sein, dass die Grundbedingung für eine Wiedervereinigung nach ostdeutschem Bilde, die Akzeptanz der Bevölkerung der DDR für die Politik der SED, nicht erreicht worden war und in absehbarer Zukunft auch nicht zu erreichen sein würde. Der 17. Juni stellte also indirekt einen Sieg des parlamentarisch-marktwirtschaftlichen Weges der Bundesrepublik dar, die 1953 für viele Menschen in der DDR zwar nicht als Ideal, aber doch als lebenswertere Alternative angesehen wurde. So wurde der Aufstand zur gesamtdeutschen Erfahrung: Die SED scheiterte nicht nur in der DDR, sondern im zweigeteilten Deutschland. In ihrem Urteil Schwankende sahen in der DDR nun das, was sie war: eine Diktatur. Die östliche infiltrative und missionarische Westpolitik erlitt einen schweren Rückschlag.[13]

Für die Anerkennungspolitik der SED wirkte die Volkserhebung insofern fatal, als der bundesdeutsche Alleinvertretungsanspruch eine weitere Dimension erhielt. Hatte Bonn die Verweigerung offizieller Kontakte zur DDR bislang mit der fehlenden Legitimation der SED begründet, so argumentierte Bundeskanzler Konrad Adenauer nun auch moralisch: Die Bevölkerung der Ostzone habe der SED am 17. Juni jedes Vertretungsrecht abgesprochen. Also vollziehe die Bundesregierung mit ihrer Gesprächsverweigerung nichts anderes als das Votum der Ostdeutschen. Ein Abgehen vom Alleinvertretungsanspruch wäre "eine Beleidigung der zahllosen Opfer an Leben und Freiheit" und "Verrat" an den "Zonenbewohnern".[14] Wenngleich die Volkserhebung von der Bundesregierung (und den Westmächten) weder gewünscht noch vorbereitet, provoziert oder unterstützt worden war, nutzten diese ihre Ergebnisse im internationalen Kalten Krieg und im deutschem Sonderkonflikt für sich. Der 17. Juni schuf ein zentrales Argument gegen den Kommunismus, das nicht zuletzt durch den "Tag der deutschen Einheit" und die damit verbundene Inszenierung des Gedenkens in die DDR hineinwirkte.


Fußnoten

11.
Vgl. Armin Mitter, Die "Innere Staatsgründung", in: Ilko-Sascha Kowalczuk/Armin Mitter/Stefan Wolle (Hrsg.), Der Tag X. - 17. Juni 1953. Die "Innere Staatsgründung" der DDR als Ergebnis der Krise 1952/54, Berlin 1996(2), S. 26f.
12.
Vgl. Manfred Wilke/Tobias Voigt, "Neuer Kurs" und 17. Juni - Die zweite Staatsgründung der DDR 1953, in: Andras B. Hegedüs/Manfred Wilke (Hrsg.), Satelliten nach Stalins Tod, Berlin 2000, S. 134.
13.
Vgl. M. Lemke (Anm. 6), S. 278f.
14.
Vgl. Erklärung Adenauers: "Meine lieben Landsleute in Ostberlin und in der Sowjetzone", 4.9.1953, RIAS Berlin.