APUZ Dossier Bild

2.6.2003 | Von:
Michael Lemke

Der 17. Juni 1953 in der DDR-Geschichte

Folgen und Spätfolgen

Wirkungen bis zum Mauerbau

Das Politbüro der SED und die Regierung der DDR handelten fortan unter verstärktem innenpolitischen Legitimationsdruck, der insbesondere von der Entwicklung der "Republikflucht" mit bestimmt wurde. Zwar ging eine Reihe von aktiven Teilnehmern der Juni-Erhebung aus Angst vor Strafen und Repressionen in den Westen, was für die Partei eine erwünschte Minderung des Oppositionspotenzials bedeutete. Doch hatte der 17. Juni das Politbüro gelehrt, dass nur die Erhöhung des Lebensstandards, vor allem die Lösung der Lebensmittelfrage, massenhafter Unzufriedenheit und dem Exodus der Bevölkerung vorbeugen konnte.

Welchen politischen Zündstoff die Versorgungsfrage im Kalten Krieg besaß, erfuhr die SED wenige Wochen nach dem 17. Juni, als die USA und die Bundesrepublik von West-Berlin aus eine risikoreiche Lebensmittelhilfe für die ostdeutsche Bevölkerung organisierten und die sich zuspitzende Ost-West-Konfrontation[15] die Gefahr neuer Unruhen in der DDR heraufbeschwor. Dieser Testfall für die Stabilität des Regimes war von der SED mit sowjetischer Hilfe durchgestanden worden, hatte aber gezeigt, dass der Widerstandswille der Bevölkerung keineswegs gebrochen war. Massiver Legitimationsdruck ging zudem vom Kampf der SED gegen die Integration der Bundesrepublik in das westliche Bündnissystem aus. Denn indirekt zwang der 17. Juni die Partei noch stärker dazu, sich als die wahre Interessenvertreterin der Nation zu präsentieren, wenn sie schon nicht auf überzeugende innen- und wirtschaftspolitische Leistungen verweisen konnte und außenpolitisch isoliert blieb. Sehr schnell zeigte sich bei der SED die Tendenz, die Volkserhebung und ihre unmittelbaren Folgen zu verdrängen. Vor allem in den internationalen und in den Bündnisbeziehungen sollte der fatale Tag nicht erwähnt werden, wie Grotewohl anordnete.[16] Das Aufstandssyndrom nahm groteske Formen an, als der DDR-Verkehrsminister angewiesen wurde, mit den westdeutschen Stellen die Anzahl der Eisenbahnzüge im Interzonenverkehr für Ostern und Pfingsten 1956 selbstständig zu vereinbaren, "die Zahl 17" aber "in jedem Fall zu verhindern".[17]


Fußnoten

15.
Vgl. Christian F. Ostermann, "Die beste Chance für ein Rollback"? Amerikanische Politik und 17. Juni 1953, in: Christoph Kleßmann/Bernd Stöver (Hrsg.), 1953 - Krisenjahr des Kalten Krieges in Europa, Köln u.a. 1999, S. 115 - 139, und Bernd Stöver, Die Befreiung vom Kommunismus. Amerikanische Liberation Policy im Kalten Krieg 1947 - 1991, Köln u.a. 2002, S. 486 - 493.
16.
Vgl. Notiz Grotewohls zur "Konferenz europäischer Länder zur Gewährleistung des Friedens und der Sicherheit in Europa", 29. 11. - 4. 12. 1954, SAPMO-BArch, NY 4090/460, Bl. 239.
17.
Vgl. Beschluss des Politbüros, Protokoll 9/56, 13. 3. 1956, SAPMO-BArch, DY 30, J IV 2/2/463, Bl. 8.