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2.6.2003 | Von:
Michael Lemke

Der 17. Juni 1953 in der DDR-Geschichte

Folgen und Spätfolgen

Intellektuelle Opposition und studentische Revolte 1956

Im Verlauf des Jahres 1955 schien sich die Lage in der DDR zu stabilisieren. Einerseits begann sich die Wirtschaft langsam zu erholen, andererseits verschafften die Verkündung der sowjetischen Zwei-Staaten-Theorie und die Mitgliedschaft der DDR im Warschauer Pakt der SED ein gewisses Sicherheitsgefühl. Gleichzeitig trugen seit Mitte 1953 soziale Maßnahmen wie die Erhöhung von Löhnen und Renten sowie Preissenkungen und die Erweiterung der Konsum- und Nahrungsgüterproduktion zur Beruhigung der Arbeiterschaft bei. In der Tat hatten die Maßnahmen des "Neuen Kurses" durch eine relative Verbesserung der Lebenslage Anteil am allmählichen Verblassen der Aufstandsbilder. Eine dauerhafte Beruhigung wurde jedoch dadurch in Frage gestellt, dass die politischen Strukturen des Stalinismus in der DDR fortbestanden und sich das Problem einer Entstalinisierung der Gesellschaft in allen Staaten des Ostblocks stellte.

So waren die Ereignisse des Jahres 1956 in Blockprozesse eingebettet, die ähnlich gelagert waren, aber von nationalen Besonderheiten bestimmt wurden. Für ihre Intensität war von Bedeutung, dass sie im Zentrum des Systems, in Moskau, mit dem XX. Parteitag der KPdSU und einer Kritik am Personenkult um Stalin begannen und ansatzweise die ideologischen Grundlagen für eine Entstalinisierung der Herrschaft und eine Liberalisierung der Machtausübung schufen. Dies ging einher mit neuen Ideen zur Entschärfung des Kalten Krieges. Er sollte vor allem durch das Prinzip der "friedlichen Koexistenz" von einer vorrangig konfrontativen in eine nichtmilitante Systemkonkurrenz verwandelt werden, um die Wettbewerbsfähigkeit des sozialistischen Lagers zu erhöhen. Abgesehen davon, dass sich das Politbüro gegen dieses Prinzip im Verhältnis zur Bundesrepublik sperrte, weil es Einflussmöglichkeiten des Nachbarn auf die DDR und das Ende ihrer "einmischenden" Westarbeit in der Bundesrepublik befürchtete,[18] gingen ihm die Liberalisierungstendenzen gegen den Strich. Zwar stimmte Walter Ulbricht einer kontrollierten Rehabilitierung von Funktionären zu, die im Umfeld des 17. Juni Parteistrafen erhalten hatten (u.a. Anton Ackermann, Elli Schmidt, Hans Jendretzky), aber die Erfahrung des Volksaufstandes stand im Hintergrund, wenn er jede Liberalisierung konsequent verweigerte und ihre intellektuellen Befürworter Repressionen aussetzte. Der antistalinistische Arbeiteraufstand in Polen (Posen) und vor allem die ungarische Revolution im Herbst 1956 schienen ihm im Sinne der Systemerhaltung Recht zu geben. Sie trugen zum Abbruch des Experiments Entstalinisierung durch die verunsicherte sowjetische Führung bei und bewahrten Ulbricht möglicherweise vor dem Verlust seiner beherrschenden Position in Partei und Staat.

Es waren 1956/57 parteinahe Intellektuelle, die für Reformen zur Überwindung des Stalinismus in der DDR und damit gegen Ulbricht als dessen wichtigsten Repräsentanten auftraten. Von diesem als "Revisionisten" bezeichnet, ging es ihnen im Unterschied zu den Aufständischen des 17. Juni nicht um eine Entmachtung der SED und die Beendigung des sozialistischen Weges, sondern um einen "menschlichen" Sozialismus. Sie lehnten den Kapitalismus ab und entwickelten Programme zur "Reinigung" der Lehren von Marx und Lenin von stalinistischen Verfälschungen und zur Dezentralisierung und Demokratisierung der Wirtschaft.[19] Wenngleich auch für sie der Volksaufstand eine prägende Erfahrung gewesen war, wiesen sie diese Form des Widerstandes in der Regel von sich. Im Übrigen waren viele von den Bildern der Gewalt auf beiden Seiten schockiert und glaubten der SED-Legende vom "faschistischen" Putsch, denn "zerrissene rote Fahnen und Transparente, demolierte Parteibüros, brennende Aufklärungsplakate" weckten gerade bei bekannten Schriftstellern "traumatische Erinnerungen" an die ersten Monate der NS-Zeit.[20]

Für die SED-Führung ebenfalls brisant war die sich an den Universitäten und Hochschulen 1956/57 unter dem Eindruck des Entstalinisierungsdiskurses entwickelnde studentische Opposition. Antistalinistisch ausgerichtet, trafen sich ihre Forderungen mit denen reformorientierter SED-Wissenschaftler: Beseitigung der Vorherrschaft des dialektischen Materialismus über die Fachwissenschaft und die Durchsetzung "des Rechts auf freie Diskussion ohne Furcht vor Zwangsmaßnahmen".[21]

Doch die Forderungen der Studenten gingen bald über die der SED-internen Opposition hinaus. Eine Analyse des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) vom 28. Oktober 1956 hielt fest, dass sich an fast allen Hochschulen Versuche zeigten, "die Auseinandersetzungen in den Volksrepubliken Polen und Ungarn für Forderungen an die Führung der SED und den Staat auszunutzen". Man verlange "Änderungen im Hochschulbetrieb, nämlich vor allem die Gründung einer unabhängigen Studentenorganisation, Auflösung der FDJ-Hochschulgruppen, Abschaffung des obligatorischen gesellschaftlichen Grundstudiums und des Unterrichts in der russischen Sprache". Im Übrigen würden die Studenten die Berichterstattung der "demokratischen Presse" und verstärkt das Führungskollektiv der SED, besonders Ulbricht, angreifen, "dessen Rücktritt wiederholt gefordert wird".[22] Auch die Rezeption der Westpresse und der "Meldungen des RIAS" durch die aufbegehrenden Studenten erinnerte an Abläufe und Verhaltensweisen im Umfeld des 17. Juni. Diese Ähnlichkeit war nur teilweise zufällig. Denn verschiedentlich wurde wie zwei Jahre zuvor nicht nur die Ablösung der Machthaber, sondern auch die Einheit Deutschlands verlangt.[23] Sieht man von radikalen Ausnahmen ab, so offenbarten sich in der Diktion studentischer Wandzeitungen und in den "wilden" Versammlungen Anfang November 1956 in der Humboldt-Universität, aber auch in den spontanen Demonstrationen der Jungakademiker nicht nur der Geist, sondern auch inhaltliche und organisatorische Parallelen zu den Aktionen im Juni 1953. So sahen es auch die SED und ihre Sicherheitskräfte, die mit repressiven, aber auch mit verfeinerten - vor allem geheimdienstlichen - Methoden reagierten und bewiesen, dass sie aus dem Volksaufstand taktische Lehren gezogen hatten.


Fußnoten

18.
Vgl. M. Lemke (Anm. 6), S. 275 - 379.
19.
Vgl. Hermann Weber, Kleine Geschichte der DDR, Köln 1980, S. 90.
20.
Jochen Czerny, Altes und Neues über den 17. Juni 1953, in: Das unverstandene Menetekel (Anm. 7), S. 58.
21.
H. Weber (Anm. 19), S. 90.
22.
A. Mitter/S. Wolle (Anm. 2), S. 265f.
23.
In einem Extremfall an der Humboldt-Universität wurde dazu aufgerufen, sie mit der Waffe in der Hand zu erkämpfen: "Zieht die Lehren aus dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953. Die Masse der Bevölkerung wartet nur auf eine Initiative von oben." Zit. nach ebd., S. 264.