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2.6.2003 | Von:
Michael Lemke

Der 17. Juni 1953 in der DDR-Geschichte

Folgen und Spätfolgen

Arbeiterprotest

Im Unterschied zu den oppositionellen Intellektuellen und den aufmüpfigen Studenten und im Gegensatz zu ihrem Verhalten am 17. Juni 1953 blieben die Arbeiter insgesamt ruhig und zählten nicht zu den Initiatoren spektakulärer Aktionen. Als Ursachen dafür sind eine Reihe von sozialen Verbesserungen wie Lohnerhöhungen, Preissenkungen und Arbeitszeitverkürzungen, aber auch politische Versprechen zu nennen[24] sowie ein von der SED-Führung nicht ungern gesehenes "proletarisches" Unverständnis sowohl für die theoretisierenden Intellektuellen als auch für rebellierende Studenten. Ein wichtiger Grund für die Zurückhaltung lag auch in dem Umstand, dass die Arbeiter unter den Ereignissen des 17. Juni und seinen Folgen am meisten gelitten hatten und einen neuen, kaum aussichts-, sicher aber opferreichen Versuch vernünftigerweise scheuten.

Doch bedeutete das keineswegs Abstinenz von jeglicher Opposition. Das MfS berichtete von Streiks und Streikdrohungen, die sich seit Mitte Oktober 1956 häuften. Versucht man, ihren Anlass zu bestimmen, fallen lohnpolitische Ursachen auf; es gewannen aber auch die Umbrüche in Polen und Ungarn und - weniger stark - die studentischen Unruhen in Berlin an Gewicht. Territorial hatten die Streiks ihr Zentrum in Magdeburg, einer Hochburg des Aufstandes vom 17. Juni; kleinere, meist spontane Arbeitsniederlegungen in verschiedenen Regionen folgten.[25] Offenbar war es die allgemein kritische Stimmung unter den Arbeitern und eine wache, aber undifferenzierte Erinnerung an den 17. Juni,[26] die der SED mehr Anlass zur Sorge gaben als die tatsächliche Gefahr eines neuen Volksaufstandes. Augenscheinlich spielte das Aufstandssyndrom in Verbindung mit der Wahrnehmung einer äußeren Bedrohung eine Rolle, wenn das Politbüro im November 1956 drakonische "Maßnahmen zur Unterdrückung konterrevolutionärer Aktionen"[27] beschloss: im Kern ein Bürgerkriegsprogramm.

Der 17. Juni 1953 war der SED im Herbst 1956 allgegenwärtig. Allerdings standen in der Perzeption nicht die Arbeiter, sondern die oppositionellen Intellektuellen sowohl in der DDR als auch in Polen und Ungarn im Vordergrund. Deren Reformvorstellungen seien laut Grotewohl "in voller Breitseite auf uns monatelang gerichtet gewesen. In offenen Ratschlägen und unterirdisch durch Wühlarbeit ((...)). Der Ausgangspunkt in Polen ist der Aufstand in Poznan ((...)) gewesen. Aber der Ausgangspunkt für uns ist der 17. Juni 1953. Und seit dem 17. Juni 1953 haben wir viel gelernt, und gebranntes Kind scheut das Feuer."[28] Auch von der Sowjetunion wurde die SED an das Ereignis erinnert. Als sie Ende 1957 den Kampf gegen die evangelische Kirche verschärfte, ließ der stellvertretende sowjetische Außenminister Walerjan Sorin seine Besorgnis auf subtile Weise anklingen: Ein namhafter Bischof habe intern erklärt, dass, "wenn von Seiten der Regierung der DDR keine Maßnahmen ergriffen würden, um eine Entspannung herbeizuführen, eine ähnliche Lage entstehen könnte wie vor dem 17. Juni 1953".[29]


Fußnoten

24.
So wurde den Arbeitern eine dauerhafte Mitbestimmung in Form von "Arbeiterkomitees" versprochen, die ihre Arbeit jedoch bereits 1958 wieder einstellen mussten. Vgl. H. Weber (Anm. 19), S. 90.
25.
Vgl. A. Mitter/S. Wolle (Anm. 2), S. 254f.
26.
Mitter und Wolle weisen anhand von MfS-Berichten nach, dass einige streikende oder in anderer Form protestierende Arbeiter den 17. Juni offen mit der aktuellen Situation verglichen - sei es in Erwartung neuer Unruhen oder einfach, um "gegen den Stachel zu löcken"; vgl. ebd.
27.
Das Dokument wurde erstmals abgedruckt in: Joachim Krüger, Votum für bewaffnete Gewalt. Ein Beschluss des SED-Politbüros vom November 1956, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, (1992) 4, S. 81 - 86.
28.
Besprechung Grotewohls mit den Leitern der Auslandsvertretungen, 21.-24.1.1957, PA AA/MfAA, A 15472, Bl. 32 - 34.
29.
Aktenvermerk vom 31. 12. 1957 von Botschafter Johannes König über ein Gespräch mit Sorin am 30.12.1957, ebd., A 147, Bl. 2.