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2.6.2003 | Von:
Michael Lemke

Der 17. Juni 1953 in der DDR-Geschichte

Folgen und Spätfolgen

Spätfolgen bis zum Mauerfall

Mit dem Mauerbau 1961, der auch eine Spätfolge des Volksaufstands vom Juni 1953 gewesen war, begannen sich die meisten Menschen in der DDR mit "ihrem" Staat zu arrangieren. Der fortschreitende zeitliche Abstand, ein steigender Lebensstandard, der wichtige wirtschaftliche und soziale Ursachen des Volksaufstandes ausräumte oder vergessen machte, sowie die kaum mehr reale Perspektive der deutschen Einheit ließen die Erinnerungen allmählich verblassen. Immer mehr schien es, als würden die Bürger der DDR den in der Bundesrepublik als Gedenktag begangenen 17. Juni als Ereignis mehr der west- als der ostdeutschen Geschichte betrachten. Dazu trug bei, dass westliche Medien ihn häufig zu "einem Heldenepos erhoben",[30] der er in der Erinnerung vieler DDR-Bürger nicht war. Den westlichen Fernsehübertragungen des offiziellen Gedenkens mangelte es zunehmend an ostdeutschen Einschaltquoten. Zwar blieben für diejenigen, die den Aufstand unmittelbar erlebt hatten, unterschiedlich deutliche Erlebensbilder erhalten, aber sie beeinflussten sie deren Alltag ebenso wenig wie den der jungen Generationen, die vom 17. Juni nur noch aus der Überlieferung wussten. Berichte und Erzählungen im Familien- oder Freundeskreis, in Gruppen sowie gelegentlich auch am "Stammtisch" und "unter der Hand" verbreitete Meinungen haben immer eine Rolle gespielt. Da das Thema zwar nicht erwünscht, aber auch nicht prinzipiell verboten war, waren kritische Bemerkungen am Verhalten der SED im Rahmen "positiver" Diskussionen zumindest in der Zeit nach der Entmachtung Ulbrichts durchaus möglich. Zudem gaben in der DDR publizierte schriftstellerische Arbeiten - etwa Bertolt Brechts kritische Anmerkungen zum 17. Juni - Anlass für dessen "legale" Thematisierung.[31] So blieb auch die Auseinandersetzung Stefan Heyms mit der SED um seinen Roman "Fünf Tage im Juni" nicht im Verborgenen.

Die politische Marginalisierung des Datums - teils aus schwindendem Interesse, teils als Ergebnis disziplinierten Schweigens - fand seine Entsprechung im SED-obrigkeitlichen Verdrängungsprozess, der aber keineswegs erinnerungslos verlief. Die Verdrängung war einerseits instrumentell, insofern nichts an den "Betriebsunfall" der DDR erinnern und den sozialistischen Aufbau behindern durfte. Andererseits wurzelte der Volksaufstand im kollektiven Bewusstsein der SED-Führung als Trauma und Versagenssyndrom sowie als ständig aktualisierbare "Lehre".

Maßgeblich für die Darstellung des Volksaufstandes in der offiziellen Geschichtsdeutung war die 1966 erschienene achtbändige "Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung". Zwar wurde die bis dahin geltende Ursachenbeschreibung im Wesentlichen beibehalten, aber die Behauptung, es habe sich um einen "faschistischen" Putsch bzw. Putschversuch gehandelt, zugunsten der Definition als "konterrevolutionärer Putsch" zurückgenommen.[32] Eine Interpretation, welche die Schwächen des Systems anklingen ließ ("schwierige Situation" der DDR, "negative Erscheinungen" in der Wirtschaft und bei der Machtausübung, "falsche Thesen Stalins"), aber prinzipielle Fehler der SED bestritt, wurde wie eh und je von der These äußerer konterrevolutionärer Einflüsse, feindlicher "Verschwörungen" und Umsturzpläne gestützt. Im "Abriß der Geschichte der SED" 1978 blieb dieses Muster erhalten, doch wurde aus dem "konterrevolutionären Putsch" nun ein "konterrevolutionärer Putschversuch".[33] Diese Bezeichnung wurde zum Standard, wenngleich in verschiedenen Darstellungen "faschistische Putschisten" (wie in Halle) auftauchten.[34] Die offizielle Lesart setzte sich im "Lehrbuch Geschichte" (10. Klasse) fort, das schülergerecht Beispiele für das Wüten einer Konterrevolution bot,[35] die nicht stattgefunden hatte. Sie fand sich auch in verschiedenen Betriebsgeschichten wieder.[36] Zur Kontinuität der Darstellung gehörte die Aussage, dass die meisten Werktätigen 1953 treu zur Partei gestanden und dem Putsch mit Hilfe der Sowjetarmee und dank des mutigen Einsatzes der Volkspolizei eine Abfuhr erteilt hätten.


Fußnoten

30.
Heinz Brandt, Ein Traum, der nicht entführbar ist. Mein Weg zwischen Ost und West, München 1967, S. 207.
31.
Vgl. Rainer Eppelmann, Eröffnung der 42. Sitzung, in: Deutscher Bundestag (Hrsg.), Materialien der Enquete-Kommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland" (12. WP), Bd. II,2, Baden-Baden - Frankfurt/M. 1995, S. 752.
32.
Vgl. Geschichte der Deutschen Arbeiterbewegung. Von einem Autorenkollektiv unter Vorsitz von Walter Ulbricht, hrsg. vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Bd. 7, Von 1949 - 1955, Berlin (Ost) 1966, S. 232.
33.
Vgl. Geschichte der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Abriß, Berlin (Ost) 1978, S. 294f.
34.
Vgl. Geschichte der Deutschen Volkspolizei 1945 - 1961, Bd. 1, hrsg. vom Ministerium des Innern, Kommission zur Erforschung und Ausarbeitung der Geschichte der Volkspolizei, Berlin (Ost) 1987(2), S. 233.
35.
Vgl. Geschichte, Lehrbuch für Klasse 10, Teil 1, Autorenkollektiv unter Leitung von Stefan Doernberg, Berlin (Ost) 1971, S. 149, 169f.
36.
Vgl. Dagmar Semmelmann, "Schauplatz Stalinstadt/EKO". Erinnerungen an den 17. Juni 1953, hrsg. vom Brandenburger Verein für politische Bildung "Rosa Luxemburg", Potsdam 1993, S. 9f.