APUZ Dossier Bild

2.6.2003 | Von:
Michael Lemke

Der 17. Juni 1953 in der DDR-Geschichte

Folgen und Spätfolgen

Das Trauma

Doch gerade die Kader der Kasernierten Volkspolizei, die sich "trotz aller aufgetretenen Probleme als funktionierendes Machtinstrument des herrschenden SED-Regimes" erwiesen und nach dem Aufstand weitere politische und soziale Privilegien erhalten hatten,[37] wurden bei Beförderungen oder der Übernahme wichtiger Funktionen noch jahrelang darüber befragt, wo sie sich am 17. Juni befanden und was sie gegen die "Provokateure" getan hätten. Noch größere Aufmerksamkeit widmete die SED den Bauarbeitern, die ja zu den Initiatoren der Erhebung gezählt hatten. Bis zum Ende der DDR wirkte eine Art "Bauarbeitersyndrom" nach, das zeitweilig skurrile, manchmal quasikultische Formen hervorbrachte.

Auch in der rigorosen Position, die das Politbüro gegenüber den Demokratisierungsversuchen in der CSSR 1968 und der Solidarnosc-Bewegung in Polen 1980 einnahm, wirkte das Trauma des 17. Juni nach. Zwar lässt sich ein Erinnern an den Volksaufstand bei den jugendlichen Protestierern in der DDR anlässlich des Einmarsches des Warschauer Paktes in die CSSR kaum feststellen. Aber Erich Honecker berief sich explizit auf ihn, als er zu harten Maßnahmen gegen die polnische "Konterrevolution" riet,[38] während bei großen Teilen der Bevölkerung eine latente bis offene Ablehnung des Solidarnosc-Kurses zutage trat - vermutlich ein Ergebnis der von der SED geschürten antipolnischen Stimmung.

Im Vorfeld des Zusammenbruchs der DDR ortete die SED-Führung und insbesondere ihr Generalsekretär zwei Ursachen für die akute Systemkrise: "konterrevolutionäre Tätigkeit" und "bestimmte Kreise" in der Bundesrepublik.[39] Damit lag er in der seit dem Volksaufstand tradierten Argumentationslinie.

Das Trauma 17. Juni wurde beredt, als Staatssicherheitsminister Erich Mielke seine Generale im August 1989 beunruhigt fragte, ob es so sei, "dass morgen der 17. Juni ausbricht",[40] und die "Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe" (ZAIG) des MfS am 8. Oktober dem Politbüro mitteilte, die DDR befinde sich in "einer Situation wie kurz vor den konterrevolutionären Ereignissen am 17. 6. 1953".[41] Noch unmittelbar vor seinem Sturz beschwor Honecker "die Erfolge bei der Niederschlagung der Konterrevolution 1953",[42] diesmal freilich in der Absicht, den Einsatz militärischer Mittel gegen Volksunruhen zu legitimieren.

Die Krise und das Ende der DDR bewirkten bei vielen Bürgerinnen und Bürgern eine Mobilisierung der Erinnerung an den Volksaufstand. Eine Befragung von SED-Mitgliedern 1988/89 - eine Zeit einsetzender akuter Krisensymptome und der Zweifel an der Staatsführung - erbrachte, dass sich die meisten mit der parteioffiziellen Interpretation des 17. Juni identifizierten.[43] Dagegen erinnerten sich viele Ostdeutsche des Ereignisses offenbar nur insofern, als damit die noch offene Frage verbunden war, ob sich die Sowjets in der aktuellen Situation so wie 1953 verhalten würden. Auch war die am 17. Juni wiederbelebte spezifische Streik- und Protestkultur der Arbeiter beim demokratischen Umbruch im Herbst 1989 "mangels Übung ((...)) kaum mehr vorhanden".[44]


Fußnoten

37.
Torsten Diedrich, Waffen gegen das Volk. Der 17. Juni 1953 in der DDR, hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, München 2003, S. 201.
38.
"Wir sind nicht für Blutvergießen. Das ist das letzte Mittel. Aber auch dieses Mittel muß angewandt werden, wenn die Arbeiter- und Bauern-Macht verteidigt werden muß. Das sind unsere Erfahrungen aus dem Jahre 1953, das zeigen die Ereignisse 1956 in Ungarn und 1968 in der Tschechoslowakei." Zit. nach: Michael Kubina/Manfred Wilke (Hrsg.), Hart und kompromißlos durchgreifen. Die SED kontra Polen 1980/81, Berlin 1995, S. 111.
39.
Vgl. Hans-Hermann Hertle, Der Fall der Mauer. Die unbeabsichtigte Selbstauflösung des SED-Staates, Opladen 1999, S. 110f.
40.
Vgl. Armin Mitter/Stefan Wolle (Hrsg.), "Ich liebe euch doch alle!", Berlin 1990, S. 125.
41.
Zit. nach H.-H. Hertle (Anm. 39), S. 117f.
42.
Vgl. ebd., S. 121.
43.
Vgl. D. Semmelmann (Anm. 36), S. 5.
44.
Hermann Wentker, Arbeiteraufstand, Revolution? 1953 und 1989 im Vergleich, in: Deutschland Archiv, 34 (2001) 3, S. 391.