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2.6.2003 | Von:
Gunter Holzweißig

Der 17. Juni 1953 und die Medien

Die von Ost-Berlin kolportierte "RIAS-Legende", so der Autor, könne ad acta gelegt werden. Die DDR-Medien erwiesen sich nach kurzer Sprachlosigkeit als willfährige Instrumente der SED.

Einleitung

Dieter Borkowski, in den Gründerjahren der Freien Deutschen Jugend (FDJ) einer der Mitarbeiter von deren Vorsitzendem Erich Honecker, war als ehrenamtlicher Funktionär am 16. Juni 1953 in das Gebäude des FDJ-Zentralrats in Berlin beordert worden, um es gegen "Überfälle von Konterrevolutionären" zu sichern.[1] Gegen Mittag erschienen Honecker und seine Ehefrau Margot. In der Erinnerung Borkowskis empörte sich Honecker über die Anwesenden, weil sie angespannt die Berichterstattung des RIAS (Rundfunk im amerikanischen Sektor) verfolgten: ",Das ist eine unerhörte Provokation'`, schnarrt Erich, ',ihr geht natürlich dem Klassengegner auf den Leim!`' Margot, seine junge Frau muß dabei lachen. ',Aber Erich'`, meint sie, ,wer soll uns denn informieren, wenn die DDR-Sender nur Paul-Lincke-Operetten-Melodien spielen?'"`[2]




Im Politbüro ging die vergebliche Hoffnung, die Demonstranten würden es mit der Kundgebung vor dem Haus der Ministerien belassen, mit existentiellen Ängsten und Hilflosigkeit einher. Die SED-Führung versuchte zunächst, die auch in den Bezirken von Partei- und FDJ-Funktionären verfolgte Berichterstattung des RIAS als übertrieben darzustellen und abzuwiegeln.[3] SED-Generalsekretär Walter Ulbricht berief am Abend des 16. Juni eine so genannte Parteiaktivtagung mit Berliner SED-Funktionären und -Agitatoren in den Friedrichstadt-Palast ein, um die zuvor vom Politbüro beschlossene Rücknahme der Normenerhöhungen zu erläutern. Ohne auf die Ereignisse des Tages einzugehen, forderte Ulbricht, mit der bisher praktizierten Methode des Administrierens und der Kritik von oben müsse Schluss gemacht und statt dessen Selbstkritik und Kritik von unten gefördert werden.[4] Die Konferenz dauerte bis 22 Uhr. Sie verfehlte deshalb ihren eigentlichen Zweck, denn die Teilnehmer konnten niemanden mehr in ihren Betrieben erreichen und informieren. Die Belegschaften hatten sich in der Zwischenzeit ungestört auf den geplanten Generalstreik am nächsten Morgen vorbereiten können.[5] Die der Anleitung der SED-Agitationsbürokratie unterworfenen Medien erhielten offenkundig ebenfalls keine Instruktionen, sodass sie am 17. Juni - abgesehen von der Verkündung des Ausnahmezustandes über Hörfunksender - in Sprachlosigkeit verfielen.


Fußnoten

1.
Dieter Borkowski, Für jeden kommt der Tag (...) Stationen einer Jugend in der DDR, Frankfurt/M. 1983, S. 315.
2.
Ebd., S. 316. Vgl. dazu auch Karl Wilhelm Fricke, Erich Honecker und der 17. Juni, in: Ilse Spittmann/ Karl Wilhelm Fricke (Hrsg.), 17. Juni 1953. Arbeiteraufstand in der DDR (Edition Deutschland Archiv), 2., erw. Aufl., Köln 1988, S. 115 - 120.
3.
Vgl. Heinz Lippmann, Honecker. Portrait eines Nachfolgers, Köln 1971, S. 159.
4.
Vgl. Neues Deutschland vom 17. 6. 1953, S. 1.
5.
Vgl. H. Lippmann (Anm. 3).