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28.5.2003 | Von:
Heike Solga

Das Paradox der integrierten Ausgrenzung von gering qualifizierten Jugendlichen

In Deutschland hat die soziale Marginalisierung von Jugendlichen ohne Schulabschluss zugenommen. Diese werden nicht nur sukzessive vom Arbeitsmarkt verdrängt, sondern zunehmend von vornherein aussortiert.

I. Einleitung

1965 verließ noch etwa jeder fünfte Jugendliche in der Bundesrepublik die allgemein bildende Schule ohne Schulabschluss - d.h. weder mit qualifiziertem noch mit einfachem Hauptschulabschluss. Im Jahr 2000 waren es 86 600 bzw. neun Prozent aller Abgänger von allgemein bildenden Schulen. Im internationalen Vergleich ist die Misserfolgsquote im deutschen Schulsystem damit eine der niedrigsten - zumindest in Bezug auf formale Abschlüsse. Mitte der neunziger Jahre betrug der Anteil der 19- bis 21-Jährigen, die keinen höheren Sekundarschulabschluss vorweisen konnten, in Frankreich mehr als 25 Prozent und in Großbritannien fast 20 Prozent. Nur Schweden erreichte mit weniger als fünf Prozent einen deutlich geringeren Anteil als Deutschland und die Niederlande (9 Prozent).[1] Trotz dieses Erfolgs hat die soziale Marginalisierung von Jugendlichen ohne Schulabschluss in Deutschland zugenommen. Ihr fehlender Abschluss gilt als Beleg dafür, dass sie den gestiegenen Leistungsanforderungen in der Schule nicht gerecht wurden - und dies zu einer Zeit, in der bei hoher Sockelarbeitslosigkeit die Konkurrenz um Ausbildungs- und Arbeitsplätze deutlich gestiegen ist.


Welche Ausbildungs- und Arbeitsmarktchancen stehen Jugendlichen ohne Schulabschluss unter diesen Umständen heute überhaupt noch offen? Um darauf eine Antwort zu geben, wird in diesem Beitrag dargestellt, wie die Schulkarrieren dieser Jugendlichen aussehen und mit welchen Problemen sie beim Übergang in Ausbildung und Beschäftigung konfrontiert sind. Die Gliederung des Beitrags folgt der Grobstruktur der Bildungs-, Ausbildungs- und Berufs(einstiegs)biografien dieser Jugendlichen, die sich in den vergangenen 50Jahren verändert haben. Die Analysen zeigen, dass die zunehmende Integration der Jugendlichen in das berufliche Bildungssystem - als ständige Versuche, ihnen doch noch den Weg in die so genannte Normalbiografie zu ebnen - die Ausgrenzungsgefahr in scheinbar widersprüchlicher Weise erhöht hat. Vorab sind zwei Vorbemerkungen sinnvoll:

Erstens werden diese Jugendlichen, wie empirische Untersuchungen zeigen, in ein eher ungünstiges soziales Umfeld hineingeboren.[2] Die Familien sind häufig unvollständig, die Väter sind relativ oft arbeitslos, das Bildungsniveau der Eltern ist eher gering, und eine hohe Kinderzahl sowie ein niedriges Einkommen erschweren diese Situation häufig noch erheblich.

Zweitens: Die Datenlage für diese Personengruppe ist miserabel. Um die Lebensläufe dieser Jugendlichen in groben Zügen nachzeichnen zu können, werden die Daten der Deutschen Lebensverlaufsstudie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPIfB) verwendet.[3] An dieser Untersuchung haben allerdings kaum Sonderschülerinnen und -schüler teilgenommen. Zudem werden nur westdeutsche[4] Jugendliche betrachtet, da die Datenlage für Personen mit Migrationshintergrund noch schlechter ist.[5] Hervorzuheben ist an dieser Stelle gleichwohl, dass insbesondere Jugendliche nichtdeutscher Herkunft eine signifikante Teilpopulation der gering qualifizierten Jugendlichen darstellen. So verlassen (immer noch) 20 Prozent der Jugendlichen ohne deutsche Staatsangehörigkeit die Schule ohne einen Hauptschulabschluss. Zudem befinden sich unter den jungen Erwachsenen ohne anerkannten Ausbildungsabschluss 50 Prozent nichtdeutscher Herkunft.[6]


Fußnoten

1.
Vgl. Asa Murray/Hilary Steedman, Growing Skills in Europe (TSER Discussion paper, Nr. 399), London 1998.
2.
Vgl. Heike Solga, Jugendliche ohne Schulabschluss und ihre Wege in den Arbeitsmarkt, in: Kai U. Schnabel u.a. (Hrsg.), Das Bildungswesen in der Bundesrepublik Deutschland. Strukturen und Entwicklungen im Überblick, Reinbek (i.E.); Hartmut Willand, Zur Ausbildungs- und Beschäftigungssituation Jugendlicher mit niedrigem schulischen Qualifikationsniveau, in: Didaktik der Berufs- und Arbeitswelt, 6 (1987) 3 - 4, S. 43 - 67.
3.
Es handelt sich dabei um die Daten des Projekts "Lebensverläufe und gesellschaftlicher Wandel" des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (Leitung der Studie: Karl Ulrich Mayer). Überdies werden die Daten der Studie "Ausbildungs- und Berufsverläufe in Westdeutschland" für die Geburtsjahrgänge 1964 und 1971 verwendet. Diese Untersuchung wurde vom MPIfB und dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gemeinsam durchgeführt. Letzteres erhielt dafür auch Mittel des Europäischen Sozialfonds. Für weitere Informationen siehe (http://www.mpib-berlin.mpg.de/de/forschung/bag/projekte/frg.htm sowie http:/ /www.mpib-berlin.mpg.de / de / forschung / bag / projekte / occupation.htm).
4.
Ostdeutschland wird nicht behandelt, da hier der historische Vergleich für die vergangenen 50 Jahre im Vordergrund steht. Für Analysen zu gering qualifizierten Jugendlichen in der DDR vgl. Kai Maaz, Ohne Ausbildungsabschluss in der BRD und DDR: Berufszugang und die erste Phase der Erwerbsbiographie von Ungelernten in den 1980er Jahren (Arbeitsbericht 3/2002 der Selbstständigen Nachwuchsgruppe "Ausbildungslosigkeit" des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung), zu finden unter: (http://www.mpib-berlin.mpg.de/de/forschung/nwg/).
5.
Für einige Analysen zu Migrantenjugendlichen vgl. H.Solga (Anm. 2).
6.
Vgl. BIBB/EMNID, Jugendliche ohne Berufsausbildung. Eine BIBB/EMNID-Untersuchung, Bonn 1999.