Die Putzfrau eines Elektronikmarktes in Würzburg entstaubt am 14.3.2003 den Bildschirm eines Fernsehgerätes in einer TV-Wand

28.9.2018 | Von:
Wolfgang Seufert

Medienkonzentration und Medienvielfalt

In allen modernen Demokratien gibt es spezielle Regelungen, die eine ausreichende "Medienvielfalt" sicherstellen sollen, weil diese als unverzichtbare Voraussetzung für eine die Interessen der Gesamtbevölkerung berücksichtigende Willensbildung sowie für den Zusammenhalt einer pluralistischen, auf individuellen Freiheitsrechten basierenden Gesellschaft angesehen wird.

Medienunternehmen spielen dabei als Produzenten und Distributoren von Medieninhalten die zentrale Rolle, zumindest bis zum jetzigen Zeitpunkt: Zum einen entscheiden sie durch ihre journalistischen Informationsangebote, ob sich alle Bürger_innen fortlaufend über das Verhalten der relevanten politischen Einzelakteure und Interessengruppen umfassend informieren und ob sie bei Wahlen und Abstimmungen die Konsequenzen der alternativen Politikprogramme durch ausreichende Hintergrundinformationen richtig einschätzen können. Zum anderen werden unsere Wertvorstellungen durch die sonstigen redaktionell gestalteten Medieninhalte, die üblicherweise als Bildungs-, Kultur- oder Unterhaltungsangebote bezeichnet werden, entscheidend mitgeprägt.

In modernen Gesellschaften werden die Wertvorstellungen immer heterogener. Ohne die Bereitschaft zur Toleranz gegenüber anderen Lebensweisen kann dies zu sozialen Spannungen führen. Medien können soziale Toleranz fördern, indem sie das gesamte Spektrum an Werten und Lebensentwürfen widerspiegeln. Sie sorgen damit für die soziale Integration und tragen zum wechselseitigen Verständnis von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen bei. "Ausreichende Medienvielfalt" als medienpolitisches Ziel meint deshalb immer sowohl "politische Meinungsvielfalt" als auch "kulturelle Vielfalt".

Interne und externe Medienvielfalt

Es gibt verschiedene Gründe dafür, warum sich dieser gesellschaftlich wünschenswerte Zustand nicht von alleine einstellt: So müssen Journalist_innen etwa wegen der Fülle vorhandener Informationen zwangsläufig immer eine Auswahl treffen. Die bei dieser Selektion angewendeten Relevanzkriterien basieren immer auch auf persönlichen Erfahrungen und politischen Präferenzen. Eigentümer_innen privater Medienunternehmen haben aufgrund des im Arbeitsrecht verankerten Tendenzschutzes darüber hinaus das Recht, eine den eigenen politischen und kulturellen Überzeugungen entsprechende redaktionelle Linie vorzugeben und diese über Personalentscheidungen, insbesondere bei der Besetzung der Chefredaktionen, durchzusetzen. Medienprodukte mit einer umfassenden "internen Vielfalt", in denen alle politischen Kräfte und sozialen Gruppen zu Wort kommen, sind deshalb eher die Ausnahme. Eine bestimmte politische Ausrichtung kann sich sogar kommerziell lohnen, da – dies hat die Forschung zum Mediennutzungsverhalten gezeigt – Leser_innen, Zuschauer_innen und Hörer_innen bei ihrer Medienauswahl ebenfalls selektiv vorgehen und Nachrichten und andere Inhalte, die das eigene Weltbild infrage stellen, eher vermeiden.[1]

Solche Defizite bei der internen Vielfalt sind solange kein Problem, wie die Gesamtheit aller Medienangebote eine ausreichende "externe Vielfalt" aufweist und dadurch zu einem gesellschaftlichen Interessenausgleich beiträgt. Allerdings setzt dies voraus, dass diese externe Vielfalt auch in den jeweils reichweitenstärksten Medienangeboten zustande kommt: Für fast alle Mediengattungen gilt, dass der überwiegende Teil der Gesamtnutzung – unabhängig vom Umfang des Gesamtangebotes – immer nur auf wenige Medienangebote entfällt (relevant set). Diese werden zudem meist gewohnheitsmäßig genutzt, sodass das individuell überwiegend schmale Medienrepertoire aus Zeitungen, Zeitschriften, TV- und Radioprogrammen sowie Webseiten über lange Zeiträume relativ stabil bleibt.[2]

Wirtschaftliche Konzentration im Mediensektor führt damit nicht nur zu den üblichen Problemen der Ausnutzung von Marktmacht wie zum Beispiel überhöhten Preisen, sondern auch zu potenzieller Meinungsmacht. Eigentümer_innen privater Medienunternehmen, die mehrere reichweitenstarke Medienangebote produzieren, können dort eine gemeinsame redaktionelle Linie durchsetzen. Je größer der Anteil dieser Angebote an der gesamten Mediennutzung ist, desto stärker reduziert sich die externe Medienvielfalt.

Fußnoten

1.
Vgl. Hans-Bernd Brosius, Medienwirkung, in: Günter Bentele/Hans-Bernd Brosius/Otfried Jarren (Hrsg.), Öffentliche Kommunikation. Handbuch Kommunikations- und Medienwissenschaft, Opladen 2004, S. 128–148.
2.
Dieses relevant set ist für verschiedene Informationsmedien unterschiedlich umfangreich. Lokale oder überregionale Tageszeitungen werden meist exklusiv gelesen. Innerhalb von zwei Wochen werden im Mittel nur vier Radioprogramme gehört. Von den über 80 in einem Durchschnittshaushalt empfangbaren Free-TV-Programmen werden nur fünf regelmäßig und weitere zehn selten genutzt. Vgl. Bärbel Peters/Kerstin Niederauer-Kopf/Matthias Eckert, Die individualisierte Fernsehnutzung. Analysen zur Verweildauer und zum Relevant Set, in: Media Perspektiven 2/2012, S. 72–77; Karin Gattringer/Walter Klingler, Radionutzung 2016, in: Media Perspektiven 10/2016, S. 460–474.
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