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6.5.2003 | Von:
Nikolai Genov

Tendenzen der sozialen Entwicklung Russlands

Individualisierung einer vermeintlich kollektivistischen Gesellschaft

Innenpolitisch hat Russland einen Transformationsprozess durchlaufen, der noch nicht beendet ist. Immer neue Brüche und Unsicherheiten scheinen aber vorhandene Ansätze einer demokratischen und sozial gerechteren Gesellschaftsordnung zu überlagern.

I. Die Fragestellung

Die kollektivistischen Traditionen und Perspektiven der russischen Gesellschaft werden noch lange Gegenstand der Diskussion in Russland und darüber hinaus sein. Es gibt dafür viele Gründe in der Geschichte wie in der Gegenwart. Die Überreste der traditionellen russischen Dorfgemeinschaft (obscina) sind bis zum späten 19. Jahrhundert lebendig geblieben. Später wurden sie geistig und organisatorisch in den Kolchosen revitalisiert. Auch ist die Tatsache nicht zu unterschätzen, dass die Bemühungen, Russland zu modernisieren, stets von der Zentralmacht unternommen worden sind. Das gilt für die Reformen Peters des Großen, für die Abschaffung des Leibeigentums Mitte des 19. Jahrhunderts, für die sowjetische Industrialisierung und Kollektivierung wie auch für Gorbatschows Perestrojka und die tief greifenden sozialen Veränderungen nach 1990. Diese "von oben" determinierte und geleitete Entwicklung hat die entscheidende Rolle der Staatlichkeit, also der kollektiven Organisationsmuster, im russischen Alltag und Massenbewusstsein tief verankert. Deswegen hat die These von einer spezifisch russischen (oder "östlichen") institutionellen Matrize, die durch Kollektivismus gekennzeichnet sei und sich von dem "westlichen" individualistischen institutionellen Muster radikal unterscheide, viele Anhänger.[1]

Diese These wird allerdings momentan dort problematisch, wo sie zu politischen Zwecken missbraucht wird. In Russland wird sie auf dem Banner der Nationalisten groß geschrieben. Im Westen stützen sich all jene auf sie, die sich von Russland distanzieren möchten. In beiden Fällen ist genau das zu hinterfragen, was als eine Selbstverständlichkeit angenommen wird, nämlich die fundamentale kollektivistische, wertnormative wie institutionelle Ausprägung der russischen Gesellschaft. Weiterhin wird eine andere These vertreten: Mit manchen Besonderheiten, die auch in vielen anderen Gesellschaften festzustellen sind, hat sich die russische Gesellschaft in der Richtung einer fortschreitenden Individualisierung entwickelt und wird sich auch weiterhin dahingehend entwickeln. Es kann auch nicht anders sein, da die Individualisierung einen globalen Trend darstellt,[2] dem sich zu entziehen die russische Gesellschaft nicht imstande ist.


Es wäre aber falsch, die These so zu verstehen, als ob der globale Trend der Individualisierung sich in der russischen Gesellschaft erst mit den Reformen in den neunziger Jahren behauptet hätte. Schon die rasche Industrialisierung und Urbanisierung Russlands zu Sowjetzeiten ging Hand in Hand mit einer vielseitigen Erweiterung der autonomen Entscheidungs- und Handlungsoptionen des Individuums. Das mag erstaunlich klingen, da die Stereotypen einer total regulierten, kontrollierten und restriktiven sowjetischen Gesellschaft verbreitet und einflussreich sind. Sie unterschätzen aber die sich im Laufe der Jahrzehnte schnell erweiterte Palette von Bildungsmöglichkeiten, unter denen man in vielen Fällen frei wählen konnte. Zusammen mit der Modernisierung hat sich auch die Bandbreite der Berufe ständig erweitert. In den meisten Fällen konnte man den Beruf und den Arbeitsplatz auch in der UdSSR frei wählen. Nach der Landflucht in die Industriezentren waren die Migrationsmöglichkeiten zwar administrativ eingeschränkt, aber nicht versperrt. Die Arbeitsfluktuation war in den Großstädten vor 1989 recht hoch. Auch der soziale Raum für die individuelle Wahl von Freizeitaktivitäten war breit. So gesehen, war die sowjetische Gesellschaft - besonders in den achtziger Jahren - weitreichend individualisiert, da die Individuen viele Wahlmöglichkeiten und reale Handlungsoptionen hatten.

Zusammen mit der Steigerung des Bildungsniveaus der Bevölkerung hatte sich auch die Kompetenz der Individuen für autonome Entscheidungen und autonomes Handeln erhöht. Es gab ferner Möglichkeiten, mit der institutionellen Bevormundung unter den damaligen Umständen fertig zu werden. Und das ging so weit, dass die sowjetischen Institutionen unter anderem deswegen nicht richtig funktionieren konnten, weil viele Individuen Kompetenzen entwickelt hatten, sie zu umgehen oder zu missbrauchen. Gleichzeitig wurde das Potenzial für Konflikte immer größer, da der staatliche Interventionismus in das ökonomische und kulturelle Leben üblicherweise der persönlichen Initiative und Verantwortung doch enge Grenzen setzte. Mehr noch: Die formalisierten organisatorischen Muster des offiziellen Kollektivismus höhlten graduell die gemeinschaftlichen Bindungen der sowjetrussischen Gesellschaft aus. Deswegen wollten die wenigen russischen Dissidenten meistens die Wiederherstellung der Solidargemeinschaft eines reformierten Sozialismus. Neben ökonomischer und politischer Unzufriedenheit war die Suche nach gemeinschaftlicher Bindung die treibende Kraft der Umweltschutzbewegungen und Menschenrechtsgruppen. Sie verkörperten die Suche nach Gemeinschaft in der sich entwickelnden Zivilgesellschaft. Die Idee der Zivilgesellschaft beinhaltete auch in Russland Ende der achtziger Jahre eine ideologische und politische Botschaft: Freiwillige Vereinigungen von Individuen in Wirtschaft, Politik und Kultur sollten die formalisierten Organisationen des Staatssozialismus ersetzen. Die gemeinschaftlichen Strukturen der Zivilgesellschaft sollten den sozialen Raum für freie Entwicklung und Selbstverwirklichung der Individuen stellen.

So gesehen, war die sowjetrussische Gesellschaft kaum effektiv integriert. Auf der Oberfläche der offiziellen "großen Wahrheit" war sie ideologisch und institutionell von kollektivistischen Mustern dominiert. Auf der Ebene der alltäglichen Interaktionen dominierte aber die individualistische "kleine Wahrheit". Die Entwicklung in den achtziger Jahren zeigte auf allen Ebenen des wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens klar, dass die "kleine" individualistische Wahrheit dabei war, die "große" Wahrheit der offiziellen kollektivistischen Ideologie und Politik zu besiegen. Es soll aber betont werden, dass diese Ideologie und Politik auch im Alltag tiefe Wurzeln hatten und sich gar nicht einfach besiegen ließen. Es gab Millionen von Menschen, die sich mit diesen traditionell-russischen und auch sowjetisch geprägten kollektivistischen Mustern identifizierten. Diese vererbte Widersprüchlichkeit lässt sich an den gravierenden Problemen der Privatisierung, an der Bildung demokratischer politischer Institutionen und Pluralisierung der Kultur in Russland nach 1990 ablesen.

Manche von diesen Problemen waren vorauszusehen, da die Suche nach Gemeinschaft auf das vorrangige Ziel der postsozialistischen Transformationen - die Privatisierung des Eigentums - prallen musste. Die rasche, millionenfache Gründung privater Unternehmen ist eine beeindruckende Demonstration des Ausmaßes dieses Prozesses. Es ist nun an der Zeit, einen detaillierteren Blick auf diese Dimension der Veränderungen der russischen Gesellschaft zu werfen.


Fußnoten

1.
Vgl. Vladimir A. Jadov, Nekotorye sociologiceskie osnovanija dlja predvidenija buduscege rossijskogo obscestva (Einige soziologische Prinzipien zur Prognose der Zukunft der russischen Gesellschaft), in: L. M. Drobizeva (Hrsg.), Rossija reformirujuscajasja (Das sich reformierende Russland), Moskau, S. 353.
2.
Vgl. Nikolai Genov, Four Global Trends: Rise and Limitations, in: International Sociology, 12 (1997) 4, S. 409-428.

Außenpolitik

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