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6.5.2003 | Von:
Hans Oswald
Hans-Peter Kuhn

Erstwähler in den neuen Bundesländern

Junge Menschen in Ostdeutschland zeichnen sich durch ausgeprägte demokratische Grundüberzeugungen aus. Das belegt eine Analyse des Wahlverhaltens Jugendlicher in Ost- und Westdeutschland von Hans Oswald und Hans-Peter Kuhn.

I. Einleitung

Dieser Beitrag beschäftigt sich mit Erstwählern bei der Bundestagswahl 1998 in Brandenburg.[1] In einer umfangreichen sozialwissenschaftlichen Längsschnittstudie wurde das Zustandekommen ihrer Wahlentscheidungen untersucht. Im Folgenden soll der Prozess der Entscheidungsfindung und die Zusamensetzung der Erstwählerschaft der Parteien in Brandenburg analysiert werden.[2] Zuvor geben wir einleitend einige allgemeine Informationen über Erst- und Jungwähler und die Ergebnisse der Bundestagswahl 2002.

Erstwähler zum Bundestag sind zwischen 18 und knapp 22 Jahren alt. Sie üben am Wahlsonntag zum ersten Mal in ihrem Leben eines der wichtigsten Erwachsenenrechte aus: die Entscheidung über die Zusammensetzung des Gremiums, das die Regierung wählt und deren Machtausübung kontrolliert. Daran beteiligen sich auch die Jugendlichen, die sich dazu entschließen, nicht wählen zu gehen.

Die Wahlbeteiligung von Erstwählern bei Bundestagswahlen liegt im Vergleich zum Durchschnitt der wahlberechtigten Bevölkerung erheblich niedriger. Nach der Repräsentativen Wahlstatistik, welche bei der Bundestagwahl 2002 erstmals seit 1990 wieder durchgeführt wurde, lag die Differenz bei 9,4 Prozentpunkten (Wahlbeteiligung der 18- bis unter 21-Jährigen: 70,2 Prozent; insgesamt: 79,6 Prozent).[3] Allerdings wurde der seit 1980 beobachtete Trend einer verstärkten Wahlenthaltung junger Erwachsener gestoppt, die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2002 ist in der Altersgruppe der unter 21-Jährigen im Vergleich zur Bundestagswahl 1990 um 5,5 Prozentpunkte angestiegen. Gemessen daran hat die Politikverdrossenheit von Jugendlichen abgenommen.


Eine Besonderheit der Jungwählerschaft liegt im so genannten "Erstwählersprung": Die Wahlbeteiligung der 18- bis unter 21-Jährigen bei Bundestagswahlen ist etwas höher als bei den 21- bis unter 24-Jährigen, um dann mit zunehmendem Lebensalter kontinuierlich wieder anzusteigen. Diese höhere Beteiligung von Erstwählern wird durch Neugier oder den Einfluss der Eltern - viele Jugendliche leben in diesem Alter noch im Haushalt ihrer Eltern - erklärt.[4]

Es gibt zudem in allen Altersgruppen große Unterschiede bei der Wahlbeteiligung ost- und westdeutscher Wahlberechtigter. Bei der Bundestagswahl 1998, bei der es um die Abwahl Helmut Kohls ging und die Wahlbeteiligung mit über 82 Prozent ihren höchsten Stand seit der "Wende" erreichte, betrug der Abstand zwischen Ost- und Westdeutschen etwa drei Prozentpunkte. Zur Bundestagswahl 2002 hat sich dieser Abstand wieder vergrößert; die Wahlbeteiligung in Ostdeutschland lag 8,0, bei den unter 21-Jährigen sogar 8,7 Prozentpunkte niedriger als in Westdeutschland.

Das Wahlverhalten von Jungwählern ist durch eine stärkere Abneigung gegenüber dem etablierten Parteiensystem und eine damit verbundene Vorliebe für kleinere Parteien gekennzeichnet. Jedoch sind diese Unterschiede im Wahlverhalten nicht so groß, dass von einer Ablehnung der Großparteien gesprochen werden könnte. Bei der Bundestagswahl 2002 haben die 18- bis (unter) 24- Jährigen im Vergleich zum Durchschnitt der Wahlbeteiligten in ganz Deutschland etwas häufiger die Grünen, die FDP und sonstige Parteien gewählt, dafür seltener die CDU und die SPD. Die stärkste Abweichung nach unten gab es mit 6,0 Prozentpunkten bei der CDU/CSU.


Bei der Bundestagswahl 2002 lag das Votum der ostdeutschen Jungwähler für die CDU/CSU mit 23,2 Prozent leicht unter dem der westdeutschen Vergleichsgruppe mit 23,5 Prozent. Mit 39,8 Prozent stimmten mehr ostdeutsche Jungwähler als westdeutsche (38,1 Prozent) für die SPD. Die PDS als ostdeutsche Regionalpartei ist und bleibt in den neuen Bundesländern in allen Altersgruppen fest verankert und die drittstärkste Partei. Die Jungwähler haben der PDS in Ostdeutschland 11,8 Prozent der Stimmen gegeben, in Westdeutschland waren es nur 1,6 Prozent. In Ostdeutschland wählten 7,1 Prozent die Grünen, in Westdeutschland waren es 12,2 Prozent. Für die FDP entschieden sich in Ostdeutschland mit 11,2 Prozent etwas mehr Jungwähler als in Westdeutschland (10,0 Prozent).

Über die Motive der Jungwähler von 2002 sagt die Repräsentative Wahlstatistik nichts. Für die Bundestagswahl 1998 ist eine Ursachenforschung aber mit Hilfe unserer eigenen Untersuchung möglich. Deren Anliegen ist es, die Handlungsweisen von jugendlichen Erstwählern zu erklären. Warum gehen Jugendliche zur Wahl oder enthalten sich ihrer Stimme? Wie kurz- oder langfristig kommt ihre Entscheidung zu Stande? Warum stimmen sie für bestimmte Parteien und lehnen andere ab?


Fußnoten

1.
Spezielle Erstwähleruntersuchungen gibt es bislang nicht. Einige wenige Studien gibt es über Jungwähler (18- bis 24-Jährige), in denen aber für die meisten Analysen Erst- und Zweitwähler zusammengefasst werden. Vgl. Joachim Hofmann-Göttig, Jungwählerverhalten, in: Wilhelm Heitmeyer/Juliane Jacobi (Hrsg.), Politische Sozialisation und Individualisierung. Perspektiven und Chancen politischer Bildung, Weinheim - München 1991, S. 119 - 144; Gert Pickel, Wählen die jungen Wähler anders?, in: ders./Dieter Walz/Wolfram Brunner (Hrsg.), Deutschland nach den Wahlen. Befunde zur Bundestagswahl 1998 und zur Zukunft des deutschen Parteiensystems, Opladen 2000, S. 187 - 204.
2.
Es handelt sich um zwei von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte und hier zusammengefasste Paralleluntersuchungen, die unter der Leitung von Hans Oswald an der Universität Potsdam mit Gymnasiasten und unter Leitung von Karin Weiss an der Fachhochschule Potsdam mit Gesamt- und Realschülern durchgeführt wurden.
3.
Alle Angaben zur Bundestagswahl 2002 sind der Repräsentativen Wahlstatistik entnommen: Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Wahl zum 15. Deutschen Bundestag am 22. September 2002. Heft 4: Wahlbeteiligung und Stimmabgabe der Männer und Frauen nach dem Alter, Wiesbaden 2003.
4.
Vgl. J. Hofmann-Göttig (Anm. 1), S. 121.