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12.10.2018 | Von:
Gesine Fuchs

Wählen Frauen anders als Männer?

Wahlforschung: Wer wählt wen warum?

Wahlforschung beschäftigt sich mit Wahlprozessen, Wahlrecht, Wahlkämpfen und Wahlkampfkommunikation. Weitaus am stärksten ausgearbeitet ist Wahlforschung, die die Gründe für individuelle Partizipation untersucht. Auf Grundlage von Statistiken und quantitativen Befragungen geht es darum, individuelle Wahlentscheidungen und ihre Verbindung mit sozialen, kulturellen und historischen Einflüssen zu beschreiben, zu erklären und zu prognostizieren.[9] Grundsätzlich besteht bei dieser quantitativen Forschung immer ein Spannungsverhältnis zwischen der Analyse anhand der Variable Geschlecht und der Tatsache, dass es sich bei der Geschlechterungleichheit um ein mehrdimensionales gesellschaftliches Strukturverhältnis handelt, das sich eben nicht in einer Variable abbilden lässt. Bei der Erklärung individueller politischer Partizipation wie dem Wahlverhalten werden grob drei theoretische Ansätze unterschieden.

Strukturelle Theorien des Wählens gehen davon aus, dass Wählende langfristig und relativ stabil in gesellschaftlichen Strukturen verankert sind. Entsprechend können gesellschaftliche Grundkonflikte, Werte sowie die Bindungen an Klassen und Milieus das Wahlverhalten, politische Einstellungen und Präferenzen für Kandidierende erklären. Dazu werden Hintergrundvariablen wie Einkommen, Bildungsstand, Beruf und Schichtzugehörigkeit oder Konfession herangezogen. Grundlegende Konfliktlinien (sogenannte cleavages, etwa zwischen Arbeit und Kapital oder Kirche und Staat) verändern und differenzieren sich allerdings aus.

Sozialpsychologische Theorien betonen die Wichtigkeit politischer Einstellungen für die aktive Teilnahme der Bürger*innen. Sie sehen politische Einstellungen und besonders die Parteiidentifikation als eine langfristig wirksame Determinante des Wahlverhaltens und als einen Filter, durch den neue Themen und Positionen bewertet werden. Diese Parteiidentifikation wird durch politische Sozialisation meist schon in der Jugend erworben.

Instrumentelle Theorien des Wählens gehen davon aus, dass Wahlberechtigte aufgrund eigener Präferenzen, rationaler Kosten-Nutzen-Abwägung und vollständiger Information ihre Entscheidung treffen. Dazu beurteilen sie Leistungen, inhaltliche Positionen der Parteien und Kandidaten-Alternativen, deren Lösungskompetenzen und die bisherige Arbeit von Regierung und Abgeordneten. Parteien passen sich dann an Wählerpräferenzen an.

Diese Ansätze ergänzen sich heute eher als dass sie sich ausschließen, das heißt, verschiedene Ansätze können auch verschiedene Befunde der Wahlsoziologie unterschiedlich gut erklären. So besteht Einigkeit über die gesellschaftsstrukturelle Verankerung von Wahlentscheidungen und über die in den vergangenen Jahrzehnten gestiegene Bedeutung situativer und politik-konjunktureller Faktoren.

Vergleichende Studien zur Geschlechterlücke (Gender Gap) bei Wahlen haben deren Veränderung und Dynamik analysiert.[10] Bis etwa 1980 ließ sich in westlichen Industriegesellschaften ein traditioneller Gender Gap beobachten: Frauen wählten christdemokratischer beziehungsweise konservativer und partizipierten weniger an Politik als Männer. Erklärt wurde dies mit stärkeren religiösen Bindungen von Frauen und ihrer sozioökonomischen Lage, etwa einer niedrigen Erwerbsquote. In den 1980er Jahren gingen die Geschlechterunterschiede zurück und je nach Land wählten Frauen nun linker oder rechter, während gleichzeitig traditionelle Parteibindungen lockerer wurden und klassische Konfliktlinien aufweichten. Seitdem ist tendenziell eine moderne Geschlechterlücke zu konstatieren: Nun wählen Frauen eher links beziehungsweise "wohlfahrtstaatlicher". So unterstützen in den USA Frauen eher die Demokraten als die Republikaner. Auch in Europa hat sich die traditionelle Geschlechterlücke aufgelöst, und für viele Staaten ist die Entwicklung eines modernen Gender Gaps zu beobachten.[11] Sowohl sozialstrukturelle Veränderungen wie steigende Erwerbsquoten und Bildungsniveaus bei Frauen als auch ein tief greifender Wandel von Werten und Rollenorientierungen spielen dabei eine Rolle. Für die moderne Geschlechterlücke sind dabei die Unterschiede in den Wertorientierungen wichtiger, insbesondere zu postmaterialistischen Einstellungen und Forderungen der Frauenbewegungen.[12]

Fußnoten

9.
Vgl. Rainer-Olaf Schultze, Wahlforschung, in: Uwe Andersen (Hrsg.), Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden 2013, http://www.bpb.de/202209«; siehe auch Jürgen W. Falter (Hrsg.), Handbuch Wahlforschung, Wiesbaden 2014.
10.
Wegweisend dabei Ronald Inglehart/Pippa Norris, The Developmental Theory of the Gender Gap: Women’s and Men’s Voting Behavior in Global Perspective, in: International Political Science Review 4/2000, S. 441–463.
11.
Vgl. für die Situation bis zur Jahrtausendwende Nathalie Giger, Towards a Modern Gender Gap in Europe? A Comparative Analysis of Voting Behavior in 12 Countries, in: The Social Science Journal 3/2009, S. 474–492.
12.
Vgl. Inglehart/Norris (Anm. 10), S. 459.
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