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6.5.2003 | Von:
Michael Opielka

Kunst und Kultur im Wohlfahrtsstaat

III. Von der Ästhetik der Macht zur Sozialästhetik

Der Politologe Klaus von Beyme hat in seiner Studie "Die Kunst der Macht und die Gegenmacht der Kunst"[9] zwischen "Stil" als Formprinzip der Kunst und "Macht" als Formprinzip der Politik unterschieden. Zur entscheidenden Frage für die Qualität von Kunst im Spannungsbereich der Politik (und Wirtschaft) wird dann, ob es der Kunst gelingt, ihre eigene Logik zur Geltung zu bringen. Unter den Bedingungen feudaler Herrschaft gelang dies, folgt man dem heutigen Stand kunst- und kulturhistorischer Forschung, erstaunlicherweise und wohl auch deshalb, weil fürstliches Mäzenatentum in der Regel mit Kunstsinn und kurzen Entscheidungswegen einherging. Diktaturen - ob nationalsozialistischer, kommunistischer oder sonstiger Ideologie - verspürten das Bedürfnis nach unmittelbarer politischer Ikonographie, unterwarfen Kunst und Kultur dem Machtzweck. Der demokratische Wohlfahrtsstaat kennt demgegenüber, so von Beyme, zumindest vier Modelle der Kunstförderung: (a) das zentralistische Modell unter Regie eines Kulturministeriums (z. B. Frankreich); (b) das dezentrale Modell regionaler und funktionaler Akteure (z. B. Deutschland); (c) das parastaatliche Modell der Steuerung mit autonomen Akteuren, insbesondere Stiftungen und Sponsoring der Wirtschaft (vor allem USA, Großbritannien) und (d) die staatliche Kunstregie, die zumal aus Diktaturen bekannt ist, jedoch auch in ausgebauten Wohlfahrtsstaaten vorkommt (z. B. während des New Deal in den USA oder in Skandinavien).

In der Realität vermischen sich diese Idealtypen, und in Zeiten gesellschaftlicher Dynamisierung, wie gegenwärtig, werden die Gewichte neu justiert. Es ist deshalb kein Zufall, dass das vereinte und an der Schwelle in die europäische Interation stehende Deutschland, zudem unter rot- grüner Regierung, mit der "Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien" zumindest ein "kleines" Bundeskulturministerium einführte und zugleich das Stiftungswesen ausweiten möchte. Die kulturpolitische Staatsmacht wird unter den Bedingungen rasanten Wandels amorph, Verantwortungen werden abgeworfen.

Doch neue Verantwortungen und Ressourcen für die Kunst entstehen nicht von allein. Die Omnipräsenz kultureller Produkte in den sich vermassenden Medien, in Kulturevents und Sponsoringstrategien fördert zwar eine Menge handwerklichen Geschicks im Kulturbereich. Doch ob die Breite der Kunstproduktion auch künstlerische Qualität ermöglicht, ist nicht nur in der Sozio- und "freien" Kultur eine offene Frage. Sicher ist allein, dass der Staat als Kulturförderer zunehmend von der Kultur- und Medienwirtschaft überflügelt wird. Der unterdessen vierte "Kulturwirtschaftsbericht" des Landes Nordrhein-Westfalen (NRW) verweist auf eine boomende Branche: "Kulturwirtschaft umfasst alle Wirtschaftsbetriebe und Selbstständigen, die zur Vorbereitung, Schaffung, Kulturvermittlung und/oder medialer Verbreitung Leistungen erbringen oder dafür Produkte herstellen und veräußern." Während die Umsätze der NRW-Gesamtwirtschaft zwischen 1980 und 1996 um 206 Prozent stiegen, weist die NRW-Kulturwirtschaft "im engeren Sinne" für denselben Zeitraum eine Umsatzentwicklung von 314 Prozent auf. Auch die Europäische Kommission kam schon Mitte der neunziger Jahre zu dem Ergebnis, dass dieser Wirtschaftssektor "einen vorderen Rang in den als ,Arbeitsplatzpotentiale` anerkannten Sektoren einnimmt".

Immerhin 642000 Erwerbstätige verzeichnet der Mikrozensus im Jahr 2000 im Kultursektor (einschließlich des Verlagsgewerbes), mit einer Steigerung von 21 Prozent seit 1995, während der allgemeine Anstieg der Zahl der Erwerbstätigen in diesem Zeitraum nur bei 1,5 Prozent lag. Kennzeichnend ist der mit 20 Prozent doppelt so hohe Selbstständigenanteil gegenüber der Gesamtwirtschaft. Der Gesamtumsatz der Kulturwirtschaft belief sich nach der Umsatzsteuerstatistik im Jahr 1999 auf über 70 Mrd. Euro, derjenige der Kulturwirtschaft im engeren Sinne auf immerhin 40,8 Mrd. Euro.[10] So betrachtet erscheint der Staatsanteil an der Kulturproduktion mit etwa 19 Prozent letzterer Summe - unter dem Vorbehalt, dass diese Staatsquote anders abgegrenzt wird - bescheidener. Der Vorbehalt ist allerdings wichtig, denn eine einigermaßen präzise politisch-ökonomische Kulturstatistik existiert in Deutschland nicht.[11]

Verbirgt sich hinter dieser Entwicklung womöglich jener in die Gesellschaft "erweiterte Kunstbegriff", den Joseph Beuys einst beobachtete und förderte? Trägt die spezifisch deutsche Mischung von Kultur- und Wohlfahrtsstaat mit einer expansiven Kulturwirtschaft zu einer Ästhetisierung der Gesellschaft bei? Beuys' Forderung: "Nichts für mich, sondern alles für die anderen" und seine Maxime: "Freiheit ist ja das größte Gesetz in sich"[12] scheinen vorderhand weder mit einer kapitalistischen Marktlogik noch mit einem Kulturwohlfahrtsstaat vereinbar. Sein bekanntes Diktum "Kunst = Kapital", verbunden mit seiner Paraphrase eines Satzes von Rudolf Steiner: "Jeder Mensch ist ein Künstler", verweisen gleichwohl auf Möglichkeiten, die unter den Bedingungen eines subsidiären Wohlfahrtsstaates durchaus beobachtet werden können.

In Deutschland wurden die Grundlagen dafür früh gelegt - man erinnere sich nur an Immanuel Kants Erkenntnisse über die Notwendigkeit eines ästhetischen Sinnes namens "Gemeinsinn", wie er für "die allgemeine Mitteilbarkeit eines Gefühls" erforderlich sei ("Kritik der Urteilskraft", §21, B66). Wolfgang Welsch hat für die gegenwärtige Moderne eine "Protoästhetik" ausgemacht, eine "ästhetikartige Verfassung der Wirklichkeit"[13]. Natürlich könnte man einwenden, dass die Ästhetisierung der Grundlagen des Denkens und des Handelns, die ihren Ausdruck auch in einem Boom der Kulturwissenschaften findet, mit Verflachung einhergeht. Kulturpessimistische Verfallsdiagnosen begnügen sich jedoch eher mit selektiven Beobachtungen, ihr empirischer Nachweis fehlt. Kunst und Kultur mussten stets für ihre Logik kämpfen.


Fußnoten

9.
Vgl. Klaus von Beyme, Die Kunst der Macht und die Gegenmacht der Kunst. Studien zum Verhältnis von Kunst und Politik, Frankfurt/M. 1998, S.31 ff.
10.
Vgl. Michael Söndermann, Zur Lage der Kulturwirtschaft in Deutschland 1999/2000, in: Jahrbuch für Kulturpolitik 2001, Essen 2002, S.369-391.
11.
Die Umsatzsteuerstatistik grenzt die Kulturwirtschaft anders ab als die weiter oben genannten Angaben des Projekts SAKUSDAT. Europäische Vergleichszahlen werden, gefördert durch die Europäische Kommission, zur Zeit erhoben, vgl. www.culturalpolicies.net.
12.
Joseph Beuys im Gespräch mit Knut Fischer und Walter Smerling, Köln 1989, S.30, 47.
13.
Wolfgang Welsch, Grenzgänge der Ästhetik, Stuttgart 1996, S.94 ff.