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6.5.2003 | Von:
Michael Opielka

Kunst und Kultur im Wohlfahrtsstaat

V. Wo investieren?

Dieses allgemeine Plädoyer für die staatliche Mitfinanzierung von Kunst und Kultur kann sich auf theoretische wie auf praktische Begründungen berufen. Im Konkreten freilich stößt es sich an vielerlei Konkurrenzansprüchen. Vor allem auf kommunaler Ebene werden die Fördermittel für Theater und Museen zunehmend gegen sozialpolitische Aufgaben oder andere, durchaus begründbare öffentliche Güter gesetzt. In einer Demokratie zählt die Meinung der Bürger, ihrer politischen Repräsentanten und Entscheidungseliten. Damit wird Kulturpolitik wichtig: Sowohl die Produzenten von Kunst und Kultur wie ihre Nutzer müssen sich organisieren und artikulieren. Dass in Kunst und Kultur auch staatliche Mittel fließen müssen, wird glücklicherweise kaum bestritten. Die Höhe dieser Investitionen lässt sich nur politisch, nicht wissenschaftlich vorschreiben. Man braucht dafür gute Argumente und Durchsetzungsvermögen.

So ist beispielsweise auch das "Bündnis für Theater", der Vorschlag einer von Bundespräsident Rau berufenen Arbeitsgruppe zur "Zukunft von Theater und Oper in Deutschland", vor allem politisch zu bewerten.[15] Hier kommen allerdings Zweifel auf, ob die Begründungen reichen. Nicht nur, dass in dem öffentlich präsentierten "Zwischenbericht" eine höchst unzureichende Analyse des Funktionswandels des Theaters enthalten ist. Denn im Theater von heute einen Ort zu erkennen, der vorrangig "nach dem Sinn des Lebens, nach Werten und Orientierungen für das Zusammenleben" fragt und sucht, misst ihm eine Funktion zu, die bereits Hegel in seiner Kritik der "Kunstreligion" der Frühromantik absprach.[16] Gleichwohl kommt dem Theater (wie aller Kultur) auch gemeinschaftsbildende und damit identitätsstiftende Wirkung zu. Ob nun Theater eine "moralische Anstalt" ist, wie es im Bericht heroisch heißt, erscheint in kulturpolitischer Hinsicht sekundär, zumal die Moralisierung des Publikums durch staatsfinanzierte Institutionen problematisch bleibt. Es ist eben nicht "notwendig", dass das Theater "Inhalte vermittelt", sondern es soll eine spezifische und nur durch das Theater mögliche künstlerische Form anbieten. Diese Form erfordert - das scheint der internationale Vergleich gut zu belegen - ein verlässliches Niveau und damit ein Ensemble und Repertoirebetrieb. Das kostet Geld.

Damit wird aber die ästhetische Diskussion erst eröffnet - jene Spannung von traditionsbewusster Niveaupflege und kreativem Experiment, die keineswegs nur zugunsten des Letzteren, vor allem nicht zugunsten des in Deutschland von manchen Feuilletons noch immer allzu geschätzten Regietheaters beantwortet werden darf: jener "Dekonstruktion" von Texten durch Regisseure, welche diese Texte kaum zu verstehen scheinen. Noch immer weht ein Theaterzeitgeist, der im Schrillen über Unausgereiftes hinwegspielt. Zu Recht heißt es im Präsidentenbericht, dass "die Kunst im Mittelpunkt des Interesses zu stehen" hat. Die Bewertung von Kunst wird immer ein ästhetisches Problem bleiben. Sie kann nur in einer Hinsicht ein politisches Problem sein: Als öffentliche bzw. von der Öffentlichkeit subventionierte Kunst muss das Theater "sein" Publikum finden.

Hier herrscht, trotz teils beachtlicher Besucherzahlen, die wirkliche Krise, vor allem bei jungen Leuten.[17] Denn die Vorstellung von "Präsenz" wandelt sich in einer Mediengesellschaft. Hier könnten Vorschläge ansetzen, die in der Theaterszene noch nicht diskutiert werden. Was spricht dagegen, die Bühnenkunst und die modernen Medien so zu vernetzen, dass in jeder Kommune im Bürgerfernsehen die Aufführungen des städtischen Theaters gesehen werden können? Der "Theaterkanal" des ZDF ist hier ein richtiger, wenn auch bislang nur von wenigen nutzbarer Anfang, weil nur digital empfangbar und zudem eben nicht lokal gemeinschaftsbildend. Die modernen Medien als Komplement unmittelbarer Präsenz zu verstehen, machen Bundesliga-TV und MTV vor: Sie halten das Publikum keineswegs davon ab, Stadien und Popkonzerte aufzusuchen und dafür viel Geld auszugeben. Die Struktur von Öffentlichkeit hat sich verändert, doch die Theaterwelt ist hier noch zu zurückhaltend.

Natürlich würde auch die Umsetzung dieser Anregung Geld kosten. Deshalb soll am Ende noch ein Vorschlag stehen, der zumindest für Theater und Oper Geld bringt. Wenn man den Gedanken von Antje Vollmer folgt, die deutsche Theaterlandschaft als "Weltkulturerbe" zu betrachten, dann spricht viel dafür, zumindest einen Teil der Kosten aus dem Erbe der Gesellschaft zu tragen, aus ihrem angesammelten Vermögen. Die Form dafür wäre eine Stiftungslösung. Um die bisherige Zuschusssumme der öffentlichen Haushalte für Theater und Oper von etwa 2 Mrd. Euro jährlich zu erreichen, wäre ein Stiftungsvermögen von bis zu 50 Mrd. Euro erforderlich. Das ist viel. Würde aber der Bund seine verbliebenen Telekom-Aktien zum Nennwert von ca. 23 Mrd. Euro (Februar 2003) dafür einbringen, wäre schon fast die Hälfte des Stiftungskapitals beisammen. Das würde genügen, um eine Grundfinanzierung der deutschen Theater- und Opernlandschaft zu erreichen. Der Rest würde - wie bisher - aus kommunalen und Landesmitteln, über Eintrittsgelder, Spenden und Sponsoring, aber auch aus den Nutzungsgeldern eines Bühnenfernsehens durchaus einspielbar sein. Eine solche Lösung wäre zugleich ein Beitrag zur Entstaatlichung von Kunst und Kultur.[18]

Nun könnte man einwenden, dass damit zwar eine Lösung für Theater und Oper in Sicht wäre, doch noch längst nicht für das Gesamt des öffentlichen Gutes an Kunst und Kultur. Aber so ist das in der Politik. Es braucht viele Lösungen. Theater und Oper waren und sind "Leuchttürme" der deutschen Kulturpolitik.[19] Wenn sie erlöschen, fehlt Orientierung. Kunst ist - neben Wissenschaft und Religion - die Quelle aller Kultur; deshalb steht heute die Kunstförderung im Zentrum der Kulturpolitik. In einer Epoche der Europäisierung und Globalisierung kommt Kunst und Kultur eine eminente Bedeutung zu.[20] Okwui Enwezor, der Leiter der Documenta 11, hat die bildenden Künste in den Kontext einer Nachhaltigkeitsdebatte gestellt, die sich nicht primär am Ökonomischen orientieren darf: "Man sollte sie viel komplexer sehen - im Hinblick auf die Erweiterung der Freiheiten von Menschen. Das schließt Demokratisierung, Erziehung und die Teilnahme an sehr ernsten intellektuellen und kulturellen Dialogen ein."[21] Dass Letztere als Kunst auch noch unterhalten können, hat schon Goethe gekonnt.

Internetverweise des Autors:

www.kulturportal-deutschland.de

http://www.kupoge.de

http://www.kulturpolitik.de

http://www.theater.de

http://www.soziokultur.de


Fußnoten

15.
Vgl. Bündnis für Theater: Wir brauchen einen neuen Konsens. Zwischenbericht der Arbeitsgruppe "Zukunft von Theater und Oper in Deutschland", berufen von Bundespräsident Johannes Rau, vorgelegt am 11.Dezember 2002, Ms.
16.
"Die politische Konkurrenz um die knappe Ressource ,Sinn` hat die Entfernung zwischen Politik und Kultur verringert." So Jürgen Habermas, Die neue Intimität zwischen Kultur und Politik, in: ders., Die nachholende Revolution, Frankfurt/M. 1990, S.9. Habermas verweist zu Recht auf die Ambivalenz dieser Entwicklung, die historisch eine Vereinnahmung der Kunst durch die Politik förderte, zugleich aber auch aufklärerisches Potenzial birgt.
17.
Die Krise ist subtil mit Langzeiteffekt, ein Beispiel: In der Saison 2000/1 wurde Goethes "Faust" als meistaufgeführtes Schauspiel von 216413 Menschen gesehen (vgl. Anm.3). Das heißt gleichwohl: Nur ein Bruchteil der Oberstufen-Schüler und Studenten war dabei. Populär ist das große deutsche Theatererbe selbst bei Eliten nicht. Dies belegt auch die Nichtbesucher-Studie unter 16- bis 29-Jährigen, die der Deutsche Bühnenverein am 23.1. 2003 veröffentlichte: 77,7 Prozent der Befragten gehen lieber ins Kino als ins Theater; 49,8 Prozent ziehen sogar einen Videoclip oder einen Videofilm dem Theater vor.
18.
In diese Richtung zielt das Papier "Oper in Berlin - Strukturkonzept", das der Berliner Kultursenator Flierl am 3.Februar 2003 vorlegte. Die drei Berliner Opern sollen als gemeinnützige GmbHs unter dem Dach einer neuen Stiftung verfasst werden, die - zunächst vom Land Berlin getragen - für Zustiftungen offen ist.
19.
Die Finanzkrise der Kommunen droht derzeit mit einem Zentralismus, der den Leuchtturm-Effekt nur noch den Bühnen der Landeshauptstädte mit ihrer räumlichen Nähe von Politik und Theater eine ausreichend Mittelausstattung belässt; vgl. Jürgen Berger, Am Ende der Fahnenstange. Den deutschen Bühnen droht die Gefahr eines neuen Zentralismus, in: Süddeutsche Zeitung vom 16.Januar 2003.
20.
Vgl. Jutta Limbach, Kultur- und Bildungspolitik im Zeichen Europas, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B45/2002, S.3-5. Die Gefahren einer von der Welthandelsorganisation favorisierten Marktliberalisierung auch für kulturelle Dienstleistungen werden in Deutschland politisch noch kaum erkannt, vgl. Joseph Hanimann, Vielfältiger. Aber Deutschland fehlte: Chirac will die Kultur schützen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 6.Februar 2003.
21.
Wissensgewinn durch visuelle Mittel. Interview, in: Kunstjahr 2002, Regensburg 2002, S.157.