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6.5.2003 | Von:
Yasemin Soysal

Kulturelle Standortbestimmung Europas

Was bestimmt europäische Identität?

Bei der Beschreibung von europäischer Identität suchen die meisten Studien nach einer politischen Identität der Europäischen Union vor allem innerhalb der internationalen Arena - gegenüber anderen politischen Einheiten oder Nationalstaaten - in Zeiten, die geprägt sind durch alltägliche Symbole der Eigenstaatlichkeit und der kulturellen Kollektivität, wie beispielsweise Fahnen, Hymnen oder Feiertage. Oder aber die europäische Identität wird im Bewusstsein, in den Gefühlen und Wünschen des einzelnen Bürgers als Staatsbürger gesucht, wie zum Beispiel bei den Eurobarometer-Umfragen. Die allgemeine Hypothese lautet: Je weiter die institutionelle Integration der EU mit ihren Institutionen und Regierungsprinzipien fortschreitet, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit einer gemeinsamen Identität und Kultur, erkennbar auf der Ebene des einzelnen Bürgers und vermutlich nationale Identitäten ersetzend oder zumindest relativierend.

Diese Identitätshaltungen - europäisch, national oder regional - werden einander im Allgemeinen gegenübergestellt und führen zu einer erhitzten Debatte in öffentlichen und wissenschaftlichen Kreisen. Alternativ werden nationale oder transnationale Wege eingeschlagen, und es wird gefragt, ob das eine über das andere dominiert oder es einen linearen Übergang vom einen zum anderen gibt. Doch derartige Formulierungen spalten Identitäten unnötig. Untersuchungen zeigen, dass durchaus unterschiedliche Identitätshaltungen existieren, die sich jedoch nicht notwendigerweise alternativ gegenüberstehen oder einander ersetzen. Vielmehr wird die eine durch die andere gedeutet und im Veränderungsprozess neu definiert. Mit anderen Worten: Transnationale und nationale Identitäten sollten als etwas gesehen werden, das sich gegenseitig formt und neue Identitätshaltungen sowie Gewohnheiten erzeugt.

In den Schulen wird gelehrt, Europa sei eine eher unbestimmte Idee, mit zufälligen Grenzen und nicht zwingend durch die Europäische Union abgegrenzt. Seine Identität bestehe aus einer losen Ansammlung bürgerlicher Ideale wie Demokratie, Fortschritt, Gleichheit und Menschenrechte. Damit repräsentiere Europa die "moderne Normativität" (oder "transnationale Normativität"). Und seine Identität sei nicht ausschließend. Hinsichtlich dieser Definition gibt es quer durch die europäischen Schulbücher eine große Übereinstimmung.

Europa als Normativität meint einen anderen Weg, Identität in einen Begriff zu fassen, als wir dies normalerweise annehmen. Denn anders als bei nationalen Kategorien von Identität findet Europa seine Legitimität nicht primär in seiner tief verwurzelten Geschichte oder in seinen historischen Kulturen und Territorien. Dieses neue Europa ist zukunfts- und nicht vergangenheitsorientiert. Ohne Zweifel glorifizieren Geschichtsbücher die römischen, christlichen und sogar griechischen Ursprünge Europas, aber diese werden immer weniger unter nationalen Aspekten behandelt und immer mehr hinsichtlich universalistischer Axiome. Entsprechend werden die universalistischen Grundsätze hervorgehoben, die Europa zugeschrieben werden, unabhängig von der Tatsache, dass die gleichen Grundsätze die Basis der konfliktreichen und kriegsgeschüttelten Vergangenheit Europas waren. In neueren Schulbüchern erscheint daher Europa als eine weitaus friedlichere Region, als die Geschichte lehrt. Aus historischer Sicht wurde Europa mehr durch Konflikte und Teilungen geprägt als durch Konsens und Frieden; doch was nun, in Lehrbüchern, Europa zusammenhält, ist eine Reihe bürgerlicher Ideale, universalistischer Glaubenssätze und Prinzipien.

Das Problem mit solchen Formulierungen von Identität ist aber, dass diese universalistischen Grundsätze und Ideale nicht länger speziell Europa oder seinen Mitgliedstaaten zugeordnet werden können. Am Ende des 20. Jahrhunderts gehören Menschenrechte, Demokratie, Fortschritt und Gleichheit zur Modernität jeder Nation, selbst wenn diese sich unterschiedlich organisieren und sogar dabei scheitern, Modernität zu leben. Dies macht es unmöglich, eine territorial und kulturell gebundene Identität Europas zu bestimmen. Dieses Europa existiert nicht gegen seine "Anderen". Höchstens beim wirtschaftlichen Wettbewerb werden Amerika und Asien zu Europas Anderen, aber sie machen nicht notwendigerweise kulturell Andere aus. Das Gleiche kann hinsichtlich des Islam gesagt werden. Gemeinsam mit Nicht-Europäern verteidigte Europa das moslemische Kosovo und Bosnien gegen den undemokratischen jugoslawischen Staat. Ebenso sollte man sich an das Bestreben der europäischen Regierungen nach den Angriffen in New York erinnern, den "Krieg gegen den Terrorismus" von einem "Krieg gegen den Islam" zu unterscheiden. Trotz gegenteiliger Versuche scheitert Europa dabei, sein kulturell und symbolisch Anderes zu kreieren - richtiger- und glücklicherweise.[4]

So mangelt es dem neuen Europa an Originalität, einem Zustand des "Nationseins", und seine Identität scheint keine Herausforderung für nationale Identitäten zu sein. Schulbücher und Lehrpläne bezeugen dies. Noch immer ist ein bedeutender Teil des Geschichtsunterrichts in Schulen der nationalen oder regionalen Geschichte gewidmet. Aber die Lehrbücher stellen Nation und Identität zunehmend in einen europäischen Kontext, und in diesem Prozess wird die Nation neu interpretiert: Wir beobachten zunehmend eine Normalisierung nationaler Kanons und Mythen sowie Geschichtsschreibungen von Nationen. Zum Beispiel werden Ahnenstämme (germanische und gallische Stämme, Normannen, Franken und Kelten) nicht in heroischen, sondern in kulturellen Begriffen beschrieben, durch Bilder eines idyllischen Dorflebens, Gastfreundschaft und künstlerische Errungenschaften. Kreuzzüge werden nicht als heilige Kriege und Eroberung dargestellt, sondern als Möglichkeiten für kulturellen Austausch und das gegenseitige Lernen unter vielfältigen Zivilisationen.

Die gleiche Normalisierung betrifft nationale Helden. Über sie wird auf sachliche Weise gesprochen, abseits von Charisma und mythischer Glorifizierung. Jeanne d'Arc oder Bismarck werden mit sentimentaler Distanz behandelt und nicht als die Personifizierung eines glorreichen französischen oder deutschen Moments beschworen, sondern als gewöhnliche historische Gestalten, von denen sich lernen lässt.

Ebenso wie die Nation werden auch regionale Identitäten neu gesehen. Es gibt diverse Beispiele in Lehrbüchern, wie regionale Besonderheiten als mögliche Identitätshaltungen innerhalb eines Europas der Regionen (z.B. Bayern, Baskenland, Katalonien, Korsika, Schottland) auftauchen. In französischen Geografie-Lehrbüchern z.B. ist zu lesen, dass die europäische Integration die Organisation des französischen Raumes verändert hat. Innerhalb dieses neuen Raumes verliert etwa Elsass-Lothringen seine im Rahmen der bisherigen nationalen Vorstellung manchmal infrage gestellte Existenz und wird zu einer Region im Herzen Europas: reich, dynamisch und mit ermutigenden Aussichten.[5]

Meine Analyse von Schulbüchern bezeugt auch Abweichungen bei Projektionen und Formulierungen von Identität. Während die "Idee" von Europa in schulischen Lehrplänen und -büchern anerkannt und integriert ist, variiert ihre Aneignung hinsichtlich der Form. Abhängig von der Geschichte und der institutionellen Ausrichtung des Erziehungssystems Deutschlands erscheint Europa (und ebenso seine Regionen) in deutschen Geschichtsbüchern in der Schilderung seiner eigenen Geschichte und Identität, während die Nation verschwindet. In französischen Lehrbüchern wird die französische Nation, historisch begriffen als einabstraktes und universalistisches Gebilde, mitEuropa gleichgesetzt. Mit anderen Worten: Europa wird französisch. Die griechische Unzufriedenheit darüber, die Ursprünge Europas in die Zeit von Charlemagne und des Heiligen Römischen Reichs zu datieren, zeigt wiederum einen anderen historischen Anspruch. Nie richtig in Europa zu Hause (letztlich waren sie für das Römische Reich der "Osten", und ihre Stadtstaaten unterschieden zwischen Bürgern und Barbaren und machten sie daher ungeeignet für einen europäischen Gründungsmythos), sind die Griechen darauf erpicht, die hellenischen Anfänge Europas hervorzuheben.

So beherbergt Europa, wie in Schulbüchern dargestellt und in Bildungskreisen verstanden, mehrere historische Geografien und vielfältige kulturelle Bezüge. Europa bietet nationale und regionale Identitäten sowie Zugehörigkeiten, jedoch nicht in einer organischen, unabhängigen Weise, wie Weiler[6] in seinem multiplen Modell vorschlägt, weil diese multiplen Teile eher willkürlich zusammenhängen: manchmal einander bestätigend, doch häufig die Interpretation und Bedeutung des anderen neu prägend. Europa ist aber auch nicht historisch einzigartig und präzise, sodass ein zusammenhängendes, homogenes Kollektiv-Modell aufrechterhalten werden könnte.[7] Wenn Schulbücher und Bildungsdiskurse zunehmend überlappende, auf vieles bezogene Identitäten proklamieren - woran liegt es dann, dass diese Identitäten bei politischen Debatten in Vergessenheit geraten? Diese Überlegung führt zu einer zweiten Frage: der kulturellen Standortbestimmung europäischer Identität.


Fußnoten

4.
Sicherlich gibt es Versuche, symbolisch Amerika als das Andere zu definieren: bei der Bedeutung von Kultur (z.B. der Widerstand gegenüber McDonalds durch die Förderung der regionalen Küche), bei der Definition von Gerechtigkeit (z.B. die Verurteilung der Todesstrafe und der Schusswaffenregelung), bei den Vorstellungen von sozialer Gleichheit (z.B. die Rolle von Staat vs. Markt bei der Sorge für die soziale Gleichheit und den Lebensstandard). Hier kann Europa, trotz all der bestehenden Varianten in den Mitgliedstaaten, eine Sache noch immer für sich reklamieren: den Wohlfahrtsstaat und ein gewisses Verständnis des solidarisch Sozialen. Jedoch wird dies zunehmend durch den Diskurs über liberale Markttheorien untergraben, die derzeit von den meisten europäischen Regierungen bevorzugt werden.
5.
Dies ist für Frankreich bemerkenswert, da hier Regionen immer zugunsten des Zentrums schwächer sind, im Gegensatz zu Deutschland oder Spanien, wo die regionale Vielfalt aufgrund der föderalistischen Strukturen gewollt ist.
6.
Vgl. J. H. H. Weiler, The constitution of Europe, Cambridge 1999.
7.
"Fuzzy Statehood" lautet der Titel eines Forschungsprojekts zur Europäischen Integration in Mittel- und Osteuropa. Vgl. www.bham.ac.uk/crees/statehood.