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Staatsbildung und ethnisch-nationale Gegensätze in Südosteuropa


6.5.2003
Ein friedliches Zusammenleben in den durch Bürgerkriege zerstörten multiethnischen Gesellschaften wird erst möglich sein, wenn die Staaten nicht mehr als "Eigentum" einer Bevölkerungsgruppe gelten.

Einleitung



Rund 450 000 Quadratkilometer umfasst die Region, die als Südosteuropa im engeren Sinne bezeichnet wird. Gemeint ist der Balkanraum südlich von unterer Save und Donau - ein Gebiet deutlich kleiner als Frankreich, in dem Ende des 20. Jahrhunderts etwa 42 Millionen Menschen lebten. Noch vor zweihundert Jahren bestanden im Balkanraum weder Nationalstaaten noch nationale Mehr- oder Minderheiten: Der damalige Staat - das Osmanische Reich - war ein multireligiöses, multiethnisches und multilinguales Imperium. In seinem europäischen Teil gab es eine Vielzahl ethnischer Gruppen. Nationale Mehr- und Minderheiten existierten aber weder real noch in der Wahrnehmung der Bevölkerung: zum einen, weil sich die Nationen erst formierten und ihre jeweiligen Merkmale noch ausgehandelt werden mussten; zum anderen, weil Mehrheiten und Minderheiten nicht nur aufeinander bezogen sind, sondern immer auch auf ein Tertium Comparationis, einen Vergleichspunkt (z.B. die Bevölkerung eines bestimmten Gebiets). Nationale Majoritäten und Minoritäten sind - komplementär, zum Teil aber auch zeitversetzt entstandene - Produkte der zweiten Hälfte des 19. und des 20. Jahrhunderts.

Die Zurückdrängung des Osmanischen Reiches aus Europa begann mit den serbischen Aufständen von 1804 und 1815 und dem griechischen Befreiungskrieg von 1821 bis 1829. Innerhalb eines Jahrhunderts wurde die politische Landkarte des Balkanraums völlig umgekrempelt. Mit den Balkankriegen von 1912/13 erreichte dieser Prozess seinen vorläufigen Endpunkt. Die Herrschaft über den einst politisch einheitlichen Balkanraum teilten sich nun sieben Staaten: Serbien, Montenegro, Albanien, Griechenland und Bulgarien; hinzu kamen Österreich-Ungarn, das seit dem Berliner Kongress 1878 die beiden Provinzen Bosnien und Herzegowina verwaltete, sowie das Osmanische Reich, dessen europäische Besitzungen auf Ost-Thrakien zusammengeschrumpft waren.[1]

Die Prozesse der postosmanischen Staats- und Nationsbildung waren nicht nur von Rivalitäten der Großmächte begleitet, sondern auch von heftigen innerbalkanischen Auseinandersetzungen. Je größer die Zahl der Nationalbewegungen wurde und je mehr sich die Aufteilung des osmanisch-europäischen Territoriums jenem Punkt näherte, über den hinaus es nichts mehr zu verteilen gab, desto schärfer wurden die Konkurrenzkämpfe. Denn die "Balkanisierung" der Region war ein Nullsummenspiel: Was einer gewann, musste ein anderer zwangsläufig verlieren. Dabei nahm die Zahl der Agierenden ständig zu. Zu den Regierungen kam eine Vielzahl privater und halbprivater Akteure, welche die "nationale Vereinigung" auf eigene Faust betrieben, so dass sich der Balkanraum seit Ende des 19. Jahrhunderts zu einem Eldorado terroristischer Geheimbünde und Guerillaformationen entwickelte.

Dieses Phänomen zeitigte dramatische Folgen, denn die Grenzen zwischen militärischen, paramilitärischen und irregulären Verbänden auf der einen Seite und der Zivilbevölkerung auf der anderen Seite verwischten sich zunehmend. Da es zwischen den Guerillaorganisationen und der Zivilbevölkerung keine klare Unterscheidung mehr gab (lange bevor der "Volkskrieg" im zweiten Jugoslawien[2] zur offiziellen militärischen Doktrin avancierte), geriet die gesamte Bevölkerung auf der Gegenseite unter den Generalverdacht, Teil der Kriegspartei zu sein. Während der Balkankriege von 1912/13 kam es daher erstmals in der modernen europäischen Geschichte zu ethnischen Säuberungen in großem Stil.[3] Bis zu diesem Zeitpunkt war die Bevölkerung in den postosmanischen Staaten weitgehend homogen gewesen, da ein Großteil der vormals ansässigen Muslime die neuen Staaten (un)freiwillig verlassen hatte. Im Verlauf der Balkankriege konnten die postosmanischen Staaten ihre Territorien jedoch erheblich erweitern. Dadurch verschärften sich die Konflikte in den jungen "Nationalstaaten". Denn in den "befreiten" Gebieten (z.B. im makedonischen Raum, in Kosovo, in West-Thrakien oder Epirus) waren mehr oder minder große Gruppen beheimatet, die entweder noch kein Nationalbewusstsein besaßen oder deren Nationalbewusstsein sich von dem der Titularnation unterschied.



Fußnoten

1.
Hierzu und zum Folgenden vgl. die exzellente Darstellung von Mark Mazower, Der Balkan, Berlin 2002; ferner André Gerolymatos, The Balkan Wars. Conquest, Revolution, and Retribution from the Ottoman Era to the Twentieth Century and Beyond, New York 2002.
2.
Anmerkung der Redaktion: Im Jahr 1918 erfolgte die Gründung des "Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen", das 1929 in "Königreich Jugoslawien" umbenannt wurde. Es wird auch als das erste Jugoslawien bezeichnet. 1941 besetzten deutsche und italienische Truppen das Land und errichteten den faschistoiden "Unabhängigen Staat Kroatien" (Ustascha), zu dessen Gebiet auch Bosnien und die Herzegowina gehörten. 1941 bildeten sich verschiedene Partisanengruppen. 1943 gewannen die Kommunisten unter Josip Tito die Oberhand. Im November 1945 wurde die Föderative Volksrepublik Jugoslawien ausgerufen, bestehend aus den Sozialistischen Republiken Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Makedonien, Montenegro, Serbien und Slowenien.
3.
Vgl. Report of the International Commission to Inquire into the Causes and Conduct of the Balkan Wars, hrsg. von Carnegie Endowment for International Peace, Aylesbury Bucks 1914. Neuauflage unter dem Titel: The Other Balkan Wars, Washington 1993.