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6.5.2003 | Von:
Michael-Burkhard Piorkowsky

Neue Hauswirtschaft für die postmoderne Gesellschaft

Zum Wandel der Ökonomie des Alltags

Voraussetzung dafür, dass Privathaushalte ihre Aufgaben als Akteure in Wirtschaft und Gesellschaft kompetent erfüllen können, ist eine grundlegende Verbesserung des dafür notwendigen Orientierungswissens.

I. Problemstellung

Das Konzept der Neuen Hauswirtschaft verfolgt zweierlei: die Begründung eines neuen Verständnisses von Privathaushalten und Familien als den Basiseinheiten von Wirtschaft und Gesellschaft sowie die Etablierung entsprechender Inhalte im Bildungssystem. Die Motivation für dieses Anliegen resultiert vor allem aus Erkenntnissen über einen erschreckend lückenhaften Wissensstand von Jugendlichen und Erwachsenen über die Ökonomie des Alltags sowie gravierende Folgen dieses Mangels. Eine entscheidende Ursache dafür ist das defizitäre Bildungsangebot, das weit hinter dem rasanten gesellschaftlichen Wandel zurückbleibt. Das Plädoyer zum Gegensteuern gründet auf der Überzeugung, dass der gesellschaftliche Modernisierungsprozess nur gelingen kann, wenn bereits Kinder und Jugendliche in den allgemein bildenden Schulen systematisch mit den sozioökonomischen Grundlagen für eine erfolgreiche Lebensbewältigung vertraut gemacht werden und damit auch anschlussfähig sind für ein diesbezügliches lebenslanges Lernen.[1]



Aktuelle Anstöße für die Forderung nach einer grundlegenden sozioökonomischen Allgemeinbildung stehen im Zusammenhang mit der neueren Armutsforschung und der Umsetzung in konkrete Maßnahmen zur Armutsprävention. Empirische Studien zur Sozialhilfeabhängigkeit sowie zur Überschuldung privater Haushalte belegen, dass Verarmungsprozesse häufig nicht nur mit Problemen am Arbeitsmarkt, sondern auch mit fehlenden Kompetenzen für die Gestaltung des Familienlebens und der Haushaltsführung zusammenhängen - angefangen von der Bedürfnisreflexion und der Bedarfsabstimmung im Haushalt über die Mobilisierung und den Einsatz von Ressourcen für die Familienarbeit und Haushaltsproduktion bis zur Kontrolle des Ausgabenverhaltens.[2]

Das zuletzt genannte Ursachenbündel für defizitäre Versorgungslagen bis hin zu Armut kann durch entsprechende nachsorgende Bildung von jüngeren und älteren Erwachsenen weitgehend aufgelöst werden, wie die Projekte der Konzertierten Aktion der Hauswirtschafts- und Wohlfahrtsverbände zur Armutsprävention zeigen.[3] Dass z.B. ungeplante, kumulierende Verschuldung eher in eine Überschuldung führt als eine kontrollierte Kreditaufnahme, ist evident. Erwiesen ist, dass Ver- und Überschuldung privater Haushalte seit Jahren zunehmen. Die Zahl der überschuldeten Privathaushalte, die ihre Verbindlichkeiten weder aus Vermögen noch aus laufendem Einkommen abtragen können, stieg qualifizierten Schätzungen zufolge von 1994 bis 1999 in Westdeutschland von 1,5 Millionen auf 1,9 Millionen und in Ostdeutschland von 0,5 Millionen auf 0,8 Millionen.[4] Schätzungsweise rund 850 000 Jugendliche haben Schulden, vor allem bei Freunden, Verwandten, Geldinstituten, Mobiltelefonanbietern und Netzbetreibern; und rund 250 000 Jugendliche sind vermutlich überschuldet.[5]

Weitere Anstöße liefert die seit Jahren laufende Diskussion über ökonomischen, insbesondere finanzwirtschaftlichen "Analphabetismus".[6] Verschiedene Erhebungen und Einschätzungen von Experten deuten darauf hin, dass die meisten Bürgerinnen und Bürger z.B. nicht genau wissen, wie die Banken arbeiten, wie die Börse funktioniert und wie das Rentensystem aufgebaut ist. Viele können nicht zwischen einer Kapitallebensversicherung und einer Risikolebensversicherung unterscheiden. Etliche können nicht erklären, was der Effektivzins eines Kredits ist. Und manche junge Menschen, die erstmals ein Girokonto eröffnen, glauben sogar, der Dispositionskredit, der auf dem Kontoauszug ausgewiesen wird, gehöre ihnen. Tatsächlich sind wir fast alle finanzwirtschaftliche Analphabeten. Denn es gibt kein Fach oder Lernfeld "Finanzen" in den allgemein bildenden Schulen. Doch die Bildungslücke lässt sich nicht allein durch finanzielle Allgemeinbildung schließen. Das Problem liegt tiefer, und seine Lösung bedarf deshalb eines gut durchdachten Konzeptes. Finanzentscheidungen sind eingebettet in die Ökonomie des Alltags. Und dieser Alltag stellt zunehmend neue, radikale Anforderungen, die mit den herkömmlichen Kompetenzen und Bildungskonzepten kaum zu bewältigen sind.


Fußnoten

1.
Überarbeitete Fassung eines Vortrags auf der Bildungskonferenz der Deutschen Gesellschaft für Hauswirtschaft in Münster am 18. Juni 2002.1Anmerkung der Redaktion: Siehe hierzu auch den Beitrag von Lothar Krappmann in dieser Ausgabe.
2.
Vgl. Michael-Burkhard Piorkowsky, Verarmungsgründe und Ansätze der Armutsprävention bei Privathaushalten, in: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.), Lebenslagen von Familien und Kindern. Dokumentation von Expertisen und Berichten, die im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen der Erstellung des Ersten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung erarbeitet wurden, Materialien zur Familienpolitik, Nr. 11, Berlin 2001.
3.
Vgl. ders., Armutsprävention durch Bildung für Haushalt und Familie, in: Haushalt & Bildung, 77 (2000) 3, S. 129 - 132; ders., Das Armutsprophylaxeprogramm der deutschen Bundesregierung. Ein Beispiel für den aktivierenden Sozialstaat, in: Reinbert Schauer/Robert Purtschert/Dieter Witt (Hrsg.), Nonprofit-Organisationen und gesellschaftliche Entwicklung: Spannungsfeld zwischen Mission und Ökonomie, Linz 2002.
4.
Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (Hrsg.), Lebenslagen in Deutschland. Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Berlin, April 2002, S. 69.
5.
Vgl. Evelyn Binder, Kinder werden mit Schulden groß. Immer mehr Jugendliche leben auf Pump. Wenig Sinn für Wert des Geldes, in: Kölner Stadt-Anzeiger vom 11. Juni 2002, S. 29.
6.
Vgl. Rüdiger von Rosen, Wir brauchen ein Schulfach Wirtschaft, in: Frankfurter Rundschau vom 25. März 1998, S. 24; Udo Reifner, Finanzielle Allgemeinbildung. Bildung als Mittel der Armutsprävention in der Kreditgesellschaft. Projektabschlussbericht zur ersten Phase des vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterstützten Projekts, Institut für Finanzdienstleistungen e.V., Hamburg, 22. 10. 2001; Marc Brost/Marcus Rohwetter, Wir alle - finanzielle Analphabeten, in: Die Zeit vom 31. Oktober 2002, S. 19 - 20.