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19.10.2018 | Von:
Farai Mutondoro

Zwischen Afro-Optimismus und Afro-Pessimismus. Aussichten der afrikanischen Wirtschaft

Paradox der afrikanischen Wirtschaft

Mit Blick auf das Unvermögen vieler afrikanischer Wirtschaften, hochwertige Arbeitsplätze zu schaffen und das Leben der vielen in Armut lebenden Menschen zu verbessern, bestehen ernste Bedenken. Sorge bereiten auch die zunehmende Verschuldung gegenüber China sowie das Ausmaß der Korruption und der illegalen Finanzströme. Eine sozioökonomische Transformation findet bislang nicht statt, das beeindruckende Wirtschaftswachstum ändert für viele Afrikanerinnen und Afrikaner nichts: Noch immer leben 695 Millionen Menschen in Afrika ohne sanitäre Grundversorgung, nur 34 Prozent der Bevölkerung sind an das Straßennetz angeschlossen, 620 Millionen Menschen in Subsahara-Afrika haben keine Stromversorgung, und 2014/15 litten rund 153 Millionen Menschen im Alter über 15 Jahren in Subsahara-Afrika unter schwerer Ernährungsunsicherheit.[24] Zwar ist der Bevölkerungsanteil, der unterhalb der Armutsgrenze lebt, zwischen 1990 und 2012 von 55 Prozent auf 43 Prozent zurückgegangen, aber durch das Bevölkerungswachstum ist die absolute Zahl armer Menschen gestiegen.[25] Ein Anteil von 61,7 Prozent der städtischen Bevölkerung in Subsahara-Afrika lebt in Slums.[26]

Das zentrale Problem bei der zunehmenden Armut und wachsenden Ungleichheit ist das Ausmaß der Arbeitslosigkeit. Laut Afrikanischer Entwicklungsbank ist die Beschäftigungsrate zwischen 2000 und 2014 zwar jährlich um mindestens 2,8 Prozent angestiegen, aber angesichts der Größe und des Wachstums der heutigen Erwerbsbevölkerung ist diese Rate sehr niedrig. 2015 lebten in Afrika etwa 226 Millionen Jugendliche; Schätzungen zufolge wird ihre Zahl bis 2030 um 42 Prozent auf 321 Millionen anwachsen.[27] Schon 2010 lag der afrikanische Anteil an der globalen Erwerbsbevölkerung bei 54 Prozent. Bis 2090 wird er voraussichtlich auf 64 Prozent ansteigen.[28]

Das schwache Beschäftigungswachstum trifft in erster Linie Frauen und Jugendliche. Beide Gruppen sind wesentliche Faktoren für Afrikas transformative Agenda, bleiben aber strukturell machtlos und ungeschützt. Die jungen Afrikanerinnen und Afrikaner gelten als die größte Wachstumschance des Kontinents – doch das Wachstum der Erwerbsbevölkerung scheint gegenwärtig eher eine Bürde für die afrikanischen Wirtschaften zu sein. Die Rate der Armutsreduktion ist niedriger als das durchschnittliche Bevölkerungswachstum.[29] Das bedeutet im Wesentlichen, dass immer mehr junge Menschen in Armut aufwachsen. Die Tatsache, dass für diese jungen Menschen keine hochwertigen Arbeitsplätze geschaffen werden, hat zahlreiche Afrikanerinnen und Afrikaner zur Auswanderung gezwungen oder in den informellen Sektor gedrängt, wo sie mit ungezügelter Korruption, sexuellem Missbrauch und politischer Vetternwirtschaft konfrontiert sind.

Entwicklungshilfe und Wirtschaftswachstum

Auf dem afrikanischen Kontinent fließen seit vielen Jahren unterschiedliche Kapitalströme aus dem Ausland zusammen, alle angeblich mit dem einzigen Ziel, das afrikanische Wirtschaftswachstum zu fördern. Die Hilfe für Afrika wurzelt unter anderem im früheren kolonialen Verhältnis zwischen westlichen und afrikanischen Ländern – es ist vor allem auf dieses Verhältnis zurückzuführen, dass Afrika zum Empfänger diverser Hilfeleistungen seitens westlicher Regierungen, Stiftungen und Hilfsorganisationen wurde. Die Mittel aus dem Ausland setzen sich in erster Linie zusammen aus Direktinvestitionen, Entwicklungshilfe in Form von Darlehen zu Vorzugskonditionen (niedrigere Zinssätze, längere Laufzeiten als marktüblich) und Subventionen, aber auch aus Warenkrediten, die in jüngster Zeit in großem Umfang von China, Afrikas größtem Handelspartner, gegeben wurden (2015 in Höhe von 60 Millionen US-Dollar). Das Gros der Entwicklungshilfegelder stammt aus dem Westen, insbesondere aus den USA, dem Vereinigten Königreich und anderen europäischen Staaten wie Schweden, Deutschland, Frankreich und Norwegen.

Eine Auswertung der Verteilung der Entwicklungshilfegelder zwischen 1980 und 2013 zeigt, dass der größte Anteil der ausländischer Hilfsmittel nach Westafrika ging (33 Milliarden US-Dollar), gefolgt von Ostafrika (29,8 Milliarden) und dem Südlichen Afrika (26,2 Milliarden). Hinsichtlich der sektoralen Verteilung floss die offizielle Entwicklungshilfe vor allem in das Sozialwesen, den Wirtschaftssektor sowie in die Dienstleistungsbranchen der jeweiligen Länder.[30]

Die Entwicklungshilfe war und ist Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Auseinandersetzungen; manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler argumentieren, die Hilfe habe positive Wirkung erzielt, andere behaupten das Gegenteil. Die Ökonomin Dambisa Moyo etwa kritisiert, dass die Entwicklungshilfe eine Kultur der Abhängigkeit geschaffen und Korruption gefördert habe. Obwohl Afrika in den vergangenen Jahren mehr als eine Billion US-Dollar erhalten habe, seien viele Länder nach wie vor unterentwickelt und hingen am Tropf ausländischer Geldgeber.[31] Zwar lassen sich diese Argumente nicht von der Hand weisen, aber nichtsdestotrotz hat Entwicklungshilfe in Afrika durchaus auch Positives bewirkt. Angesichts der sich vergrößernden Ungleichheit, gestiegener Armutsanfälligkeit und verbreiteter Arbeitslosigkeit füllt die Entwicklungshilfe ein strukturbedingtes Vakuum. Vor dem Hintergrund, dass viele Afrikanerinnen und Afrikaner vom Wirtschaftswachstum nicht profitieren, bietet die Hilfe denjenigen, die keinen Zugang zu grundlegenden Einrichtungen wie medizinische Versorgung, Bildung und Obdach haben, eine Art soziales Sicherheitsnetz.

So wird beispielsweise in Simbabwe der Gesundheitshaushalt weitgehend von ausländischen Gebern finanziert, da es die Regierung des Landes seit etlichen Jahren versäumt, das öffentliche Gesundheitswesen angemessen auszustatten.[32] Ein anderes Beispiel ist die Landwirtschaft: Studien zeigen, dass Entwicklungshilfe die Produktivität des afrikanischen Agrarsektor erhöht hat.[33] Diese wiederum ist ausschlaggebend für das Wirtschaftswachstum in Afrika, da sie eine gewisse Industrialisierung ermöglicht, Arbeitsplätze schafft und durch den Export ausländische Direktinvestitionen erwirtschaftet. Schließlich sind über 60 Prozent des ungenutzten Ackerlands der Welt in Afrika. Darüber hinaus ist Entwicklungshilfe durch finanzielle Unterstützung von Bildungsprojekten ein Schlüssel für die Entwicklung des Humankapitals in Afrika.

Als Antikorruptionsexperte bin ich zudem der Auffassung, dass Entwicklungszusammenarbeit nach wie vor wesentlich für die Förderung von Demokratisierungsprozessen sowie für Initiativen zugunsten verantwortungsvollen Regierens ist. Durch die Entwicklungszusammenarbeit sind Wahlen in Afrika zur Normalität geworden. Zudem hat sich durch von außen finanzierte Maßnahmen zur Förderung von Transparenz in Politik und Wirtschaft – wie die Initiativen "Publish What You Pay", "Extractive Industries Transparency Initiative", "Open Contracting" oder die Plattform "Open Governance" – die Art und Weise, wie der Rohstoffsektor reguliert wird, zum Positiven verändert. Ohne Entwicklungszusammenarbeit würden die endemische Korruption in Afrika, Menschenrechtsverletzungen, soziale Ungerechtigkeit und geschlechtsbezogene Gewalt unwidersprochen bleiben. Entwicklungshilfe hat sich daher als äußerst wichtiges Finanzierungsmodell für Afrikas gesellschaftspolitisches und wirtschaftliches Wachstum erwiesen, das es afrikanischen Regierungen gestattet, wichtige politische und institutionelle Rahmenbedingungen zu schaffen. Sie wird daher auch künftig von zentraler Bedeutung bleiben, wenn es darum geht, die internationalen Ziele der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung zu erreichen.

Fußnoten

24.
Vgl. Landry Signé, Why Has Africa’s Fast Economic Growth Left Poorer Behind and How Do We Fix It?, in: Foresight Africa 2018 (Anm. 23), S. 44–53.
25.
Vgl. Kathleen Beegle et al., Poverty in a Rising Africa, Washington, D.C. 2016, S. 117–145.
26.
Vgl. Kaci Racelma, Towards African Cities Without Slums, in: Africa Renewal 1/2012, S. 20f.
27.
Vgl. African Economic Outlook (Anm. 21.), S. 33–59.
28.
Vgl. Paulo Drummond/Vimal Thakoor/Shu Yu, Africa Rising: Harnessing the Demographic Dividend, Internationaler Währungsfonds, IMF Working Paper 143/2014.
29.
Vgl. Laurence Chandy, Why Is the Number of Poor People in Africa Increasing When Africa’s Economies Are Growing?, 4.5.2015, http://brook.gs/2bGxf9s«.
30.
Vgl. Kafayat Amusa/Nara Monkam/Nicola Viegi, Foreign Aid and Foreign Direct Investment in Sub-Saharan Africa: A Panel Data Analysis, Economic Research Southern Africa, Working Paper 612/2016.
31.
Vgl. Dambisa Moyo, Dead Aid: Why Aid Is Not Working and How There Is a Better Way for Africa, New York 2009.
32.
Vgl. Wongai Zhangazha, Zim Continues to Rely on Donor Funds, 4.1.2017, http://www.theindependent.co.zw/2017/01/04/zim-continues-rely-donor-funds«.
33.
Vgl. John Ssozi/Simplice A. Asongu/Voxi Amavilah, Is Aid for Agriculture Effective in Sub-Saharan Africa?, Munich Personal RePEc Archive, MPRA Paper 83073/2017, https://mpra.ub.uni-muenchen.de/83073«.
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