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6.5.2003 | Von:
Lothar Krappmann

Kompetenzförderung im Kindesalter

Die Ursache für das Versagen vieler Menschen bei der Bewältigung ihres Alltags ist die Unfähigkeit, auf die Anforderungen und Veränderungen ihrer Lebenswelt angemessen zu reagieren. Alltagskompetenzen sollten daher bereits im Kindesalter gefördert werden.

I. Prekäre Balancen im Alltagsleben

Der Alltag der überwiegenden Mehrheit der Menschen in der Bundesrepublik Deutschland - das sind fünf Sechstel der Menschen - wird vom Zusammenleben mit anderen Menschen in einem privaten Haushalt geformt.[1] Die Art und Weise der Absprachen, die in diesem Haushalt über alltägliche Ziele, Aufgaben und Arbeitsverteilungen getroffen werden, entscheidet weitgehend darüber, ob diese Menschen gemeinsam "gutes Leben" verwirklichen können. Aus der Perspektive dieses sozialwissenschaftlichen Zugangs soll in diesem Beitrag untersucht werden, welche Kompetenzen Menschen benötigen und wann und unter welchen Bedingungen sie diese ausbilden, um mit anderen gemeinsam zufriedenstellend leben zu können.

Es gibt Zweifel daran, dass alle Menschen voraussetzungslos in der Lage sind, ihren Alltag befriedigend zu gestalten. Wie berechtigt diese sind, zeigen Überschuldungen von Haushalten, Zerwürfnisse mit Nachbarn, die bis vors Gericht getragen werden, Taschengeldstreitereien mit Kindern oder auch die schwierigen Probleme, die nach einem Arbeitsplatzverlust oder bei Krankheit auftreten. Manche Ehe und Familie zerfällt aufgrund der Unfähigkeit, landläufig als trivial bewertete Alltagsprobleme bewältigen zu können, und nicht etwa deshalb, weil außergewöhnliche Konflikte nicht gelöst werden. Zahlreiche Beobachtungen bestätigen, dass Menschen nicht nur bei extremer Beanspruchung, sondern generell in ihrem Alltag - "alltäglich" - in kleinere und größere Pannen, aber auch in schwer wiegende Krisen und Katastrophen geraten. Die Ursache dafür liegt nicht in fehlender Bildung, etwa dem fehlenden Abitur. Vielmehr verfügen diese Menschen nicht oder zu wenig über Fähigkeiten, die unter dem Begriff Alltagskompetenzen zusammengefasst werden können.[2]



Im Alltagsleben sehen sich Menschen mit Problemen konfrontiert, weil hier eine Situation falsch eingeschätzt, dort ein Termin versäumt wird, weil die rechtliche Relevanz einer Handlung nicht erkannt oder der erforderliche Aufwand falsch kalkuliert wird. Derartige Probleme verweisen bereits darauf, dass die Bewältigung des alltäglichen Lebens Anforderungen an die Menschen stellt, etwa die, aufmerksam und umsichtig zu sein, auch für scheinbar Banales; und sie signalisieren, dass dazu Wissen erforderlich ist: Man sollte sich im tagtäglichen Leben auskennen. Aber es ist noch komplizierter: Menschen können auch vor lauter Umsicht und Absicherung handlungsunfähig werden. So kann etwa der Schnäppchenjäger bei seinen täglichen Kontrollgängen durch die Läden die Erledigung wichtigerer Aufgaben versäumen. Zu aller Wachsamkeit muss noch ein Moment von Klugheit kommen; es gilt, die notwendigen Abwägungen zu steuern, um sich nicht in den Fallen des Alltags zu verfangen.

Die beschriebenen Probleme können auch zu kompletten Zusammenbrüchen führen, was auf tiefer liegende Unfähigkeiten hinweist, etwa darauf, dass jemand in einer angespannten Situation nicht die richtigen Worte findet, dass Menschen nicht merken, was ein Problem, ein Fehler, eine mitmenschliche Beziehung im Augenblick von ihnen verlangt, oder dass sie die Hilfsbereitschaft anderer überstrapazieren. Es geht also um sozio-kognitive Fähigkeiten, eine soziale Situation richtig einzuschätzen. Um im Alltag nicht anzuecken und Handlungsmöglichkeiten nicht falsch zu interpretieren, ist es wichtig, die Interessenlage anderer wahrnehmen zu können, sich in ihre Lage einzufühlen und dann gegebenenfalls Rücksicht nehmen zu können. Aber auch hier gibt es ein Zuviel des Perspektivenwechsels. Es gilt, einen Ausgleich unter verschiedenen Zielsetzungen zu erreichen, und dazu bedarf es auch, aber nicht nur sozio-kognitiver Kompetenz. Das erfordert zugleich die Fähigkeiten, auszuhandeln, zu kompensieren, langfristig zu denken. In der einen Situation muss man großzügig sein können, in einer anderen ist Beharrlichkeit erforderlich.

Auch die Unfähigkeit, Prioritäten zu setzen, kann zu Problemen führen: wenn man nicht weiß, was das Wichtigste ist, vor allem, was jetzt das Wichtigste ist, denn eine starre Rangordnung kann auch hinderlich sein. Aber welches Verhalten ist im guten Sinne flexibel, und wo beginnen Unzuverlässigkeit, Wankelmut und Leichtsinn?

Außer Kontrolle geraten kann der Alltag ferner durch Verhalten, das, solange es wohldosiert angewandt wird, das Alltagsleben ungemein erleichtert, das aber, sofern nicht auf Grenzen geachtet wird, oft in erhebliche Schwierigkeiten führt: Freundlichkeit ist so gut wie immer hilfreich, aber sie kann - wenn sie die Form von Gutmütigkeit annimmt - auch dazu führen, dass Menschen von anderen ausgenutzt werden und ihr eigenes Leben aus den Augen verlieren. Oder: Ohne ein gewisses Maß an Vertrauen, das Menschen einander entgegenbringen, würde der Alltag nicht laufen, aber Gutgläubigkeit, etwa sich entgegen widersprechenden Zeichen immer weiter auf eine zugesagte Hilfe zu verlassen, kann in große Bedrängnis stürzen.

So erfordert der Alltag oft ein Verhalten, das nicht nur an den höchsten Stufen soziokognitiver oder moralischer Kompetenz orientiert ist, sondern heftige, gelegentlich sogar fragwürdige Mittel nicht meidet, um einerseits Ansprüchen Respekt zu verschaffen, andererseits nicht von einem Regelwerk zerrieben zu werden. Der kompetente Partner einer Aushandlung muss auch einmal "fünf gerade sein" lassen können, um den Alltag nicht an Prinzipien scheitern zu lassen, die in manchen Situationen mehr schaden als nützen. Diese Balanceakte, mit denen Menschen sich durch ihren Alltag lavieren, gehören zum pragmatischen Handeln, das Menschen beherrschen müssen, das aber nicht verantwortungslos ausgeübt werden darf, denn hilfreiche Strategien sind willkommen, gewissenlose Vorgehensweisen jedoch nicht.

Schließlich besteht der Alltag noch aus vielen Zufällen; da gibt es Glück und Pech, Verlorenes und Verlegtes, Unfälle und Krankheiten, überraschende Chancen und den seltenen Lottogewinn. Das alltägliche Leben besteht aus einer Abfolge solcher unvorhergesehener Widerfahrnisse, und sowohl die negativen als auch die positiven sind schwer in die eingespielten Abläufe zu integrieren; sie verlangen nach Bewältigungsstrategien, um von ihnen nicht aus der Bahn geworfen zu werden. Auch am glücklichen Zufall kann der Alltag scheitern, wenn Menschen mit plötzlichen Wendungen der Dinge nicht umzugehen wissen. Die Unabsehbarkeit kleinerer und größerer Geschehnisse verlangt Offenheit und Mut, sich auf Neues einzulassen sowie Chancen zu nutzen. Zugleich gilt es, Ressourcen zu bedenken und längerfristige Folgen nicht aus den Augen zu verlieren.

Kompetentes Alltagshandeln setzt voraus, - aufmerksam zu sein und Bescheid zu wissen, aber sich im Streben nach Absicherung nicht zu lähmen; - Empfindlichkeiten miteinander kooperierender Menschen zu berücksichtigen, aber doch auch eigene Interessen verfolgen zu können; - Prioritäten richtig zu setzen und dennoch flexibel zu bleiben; - pragmatisch, aber nicht unmoralisch mit Problemen umgehen zu können; und - sich auf Unerwartetes einlassen zu können, aber doch die Übersicht nicht zu verlieren.

Auch wenn sie über diese Kompetenzen verfügen, erreichen Menschen oft nicht mehr, als sich "halbwegs" erfolgreich durch den Alltag zu bewegen. Die richtigen Schwerpunkte zu setzen, klug mit unlösbaren Problemen umzugehen, wohldosiert zu reagieren, ist eine Lebenskunst.[3]

Diese Herausforderungen kumulieren in den "Einheiten eng verbundenen Lebens": Jede Person dieses Alltags- und Lebensverbunds bringt ihre besondere selektive Aufmerksamkeit, ihre Sensibilität für andere, ihre Flexibilität und die Grenzen ihrer Anpassungsfähigkeit, ihre Art, Probleme pragmatisch zu lösen, und die glücklichen und unglücklichen Widerfahrnisse, die ihr zustoßen, mit und macht diese zur gemeinsamen Angelegenheit.


Fußnoten

1.
Zwar waren im Jahr 2000 mehr als ein Drittel der Haushalte Einpersonenhaushalte. Wenn jedoch Personen die Basis der Berechnung bilden, leben nur 17 Prozent der Bevölkerung in Einpersonenhaushalten und 83 Prozent in Mehrpersonenhaushalten, siehe Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Datenreport 2002. Zahlen und Fakten über die Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2002.
2.
Unter verschiedenen Rücksichten analysieren solche Alltagsprobleme Peter Büchner/Burkhard Fuhs, Der Lebensort Familie. Alltagsprobleme und Beziehungsmuster, in: dies./Heinz-Hermann Krüger (Hrsg.), Vom Teddybär zum ersten Kuss, Opladen 1996; Günter Voß/Margit Weihrich, Tagaus - tagein. Neue Beiträge zur Soziologie der alltäglichen Lebensführung, München 2001; Margit Weihrich/Günter Voß (Hrsg.), Tag für Tag. Alltag als Problem - Lebensführung als Lösung, München 2002; Rosemarie von Schweitzer, Heilendes und krank machendes familiales Alltagsleben, in: Franz-Michael Konrad (Hrsg.), Kindheit und Familie, Münster 2001; Gunter E. Zimmermann, Überschuldung privater Haushalte, Freiburg i.Br. 1999.
3.
Vgl. Charles Lindblom, The science of "muddling through", in: Public Administration Review, 19 (1959), S. 79 - 88; Wilhelm Schmid, Philosophie der Lebenskunst. Eine Grundlegung, Frankfurt/M. 2001(8).