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6.5.2003 | Von:
Christine Morgenroth

Arbeitsidentität und Arbeitslosigkeit – ein depressiver Zirkel

Arbeitslosigkeit kann für die Betroffenen psychische Folgen haben. Es ist jedoch falsch, depressive Reaktion Betroffener als individuelle Pathologie umzudeuten.

Einleitung

"Wenn ich eine Stelle aufsuche, um Hilfe zu kriegen, dann ist das doch irgendwie ein Signal, dass ich Hilfe brauche. Vielleicht versuchst du es dann bei einer anderen Stelle, vielleicht auch noch bei einer dritten, aber je nachdem, wie du vielleicht selber nicht damit fertig wirst, sagst du vielleicht: Sense! Aber dass du vielleicht in einem Anflug von Verzweiflung keinen Ausweg mehr siehst und zu Dingen greifst "

Ist der Verlust des Arbeitsplatzes für die Betroffenen heute ein Problem im Sinne einer Lebenskrise, aus der sie oftmals nur mit großer Mühe und häufig genug mit bleibenden Schäden herausfinden? Ist Arbeitslosigkeit eines jener bedeutenden Lebensereignisse, die psychosozialen Stress auslösen und ein hohes Potenzial an Gefahren mit sich bringen? Und wenn ja, welches sind die Gefahren und mit welchen Mitteln versuchen Arbeitslose, diesen zu begegnen? Auf diese Fragen werde ich im folgenden Beitrag Antworten suchen.


Mit den vorangestellten Sätzen beschreibt eine 32-jährige Arbeitslose ihre Situation ein Jahr nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes: die vergeblichen Versuche zur Bewältigung der Situation, das zunehmende Gefühl, allein keinen Ausweg zu finden, dann die Suche nach Hilfe bei Ämtern und Beratungsstellen, das Scheitern dieser Bemühungen sowie die langsam wachsende Verzweiflung, die über die Erfahrung von Hilflosigkeit und Enttäuschung zu Depression und Selbstmordgedanken führt. Die Äußerungen werfen ein krasses Licht auf Selbstbild und Lebensgefühl arbeitsloser Menschen. Aus aktiven, leistungsbewussten und zupackenden ArbeitnehmerInnen werden depressive, ängstliche und hilfsbedürftige Klienten von sozialen Hilfsdiensten. Dieses düstere Bild scheint in die frühen dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu passen, aber so gar nicht zu dem Image von dynamischen ArbeitnehmerInnen in Zeiten von New Economy und lebenslangem Lernen. Ist es überhaupt noch aktuell? Die neueste Jugendforschung hat 2002 mit der 14. Shell Jugendstudie einen neuen Sozialcharakter präsentiert, der durch ein hohes Maß an Selbstzentrierung gekennzeichnet ist. Als Egotaktiker werden junge Leute beschrieben, die sehr mit sich selbst beschäftigt sind, die lernen, das beste aus jeder Situation zu machen und vorhandene Chancen gerade so zu nutzen, wie sie sich bieten. Dazu gehört ein gewisser Opportunismus ebenso wie der Pragmatismus, dann zuzugreifen, wenn sich eine Gelegenheit bietet. In der Bundesrepublik sind von der Hartz-Kommission Überlegungen zur Entbürokratisierung der Arbeitsämter in die Diskussion eingebracht worden, auch wird über die Ich-AG diskutiert, eine Konstruktion, die mit Hilfe von Steuererleichterungen die selbständige Tätigkeit von Arbeitslosen erleichtern soll, jeder Arbeitslose soll zum Kleinunternehmer mutieren und sein Schicksal selbst in die Hand nehmen können.[1]

Die normativen Vorgaben einer regierungsamtlichen Kommission, die sich zu konkreten Erwartungen an jeden einzelnen Arbeitslosen verdichten, und dieser neue Sozialcharakter, der eine wachsende Bereitschaft zeigt, ichbezogen und pragmatisch am Möglichen orientiert, auf gegebene Situationen zu reagieren und sich nicht durch ideologische Scheuklappen oder persönliche Ängste daran hindern zu lassen - beide weisen eine hohe Kompatibilität auf. Egotaktiker und Ich-AG passen hervorragend zusammen! So muss der Mensch beschaffen sein, der den Verlust des Arbeitsplatzes nicht zur individuellen Katastrophe werden lässt, sondern ihn durch Self-Management sogar als Chance begreifen kann.

Seit zwei Jahrzehnten wird eine Vielzahl von Argumenten bemüht, mit deren Hilfe die materiellen, sozialen und seelischen Folgen von Arbeitslosigkeit bagatellisiert werden. An erster Stelle wird in diesem Zusammenhang mit der These vom vermeintlichen Wertewandel operiert. Sie besagt, dass mit der generellen Verkürzung von Lebensarbeitszeit die Bedeutung von Erwerbsarbeit und Leistungszentrierung abnimmt; an deren Stelle treten demnach hedonistische, an Freizeit und Genuss orientierte Werthaltungen, welche die alten "Sekundärtugenden" langsam ersetzen. Dass eine leidlich gute materielle Absicherung den Verlust des Arbeitsplatzes mehr als erträglich gestaltet, gehört ebenso in diese Logik wie der Verweis auf die Existenz von Rollenalternativen in der Lebensgestaltung. Es handelt sich dann nicht mehr um Arbeitslose, sondern um Mütter und Ehefrauen, Kranke, Schwerbehinderte, Vorruheständler oder Umschüler. Eine moderne und lebenslaufbezogene Argumentation lautet, dass durch die anhaltende Massenarbeitslosigkeit der Verlust des Arbeitsplatzes eine selbstverständliche Variante in der Berufsbiografie darstellt, sie also eine planbare Option unter vielen anderen im Leben darstellt. Die Absehbarkeit dieses Ereignisses erhöht die Möglichkeiten individueller Kontrolle, jeder kann sich bereits darauf einstellen und die auftretenden Leer-Zeiten sinnvoll und in eigener Regie nutzen.

I. Zur anhaltenden Bedeutung von Erwerbsarbeit im Lebenszusammenhang

All diesen Einwänden ist entschieden entgegenzuhalten, dass die Bedeutung von Erwerbsarbeit für die Lebensgestaltung und Identitätsentwicklung von Menschen nach wie vor einen zentralen Stellenwert besitzt. Denn solange im Zentrum der gesellschaftlichen Organisation das durch die Logik von Kapital und Markt bestimmte Verständnis von Erwerbsarbeit steht, solange soziale Anerkennung, Zugehörigkeit und Reputation über Erwerbsarbeit vermittelt sind, solange Produktivität, Effektivität und damit erzielter materieller Status die wesentlichen Faktoren sind, an denen sich Erfolg und Einfluss eines Menschen messen lassen, solange muss Erwerbsarbeit die Schnittstelle bleiben, an der individuelle Beteiligungswünsche an die Gesellschaft und die angebotenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zusammentreffen.

Gerade sozialwissenschaftliche Forschung muss danach fragen, welche Bedeutung die Erwerbsarbeit für Lebensgestaltung und Konstitution von Subjektivität unter den veränderten Produktions- und Arbeitsbedingungen tatsächlich besitzt. Erwerbsarbeit ist als soziologische Schlüsselkategorie noch lange nicht überholt. So fand der Industriesoziologe Martin Baethge (1988) in seiner Untersuchung zur Arbeitsidentität heraus, dass sogar bei jungen Menschen in niedrig qualifizierten Beschäftigungen die soziale Akzeptanz am Arbeitsplatz, interessante Arbeitsinhalte und die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen, für Arbeitszufriedenheit und -identität wichtiger waren als die Höhe ihres Einkommens.[2] Die von ihm so genannten subjektiv-sinnhaften Arbeitsorientierungen überwiegen danach die materiell-reproduktionsbezogenen deutlich. Ein knappes Jahrzehnt später (in der Shell-Studie von 1997) geben 64 Prozent der dort befragten Jugendlichen an, Arbeitslosigkeit sei das Hauptproblem junger Menschen; die Angst vor Arbeitslosigkeit stellte sich als prägende Generationserfahrung dar.

Auch die Ergebnisse der jüngsten Shell-Studie verdeutlichen, dass Leistung und Ehrgeiz mit 76 Prozent einen außerordentlich hohen Stellenwert bei jungen Menschen haben, nur das Bedürfnis nach Sicherheit liegt mit 79 Prozent noch knapp darüber. Als wichtigste Zukunftsaufgaben von Politik und Gesellschaft betrachten diese Jugendlichen an erster Stelle den Arbeitsmarkt (64 Prozent Frauen, 67 Prozent Männer), knapp gefolgt von der Bedeutung von Kindern und Familie (60 Prozent Frauen, 49 Prozent Männer).[3] Wird nach dominierenden Ängsten gefragt, liegt die Angst vor Arbeitslosigkeit mit 56 Prozent (Frauen) bzw. 55 Prozent (Männer) zwar "nur" im Mittelfeld, Angst vor einer schlechten Wirtschaftslage bzw. vor Armut findet sich jedoch auf dem zweiten Platz der Rangreihe bei 72 Prozent der Frauen und 60 Prozent der männlichen Befragten. Diese Sorge wird nur durch die Angst vor Terroranschlägen übertroffen.[4] Diese Daten geben deutliche Hinweise darauf, wie stark die traditionelle Orientierung auf Erwerbsarbeit und Leistung die Wahrnehmung der Jugendlichen (das heißt der 12- bis 25-Jährigen) weiterhin bestimmt.

Auch die sozialkonstruktivistischen Untersuchungen von Heiner Keupp,[5] auf die der anschauliche Begriff der Patchwork-Identität zurückgeht, bestätigen die anhaltende Bedeutung von Erwerbsarbeit auch in dem "Flickenteppich" der individuellen Identitäten. Junge Erwachsene sind bei der Ausformung ihrer beruflichen Identität höchst eigenständig und kreativ - auch dann, wenn ihre Berufsbiografien gebrochen und fragmentarisch werden und häufige Wechsel des Arbeitsplatzes sowie Phasen von Erwerbslosigkeit enthalten. Sogar in solchen extrem diskontinuierlichen Erwerbsbiografien zeigt sich eine deutliche Dominanz der subjektiv-sinnhaften Bezüge auf Arbeit. Weniger die grundlegende Orientierung auf Erwerbsarbeit hat sich demnach verändert; die Veränderungen liegen vielmehr in der Entstandardisierung von (vormals lebenslang einheitlichen) Erwerbsbiografien. Kontinuierliche Berufsverläufe, die zur Basis einer festen Berufsidentität werden, sind tatsächlich kaum noch zu finden. Arbeitsidentität wird über mittelfristige biografische Projekte hergestellt, die zeitweilig aufgegeben, inhaltlich verändert und später re-integriert werden können. Die frühere Berufsidentität, das subjektive Zugehörigkeitsgefühl zu einem Beruf oder zu einem Betrieb, wird also von einer Arbeitsidentität abgelöst, die sich im Subjekt konstituiert, und zwar durch Leistungsbereitschaft, Arbeitsorientierung, individuelle Kompetenzen und Sinn-Ansprüche an die konkrete Arbeit. Nicht zuletzt durch die Erosion anderer sinnstiftender Instanzen behält die Erwerbsarbeit ihre herausragende Rolle für die Identitätsentwicklung junger Erwachsener. Die Teilhabe an der Erwerbsarbeit ist bis heute für viele Menschen die wichtigste, nicht selten einzige Möglichkeit, die Erfahrung von Zugehörigkeit zu machen, soziale Beziehung zu erleben, Anerkennung und Wertschätzung zu erfahren; ihre Bedeutung für Lebensgestaltung und Wohlbefinden ist eher noch wichtiger geworden.

Auf eine besondere Veränderung sei an dieser Stelle hingewiesen: In den Erwerbsbiografien von Frauen haben in den vergangenen Jahrzehnten die vielleicht größten Veränderungen stattgefunden. Die weibliche Erwerbsorientierung wächst stetig, hervorragende schulische und berufliche Qualifikationen fundieren die Entschlossenheit, mit der Frauen auf den Arbeitsmarkt streben. Dem steht das knapper werdende Angebot an Arbeitsplätzen entgegen. Für die gegenwärtige Frauengeneration ist eine lebenslange Doppelorientierung auf Beruf und Familie charakteristisch, die zu erwerben und aufrechtzuerhalten ein hohes Maß an Flexibilität verlangt. Frauen haben nicht nur verschiedene "Identitätsanteile" miteinander zu verknüpfen, sondern oftmals auch die verschiedensten "Arbeitsformen". Die anhaltende Alleinzuständigkeit von Frauen für die privat zu verrichtende Beziehungs- und Reproduktionsarbeit führt zu einer Vervielfältigung der Herausforderungen in der Identitätsarbeit. Dabei zeigt sich, dass die Erwerbsarbeit eine immer größere Bedeutung als Organisator für die Gestaltung des weiblichen Lebensentwurfs erhält und mehr und mehr mit den familiären Wünschen zu kollidieren beginnt: Etwa ein Drittel der heute 35-jährigen Frauen wird voraussichtlich kinderlos bleiben.

Andererseits führt die Frauen abverlangte Vielseitigkeit zu Fähigkeiten, widersprüchliche, gegensätzliche, zur Vereinbarkeit nicht vorgesehene soziale, zeitliche und motionale Belange miteinander zu verknüpfen und entsprechende Ressourcen in der inneren Ausstattung zu entwickeln. In der Logik der Identitätsargumentation bedeutet dies: Sie halten entsprechende Kompetenzen im "Patchwork ihrer Identität" verfügbar. Frauen haben, oftmals nicht ganz freiwillig, die Kompetenz entwickelt, innerhalb kürzester Zeit unterschiedliche Anforderungen und Logiken miteinander zu verknüpfen. Schon allein deshalb entsprechen sie in hohem Maß den aktuellen Anforderungen des Arbeitsmarktes an die ideale Arbeitskraft - und sind gleichwohl von allen seinen Risiken überproportional häufig betroffen. Anpassung an diese Bedingungen allein reicht offenkundig nicht aus; es sind andere Wirkfaktoren am Werk, die mit der Asymmetrie im Geschlechterverhältnis, der anhaltenden subtilen Diskriminierung von Frauen hier nur angedeutet werden können.

II. Veränderungen in der betrieblichen Arbeitsorganisation

Die neuen ArbeitskraftunternehmerInnen haben also im Umgang mit ihrer Ressource Arbeitskraft ein hohes Maß an Verantwortung ausgebildet, sie sind flexibel, lernbereit und in vielfältiger Weise einsatzfähig. Und sie wissen, dass es für sie - im Unterschied zur Generation ihrer Eltern oder Großeltern - keine Sicherheit mehr geben wird, einen einmal errungenen Arbeitsplatz auch über längere Zeit zu behalten. Zweifellos müssen sie Unterbrechungen von unterschiedlicher Dauer in ihre Biografie einplanen. Aber trägt dieses Wissen tatsächlich dazu bei, sich innerlich derart zu stärken, dass Betroffene sich subjektiv dieser Möglichkeit gewachsen sehen, anstatt von Ohnmachtsgefühlen überwältigt zu werden?

Gegenwärtig deutet nicht viel darauf hin, dass die Planbarkeit von Arbeitslosigkeit den Betroffenen dabei hilft, die vielfältigen negativen Auswirkungen zu mildern. Das hängt nicht zuletzt mit der Veränderung der Arbeitsbedingungen zusammen. Die Struktur des Arbeitsmarktes verändert sich ebenso drastisch wie die innerbetrieblichen Produktions- und Arbeitsbedingungen. Dezentralisierung und Teamarbeit sind die Stichworte, mit denen die betrieblichen Optimierungsstrategien beschrieben werden, die für die Beschäftigten zu immensen Verdichtungen der Arbeitsvollzüge führen. Die stärkere Einbindung subjektiver Ressourcen in den Arbeitsprozess, die Forderung von Leistungsbereitschaft am Rande der Selbstausbeutung, die Orientierung des gesamten Lebenszusammenhangs an den Bedingungen, die durch flexiblere Arbeitszeiten und Arbeitsstätten gegeben sind - all diese Faktoren führen im Ergebnis dazu, dass die betrieblichen Ansprüche an die Arbeitskraft immer höher geschraubt, die Beschäftigungsverhältnisse jedoch immer ungewisser werden. Für die Beschäftigten hat diese Entwicklung aber einen Januskopf: Der Zugewinn an Autonomie und Selbstbewusstsein durch ein deutliches Mehr an Verantwortung und Entscheidungskompetenz ist untrennbar verbunden mit einer deutlichen Erosion der Grenzen zwischen der Zeit, die unter Bedingungen von Erwerbsarbeit verbracht wird, und anderen Formen der Zeitgestaltung, die nicht dem Diktat des Arbeitsprozesses unterliegen. Arbeitszeit und Freizeit sind kaum noch voneinander getrennt, allzu oft wird die Freizeit von den Bedingungen und den Folgen der Erwerbsarbeit erfasst. Wenn das unter Bedingungen geschieht, die den Arbeitenden subjektiv als freiwillig gewählt erscheinen, ist der vormals äußere Zwang, der im Regime von Arbeitszeitregelungen, hierarchischen betrieblichen Strukturen und Produktionsbedingungen lag, zu einem inneren Antreiber geworden, der mit noch größerer Unerbittlichkeit tätig ist und damit bei weitem funktionaler sein kann als strenge externe Kontrollsysteme.[6] Die Erwerbsarbeit wird so zum einzig aktiven Antriebselement in der Lebensgestaltung, sie hat die Regie über alle anderen Lebensbereiche übernommen.

Die von den Arbeitenden geforderte Bindung an den Arbeitsplatz wird immer größer. Sie muss entwickelt werden, um unter solchen Bedingungen überhaupt arbeiten zu können. Nicht selten kommt es sogar zu einer übermäßigen Identifikation mit einem zeitlich befristeten, unsicheren Arbeitsplatz. Die sich selbst ausbeutenden ArbeitskraftunternehmerInnen stehen im Falle der Arbeitslosigkeit vor dem Nichts - einem Mangel an Struktur und sozialer Einbindung: Die Familie ist durch die Belastung beschädigt worden, der Freundeskreis aus Mangel an Pflege zerfallen, die nun Erwerbslosen selbst stehen erschöpft und erstaunt vor ihrem zerbröckelten Lebenszusammenhang.

III. Folgen von langfristiger Arbeitslosigkeit

Wie reagieren Menschen, wenn trotz großer persönlicher Anstrengungen der Arbeitsplatz verloren geht und längerfristige Arbeitslosigkeit eintritt? In den großen psychologischen Studien zu den Folgen von Arbeitslosigkeit werden seit Jahrzehnten ähnliche Phasen von Verlauf und Reaktionen beschrieben: Nach anfänglichem Schock und Aufbegehren gibt es eine Phase des Befreiungsgefühls, das bald von verstärkter Aktivität und Umtriebigkeit (Bewerbungen, Fortbildungen) abgelöst wird. Bleiben diese Bemühungen erfolglos, nimmt das Interesse ab, Mattigkeit und Hoffnungslosigkeit breiten sich aus. Die Probleme werden von typischen Stressreaktionen wie Schlaflosigkeit, Essstörungen und psychosomatische Erkrankungen begleitet; Alkohol- und Medikamentenmissbrauch sowie wachsende Suizidalität sind messbare Folgen.[7]

Dem Leben Arbeitsloser fehlen vor allem Zeitstruktur und soziale Anerkennung als mentale Haltepunkte für eine sinnvolle persönliche Existenz. Arbeitslose antworten darauf mit Gefühlen von persönlichem Versagen. Diese individuelle Schuldzuweisung hat heftige Schamgefühle zur Folge; sie führen zum Rückzug aus sozialen Beziehungen, zum Abbruch der meisten sozialen Kontakte. Der gesamte Lebensrhythmus verlangsamt sich, die Welt der Arbeitslosen wird immer enger, bis depressive und selbstzerstörerische Auswirkungen in einen Zustand weit reichender Apathie (und chronischer körperlicher Erkrankung) einmünden können: Das Gefühl für den persönlichen Wert geht auf diesem Weg verloren. Auch gegenwärtig zeigt sich, dass Menschen, deren Lebensgestaltung zuvor in hohem Maße von Arbeitsorientierung und Erwerbstätigkeit geprägt war, im Falle der Arbeitslosigkeit nicht in der Lage sind, ihre Identität einfach umzubauen. Freizeitaktivitäten, Ehrenämter oder Familienbelange können nicht plötzlich zum Zentrum einer Lebensgestaltung werden, in der es zuvor um Fragen der Erwerbsarbeit ging. Letztere bleibt bestimmend für die Identitätsarbeit, die weiterhin zentral um den Fakt der Abwesenheit von Arbeit und die damit einhergehenden Verluste von persönlichem Sinn und dem Erleben von sozialer Zugehörigkeit organisiert bleibt. "Das drückt sich nicht nur in psychosozialer Belastung und destruktivem Verhalten, sondern auch im Festhalten an den eigenen subjektiv-sinnhaften Arbeitsansprüchen aus. Gerade mit und wegen der Verknappung von Arbeit wächst ihre Bedeutung für die Identitätsentwicklung."[8]

IV. Verarbeitungsansätze oder soziale Traumatisierung?

Wie die langfristigen Reaktionen auf den Verlust des Arbeitsplatzes von Betroffenen selbst beschrieben werden, zeigt ein kurzer Abschnitt aus einer Gruppendiskussion mit langfristig Erwerbslosen[9] (s. Kasten):

Gruppendiskussion mit langfristig Erwerbslosen 1. Von der Diskussionsleitung wird der bisherige Stand der Diskussion zusammengefasst und daraufhin gefragt: "Kann man zugespitzt sagen, dass Arbeitslosigkeit krank macht ?" 2. Siegrid: "Wirklich, momentan bin ich psychisch kurz vorm Durchdrehen." 3. Gerd: "Ich empfinde das praktisch als Leerlauf. Das stimmt mich eher nicht depressiv, aber aggressiv." 4. Frank: "Das ist ein Nerven auf beiden Seiten." 5. Siegrid: "Das treibt dich zum Kurzschluss." 6. Gerd: "Vor allem immer diese Behauptung, die Arbeitslosen wären faul. Wenn man jetzt versucht, was zu machen. Man hört immer diese dummen Bemerkungen von den Leuten, eben faul und so. Wenn man dann sagt, stell mir doch deinen Arbeitsplatz zur Verfügung und mach dann selber arbeitslos, wenn das so angenehm ist, dann heißt es immer: Wenn du Arbeit finden willst Diese dummen Sprüche, immer wieder diese dummen Sprüche ständig. Dann kommt man zu keinem Ergebnis." 7. Diskussionsleitung: "Und was macht einen dann so mürbe, dieser Leerlauf?" 8. Gerd: "Auf jeden Fall läuft es darauf hinaus, dass man mürbe wird, oder man denkt mit der Zeit: Das Gesabbel, was der da von sich gibt, oder na ja." 8. Diskussionsleitung: "Wenn ich daran erinnern darf, waren Sie das, der gesagt hat: Manchmal habe ich Angst, ich schmeiße den (Sachbearbeiter des Arbeitsamtes) so an die Wand, dass er nicht mehr herauskommt." 9. Gerd: "Es läuft darauf hinaus, dass die wollen, so habe ich den Eindruck, dass die Leute gleichgültig werden, also gar kein Interesse mehr daran haben, für sich selbst einzutreten." (Es folgt ein kurzer Austausch über die schlechte Behandlung durch die Ämter, der folgendermaßen endet:) 16. Jürgen: "Also, als ich noch keine Routine hatte in diesem ganzen Zirkus, da hatte ich meistens unheimlich Frust, wenn ich vom Arbeitsamt wiederkam. Den habe ich dann in Alkohol ertränkt. Ich glaube, dass es auch vielen anderen so geht."

Dieser Textabschnitt zeigt in komprimierter Form das ganze Spektrum der Folgen langfristiger Arbeitslosigkeit: schwere psychische Belastungen, Frustration und Unverständnis, Wut und Tendenzen, sich resignativ zu betäuben. In den ersten Beiträgen äußern sich die Teilnehmenden in kurzen, schlaglichtartigen Bemerkungen über ihre Befindlichkeit. Die Ausdrücke "Durchdrehen", "Leerlauf" und "Kurzschluss" verweisen auf ein fast instrumentelles Verhältnis zu ihrer eigenen psychischen Situation. Sie erleben ihren Zustand übereinstimmend wie den einer Maschine, die nicht mehr gemäß ihrer ursprünglichen Bestimmung funktioniert, deren Systematik vielmehr durcheinander geraten ist, sich daher der Steuerung entzieht und einen Kurzschluss produziert. Es ist ein sich entfremdetes Selbstgefühl, das in dieser Maschinenanalogie enthalten ist; die eigene Lage wird vom Ich als derart fremd erlebt, dass in dem Bemühen um angemessenen Ausdruck zu Bildern aus handwerklichen und industriellen Fertigungsprozessen gegriffen wird, um das Selbsterleben von tief greifender Störung zu beschreiben.

Die Bedeutung dieser Wortwahl weist aber über das Fremdheitserleben noch hinaus: Maschinen sind tote Objekte, die unter fremdbestimmten Bedingungen eingesetzt werden und deren Zwecke nicht zu beeinflussen sind. Arbeitslose fühlen sich abgeschrieben, so wie Maschinen von der Steuer abgeschrieben werden, bis sie sich amortisiert haben, um dann zum alten Eisen geworfen werden zu können, wenn sie defekt und technisch überholt sind. In diesen Selbst-Bildern steckt keine Handlungsfähigkeit, kein Impuls, an diesem Zustand aktiv und in eigener Regie etwas zu ändern; vielmehr enthalten sie die passive Erwartung, dass ein Reparateur die Störung behebt. Erst durch die beträchtliche Reduktion des Selbsterlebens auf "tote Materie", auf funktionsgestörte Maschinerie wird (implizit) eine Hoffnung möglich: auf den rettenden Eingriff von außen, der die Arbeitslosen von ihrem stigmatisierten Schicksal befreit.

Um Stigmatisierungserfahrungen im sozialen Kontext geht es auch in den Wortwechseln (Kasten: 6. - 9.), in denen Gerd beschreibt, wie schwer es ihm fällt, sich mit den gängigen Vorurteilen gegenüber Arbeitslosen auseinander zu setzen. Man wird mürbe und gereizt, die Aggressionen nehmen zu und die Möglichkeit zu sozialem Kontakt (mit Arbeitenden) reißt praktisch ab, "denn man kommt miteinander zu keinem Ergebnis" in der Frage, wer denn nun wirklich die Verantwortung dafür trägt, dass jemand arbeitslos ist. Beschäftigte und Arbeitslose können sich nicht mehr miteinander verständigen, weil der Verlust der gemeinsamen Erfahrungsbasis ihnen auch die gemeinsame Sprache genommen hat. Im Umgang mit der Verwaltung fühlt der von Arbeitslosigkeit Betroffene sich gebremst, er unterstellt der Arbeitsverwaltung, sie wolle die Arbeitslosen gezielt ruhig halten.

Sowohl die Arbeitenden als auch die Sachbearbeiter der Arbeitsämter werden in diesen Sätzen als unverständig und feindselig geschildert, als Menschen, die es gezielt darauf anlegen, dass Arbeitslose sich schlecht und schuldig fühlen. Zweifellos fühlen sie sich ja auch oftmals nicht gut, wie die ersten Äußerungen belegen. Aber der abrupte thematische Wechsel lässt auch ein weiteres Motiv erkennen: sich mit dem eigenen Elend nicht zu befassen und stattdessen danach zu fragen, wer es denn ausgelöst und verschlimmert hat. Diese Suche nach Schuldigen, nach Sündenböcken, die häufig zu beobachten ist, befreit die Arbeitslosen von der individuellen Schuldzuweisung, dem starken Druck, sich selbst für die Situation zur Verantwortung zu ziehen. Die Selbstzweifel, die durch mangelnden Austausch mit anderen noch verstärkt werden, führen zu einer enormen Empfindsamkeit gegenüber solchen Vorurteilen. Um die verletzende Kränkung nicht selbst zu spüren, wird das Gegenüber mit Hilfe aggressiver Abwertung ("das Gesabbel") angegriffen. Die eigene Verletzlichkeit, Passivität und Trostlosigkeit wird daraufhin als Folge der Abwertung durch den anderen erlebt, sie wird zum Resultat des manipulativen Übergriffs (z.B. der Arbeitsverwaltung). Auch hier imponiert die Geste der Passivität im Selbstbild: Gerd empfindet sich als das Opfer anderer, er ist nicht länger aktiver Gestalter der eigenen Lebensgeschichte und Befindlichkeit, denn in seiner Wahrnehmung ist er passiv gemacht worden.

Gleichwohl fällt auf, dass mit den SachbearbeiterInnen in der Verwaltung von Arbeitslosigkeit und Armut und den Noch-Beschäftigten zwei Gruppen in die Aufmerksamkeit geraten, die tatsächlich keine Verantwortung für die Ursachen der Arbeitslosigkeit tragen. Demgegenüber bleiben Wirtschaftseliten, Unternehmensleitungen, internationale Konzerne oder globale Kapitalbewegungen vollständig ausgeblendet. Ganz offenkundig werden hier nicht Verantwortliche für die Arbeitslosigkeit gesucht, sondern Schuldige an der gegenwärtig schlechten mentalen Befindlichkeit definiert. Nicht die gesellschaftlichen Ursachen stehen im Mittelpunkt, vielmehr erfolgt eine Konzentration auf die Folgen. Und über diese wird eigentümlich bruchstückhaft und spröde berichtet, der Mangel an emotionaler Beteiligung wird in der stichwortartigen Verständigung deutlich. Hinter dieser sprachlichen Kargheit verbirgt sich jedoch ein wesentlich differenzierteres Innenleben der Sprechenden, das aber nicht entfaltet werden muss. Die hier Versammelten wissen, worum es geht, welche Gefühlslagen z.B. hinter der Maschinenmetapher stehen. Gemeinsames, identisches Erleben führt über gemeinsam benutzte Bilder zu einem besonderen sprachlichen Ausdruck. Diese kargen Sprachspiele - gut aus den sprachlichen Besonderheiten bestimmter Subkulturen und Szenen bekannt - sind als Ergebnis einer Identifizierung untereinander zu verstehen, die über ein ähnliches Erleben und Erleiden der Folgen des Arbeitsplatzverlustes entsteht.

Solche auf einer Identifikation basierenden Kommunikationsstrukturen führen zu einem latenten Konsens, der im Untergrund der Sprache und Texte existiert. Die explizite Verständigung ergibt sich schon durch knappe Andeutungen oder erfolgt gänzlich nonverbal, ein kurzes Nicken reicht mitunter, um eine breite Zustimmung zu signalisieren. Das seelische Leiden an dem Zustand der Arbeitslosigkeit ist ihnen allen gemeinsam, die Tatsache, in derselben Lage zu sein und sich im Anderen wiederzuerkennen, setzt die Identifizierung in Gang. Die regressive Seite der Identifikation, die sich mit Leiden und Passivität verbindet, steht der Stärkung durch Gemeinsamkeit entgegen.

Die auffällige Dominanz projektiver Abwehrkonstruktionen (die Suche nach Sündenböcken) kann auch als Ergebnis dieser Identifikation verstanden werden: Die festgestellte Gemeinsamkeit im Erleben mildert das Leiden am Verlust des Arbeitsplatzes und bringt ähnliche Verarbeitungsformen und Sprachfiguren hervor, die jedoch als kollektiver Rückzug aus der Realität zu verstehen sind, als kollektive depressive Reaktion.

V. Reaktive depressive Zirkel in der Erwerbslosigkeit

Depressionen sind auch als entgleiste Trauerprozesse zu begreifen. Der Verlust eines emotional bedeutsamen Objekts - das ist zumeist eine nahe stehende Person, kann aber auch eine Gruppe, Idee oder eben der Arbeitsplatz sein - muss durch einen Trauerprozess verarbeitet werden, der dem Ich zu einer neuen inneren Balance verhilft. Das ist eine gesunde, wünschenswerte und das Ich letztlich stärkende Reaktion auf einen Verlust. Häufig tritt aber an die Stelle dieser konstruktiven Trauerarbeit deren ungesunde pathologische Entgleisung: Statt die emotionale Besetzung des verlorenen Objektes aufzugeben, wird sie in verschiedenen Formen aufrechterhalten, die sich sogar als drei Teufelskreise selbst beständig verstärken:[10]

Statt durch den Trauerprozess lernend mit der neuen Realität umzugehen, bleibt das Ich der verlorenen Realität und Beziehung verhaftet und wird dadurch geschwächt. In der depressiven Reaktion steht eine Krise des Selbstwertgefühls im Vordergrund, die sich in Apathie, Gefühllosigkeit, ausgeprägter Mattigkeit und Antriebsarmut zeigt. Sie führt zu einem beträchtlichen Verlust der Selbstachtung, und je mehr die Selbstachtung sinkt, desto stärker werden die genannten Reaktionen und desto schneller erfolgt das Absinken des Selbstwertgefühls. Genau das geschieht, wenn die Erwerbsarbeit als emotional hoch besetztes Objekt verloren wird. Enttäuschung und Kränkung beim Verlust des Arbeitsplatzes und besonders die Mechanismen individueller Schuldzuweisung lassen die Selbstachtung sinken und mindern die Antriebskräfte (erster Teufelskreis).

Verlustreaktionen sind häufig mit aggressiven Impulsen verbunden. Zumeist werden die heftigen aggressiven Impulse nicht ausgedrückt, sondern autoaggressiv abgewehrt: Selbstvorwürfe, Anschuldigungen, Nahrungsverweigerung, selbstverletzende Verhaltensweisen inklusive Sucht und Suizidalität sind die gut bekannten Folgen, die damit in Zusammenhang stehen und als Entgleisung normaler Trauerreaktion verstanden werden können. Wenn Aggressionen nach innen gewendet werden, erhöht diese Selbstdestruktion aber das generelle Wut-Potenzial und bringt dadurch neue Aggressionsphantasien mit sich (zweiter Teufelskreis). Im Falle des Arbeitsplatzverlustes liegen der Aggression widersprüchliche Gefühle zugrunde. Dieser Ambivalenzkonflikt hängt mit den Bedingungen zusammen, unter denen die Erwerbsarbeit aktuell erfolgte. Jede noch so interessante Arbeit befindet sich im Spannungsfeld zwischen Arbeitsleid und -lust, hat immer auch Momente von Entfremdung und Zwang. Dies gilt in besonderer Weise für die mitunter extrem belastenden Arbeitsbedingungen, die bei zeitlicher Befristung sehr hohe Ansprüche an die Kompetenz mit flexiblen Einsatzbedingungen verbinden. Die negativen, feindseligen gegen die Arbeitsbedingungen gerichteten Gefühle sind in der Überidentifikation unbewusst geblieben. Daher ist der Verlust des Arbeitsplatzes der herausragende Anlass, die Ambivalenz wahrzunehmen: Die aggressiven Anteile treten, vielleicht erstmalig, ins Bewusstsein und werden dann autoaggressiv gegen die eigene Person gewendet. Der zweite Teufelskreis verstärkt sich dadurch, dass die Aggressionen keinen Ausdruck finden, die generelle vorhandene innere Feindseligkeit wird stärker - der Arbeitslose befindet sich in einem sich selbst verstärkenden Wut-Kessel.

In einem dritten Schritt der depressiven Reaktion wird der Verlust durch Introjektion (seelische Einverleibung) des Objekts kompensiert (dritter Teufelskreis). Dieser Vorgang bringt vor allem wegen der ambivalenten, aggressiven Impulse neue Schwierigkeiten mit sich. Die häufigen Selbstanklagen der Depressiven gelten nicht nur sich selbst, sondern eben auch dem bösen, gehassten Anteil des (nunmehr introjizierten) Objektes, das jetzt als Teil des eigenen Ichs erlebt wird. "Der Schatten des Objekts fiel auf das Ich" - so beschrieb Sigmund Freud[11] diesen mentalen Vorgang, der die Einschränkung vieler Ich-Leistungen, vor allem der angemessenen Realitätsprüfung, zur Folge hat.

Arbeitslosigkeit geht mit der Notwendigkeit einher, die emotionale Besetzung eines konkreten Arbeitsplatzes aufzugeben. Sie wird jedoch von einer weiteren, überaus realen Forderung begleitet, die daran erinnert, dass die Arbeitsidentität, die subjektive Bedeutung der Erwerbsarbeit, keinesfalls vollständig aufgegeben werden darf. Arbeitslose sollen ja ihre Verfügbarkeit gegenüber dem Arbeitsmarkt ständig unter Beweis stellen. Würde die emotionale Besetzung des Systems Erwerbsarbeit durch Trauerarbeit abgelöst, müssten sie sich mit dem Zustand der Nichtarbeit abfinden und zu "Aussteigern" werden oder sich im System der sozialen Hilfsdienste so geschickt wie möglich einrichten. Gerade junge Arbeitslose mit ihrer "Pluralisierung von Mustern der Lebensführung in der Arbeitslosigkeit"[12] greifen gelegentlich zu diesen biografischen Ausstiegen, was sich unschwer in die soziologische Diskussion von der "Enttraditionalisierung der industriegesellschaftlichen Lebensformen"[13] einfügen lässt. Bei allen Differenzierungen und Anpassungsleistungen wird aber doch durch die anhaltende Orientierung auf Erwerbsarbeit der Verlust des Arbeitsplatzes als Vorenthaltung einer wichtigen Option erlebt, die eben nicht beliebig ersetzbar ist. Die ambivalente Konfliktkonstellation, etwas aufgeben zu sollen, womit jedoch Gefahren verknüpft sind, bleibt also als problematische Struktur erhalten. Auch wenn die subjektive Realitätsprüfung selbst intakt ist, so stellt doch die gesellschaftliche Wirklichkeit für diese widersprüchlichen Ansprüche keine angemessenen Handlungsfelder bzw. Besetzungsmöglichkeiten zur Verfügung. Es besteht keine Chance, beiden Anforderungen gleichzeitig zu genügen: den Bezug auf Arbeit generell zu erhalten und dabei die spezifische Bindung an einen besonderen Arbeitsplatz aufzugeben. Der Arbeitslose darf, schon aus existenziellen Erwägungen, das Objekt nicht vollständig aufgeben. Dieses Verbot wird unterstützt durch die verinnerlichten gesellschaftlichen Wertvorstellungen, denen die Nicht-Arbeit noch in jeder Form verdächtig ist. Andererseits soll der Arbeitslose im Interesse des inneren Gleichgewichts, das die Preisgabe der Bindung fordert, um seelisches Leid abzuwenden, die Besetzung vom Objekt lösen. Für diesen Widerspruch gibt es keine Lösung, die Betroffenen werden in eine depressive Struktur geradezu hineingetrieben, die sich im dritten Teufelskreis durch Verinnerlichung des Objekts vollzieht.

Durch Introjektion findet sich ein Kompromiss, der aber den gesellschaftlichen Widerspruch ins Innere des Subjekts verlagert. Die aggressiven Impulse (die sich sowohl in symptomatisch-autoaggressiver Wendung als auch in der projektiven Verkehrung der Sündenbocksuche zeigen) können nun als feindselige Reaktionen verstanden werden, die ursprünglich den Arbeitsbedingungen galten und sich nun gegen den Arbeitslosen selbst richten.[14] In der Maschinenanalogie wird diese Distanz zum eigenen Inneren ausgedrückt: Die Selbstwahrnehmung wird verdinglicht und objekthaft.

Der ins Subjekt genommene gesellschaftliche Widerspruch, der als depressive Reaktion auftritt, ist den realen Verhältnissen und ihrer Widersprüchlichkeit geschuldet: Die depressive Reaktion ist die folgerichtige Lösung des in der Arbeitslosigkeit aufgebrochenen Ambivalenzkonfliktes und darf keinesfalls zur individuellen Pathologie umgedeutet werden.

Internetverweis der Autorin:

http://www.sozpsych.uni-hannover.de/DFA/

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Fußnoten

1.
Anmerkung der Redaktion: Zur Hartz-Kommission vergleiche die beiden Beiträge von Günther Schmid und Rudolf Hickel in dieser Ausgabe.
2.
Vgl. Martin Baethge, Jugend, Arbeit und Identität. Lebensperspektiven und Interessenorientierungen, Opladen 1988.
3.
Vgl. Ulrich Schneekloth, Demokratie, ja - Politik, nein? Eintellungen Jugendlicher zur Politik, in: Deutsche Shell (Hrsg.), Jugend 2002, Frankfurt/M. 2002, S. 122.
4.
Vgl. ebd., S. 121.
5.
Vgl. Heiner Keupp u.a., Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne, Reinbek bei Hamburg 1999.
6.
Vgl. Norbert Elias, Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen, Basel 1939.
7.
Vgl. Marie Jahoda u.a., Die Arbeitslosen von Marienthal, Frankfurt/M., Leipzig 1933 (Erstausgabe), 1975; Ali Wacker, Arbeitslosigkeit. Soziale und psychische Voraussetzungen und Folgen, Frankfurt/M. 1976.
8.
H. Keupp (Anm. 5), S. 129.
9.
Auszug aus einer Gruppendiskussion, die mit langfristig Arbeitslosen zur Frage individueller Verarbeitungsmöglichkeiten geführt wurde, vgl. genauer Christine Morgenroth, Sprachloser Widerstand. Zur Sozialpathologie der Lebenswelt von Arbeitslosen, Frankfurt/M. 1990.
10.
Vgl. Stavros Mentzos, Neurotische Konfliktverarbeitung, Frankfurt/M. 1992.
11.
Vgl. Sigmund Freud, Trauer und Melancholie. Studienausgabe Bd. 3, Frankfurt/M. 1982.
12.
Bei Gerd Vonderach u. a (Arbeitslosigkeit und Lebensgeschichte, Opladen 1992, S. 358) findet sich eine einzelfallübergreifende Fallreihe junger Arbeitsloser, die den Ausstieg aus dem System der Erwerbsarbeit nicht als Katastrophe erleben, sondern deren Bewältigungsmuster durch die Ressourcennutzung in der Arbeitslosigkeit besteht. In einer weiteren Fallreihe wird die Situation der Arbeitslosigkeit als Freiraum zu einer auch sonst erwünschten beruflichen Umorientierung genutzt.
13.
Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt/M. 1986.
14.
Es muss jedoch daran erinnert werden, dass es immer wieder aggressive Kontrollverluste gibt, die sich zumeist gegen Vertreter der Arbeitsverwaltung richten. Unlängst ging der Fall des hoch intelligenten Arbeitslosen durch die Presse, der den Arbeitsamtsdirektor im Affekt erschlug. In der psychiatrischen Begutachtung wurde verwundert festgestellt, dass keine paranoid-psychotische Struktur vorlag. Vgl taz vom 14.8. 2001