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6.5.2003 | Von:
Joachim Schild

Europäisierung nationaler politischer Identitäten in Deutschland und Frankreich

Politische Eliten, Parteien, Bürger

III. Historische Voraussetzungen für eine Europäisierung nationaler Identitäten

1. Die externe Dimension

Die historischen Voraussetzungen für die Europäisierung nationaler Identität[5] sind in Frankreich und Deutschland sehr verschieden. Nach dem Zivilisationsbruch des nationalsozialistischen Terrorregimes und dessen Hegemonialkriegen stellte eine Staatsidentität in Gestalt eines nach innen und außen souveränen Nationalstaates für die bundesdeutschen Eliten - im Gegensatz zu den französischen - keine attraktive und zukunftsträchtige Option dar. Die Wiedereingliederung Westdeutschlands in das internationale Staatensystem und die zumindest teilweise Wiedergewinnung nationaler Souveränität war nach 1949 nur über eine feste multilaterale Eingliederung in die westliche Werte- und Sicherheitsgemeinschaft sowie über den Weg der Selbsteinbindung in die entstehenden westeuropäischen Integrationsstrukturen - Montanunion und Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) - denkbar. Erleichtert wurde diese Verankerung in europäisch-atlantischen Strukturen durch die jahrhundertealte föderale Tradition in Deutschland.

Eine "reflexartige" Präferenz für multilaterale Politikmuster[6] und eine seit Ende der fünfziger Jahre innenpolitisch weithin unstrittige und konstante Unterstützung der europäischen Integration wurden zu Markenzeichen deutscher Außen- und Europapolitik. Mit anderen Worten: Die Staatsidentität wurde grundlegend europäisiert. Das paradigmatische Leitbild westdeutscher Außen-, Europa- und Sicherheitspolitik war dasjenige der Integration.[7] Das nationale außenpolitische Rollenverständnis folgte dem Selbstbild einer Zivilmacht, die sehr zurückhaltend gegenüber dem Gebrauch militärischer Machtmittel bleibt, eine multilateral eingebettete Außenpolitik im Dienste der "Zivilisierung" - d.h. der Verregelung und Verrechtlichung - internationaler Beziehungen betreibt und außenpolitische Alleingänge meidet.[8]

In Frankreich hingegen behielt des Paradigma der nationalen Souveränität einen ungleich höheren Stellenwert. Die frühe Nationalstaatsbildung, die enge Verbindung zwischen Nationalstaats- und Demokratieentwicklung, das Fehlen eines mit Deutschland vergleichbaren historischen Bruches, die jakobinisch-zentralistische Tradition und die historische Rolle Charles de Gaulles und des Gaullismus begünstigten ein wesentlich stärkeres Festhalten an der Selbstdefinition als souveräner Nationalstaat im Verhältnis zur internationalen Umwelt und zu den europäischen Integrationsstrukturen. Das nationale Rollenverständnis in der Außen- und Sicherheitspolitik wurde als dasjenige einer "residual world power" beschrieben, charakterisiert durch das Selbstbild einer aktiven regionalen Führungsmacht mit weltpolitischen Ambitionen und weltweiter Präsenz.[9]

Dieses divergierende Rollenverständnis wiederum beeinflusste die Definition "nationaler" Interessen im Verhältnis zur internationalen und europäischen Umwelt: Während Frankreich nie Probleme damit hatte, nationale gegen europäische Interessen zu stellen, haben sich die Bundesregierungen in der Vergangenheit stets bemüht, "nationale Interessen" in einer Art und Weise zu definieren, dass sie kaum je in Konflikt zu "europäischen Interessen" geraten konnten.[10]

2. Die interne Dimension

Hinsichtlich der Voraussetzungen für eine europäische Transformation nationaler kollektiver Identität, d.h. der internen Dimension nationaler Identität, bietet sich ein weniger eindeutiges Bild. Gewiss haben die historischen Brüche in der deutschen Geschichte, die späte Einigung im 19. Jahrhundert und die 40-jährige staatliche Teilung im 20. Jahrhundert dazu beigetragen, dass eine "nationale" Identität in Deutschland sehr viel schwieriger zu definieren war als in Frankreich. Nach der NS-Zeit war diese in wichtigen Inhalten zutiefst diskreditiert. Die europäische Öffnung nach dem Krieg nahm häufig die Form einer bewussten Abgrenzung von der historisch schwer belasteten nationalen Identität an.

In Frankreich hingegen war es nicht nur aufgrund der kontinuierlicheren (Fort-)Entwicklung nationaler Identität - Fernand Braudel benutzt das Bild von Sedimentationsprozessen[11] - einfacher als in Deutschland, die eigene nationale Identität als entwicklungs- und zukunftsoffen zu begreifen.[12] Auch das für Frankreich charakteristische politische Verständnis als Bürgernation erleichterte tendenziell eine europäische Öffnung der eigenen nationalen Identität, ohne diese in Abgrenzung zu jener konstruieren zu müssen. Denn eine Nation, die auf dem bewussten Zugehörigkeitswillen ihrer "citoyens" gründet - und nicht allein auf einer ethnischen Abstammungsgemeinschaft, einer vorpolitischen Volkszugehörigkeit -, sollte hinsichtlich einer auf universalistischen Werten beruhenden europäischen politischen Kultur und Identität offen sein. So ist es in Frankreich prinzipiell möglich, eine europäische Identität als geweiteten Rahmen für die eigene nationale Identität, Geschichte und Kultur sowie für die Verwirklichung der eigenen republikanischen Werte zu begreifen.[13]

Dieser Weg war den Deutschen durch den Geschichts- und Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus versperrt: Für viele Franzosen war Europa die Verlängerung der eigenen Geschichte, für zahlreiche Deutsche dagegen die Lehre aus der eigenen Geschichte.[14] In Deutschland sind somit keineswegs generell günstigere Voraussetzungen für eine europäische Öffnung der nationalen kollektiven Identität gegeben als in Frankreich.


Fußnoten

5.
Im Folgenden wird auf Ergebnisse eines Forschungsprojekts zurückgegriffen, das von der ASKO EUROPA-STIFTUNG und der Robert Bosch Stiftung finanziell gefördert wurde: Michael Meimeth/Joachim Schild (Hrsg.), Die Zukunft von Nationalstaaten in der europäischen Integration. Deutsche und französische Perspektiven, Opladen 2002; vgl. dort insbesondere die beiden Beiträge des Verfassers: Europäisierte Nationalstaaten. Deutschland und Frankreich im europäischen Mehrebenensystem, S. 11 - 77, sowie Nationale und europäische Identitäten - komplementär oder unvereinbar? Orientierungen von Deutschen und Franzosen im europäischen Mehrebenensystem, S. 81 - 106.
6.
Vgl. Jeffrey J. Anderson, Hard Interest, Soft Power, and Germany's Changing Role in Europe, in: P. J. Katzenstein (Anm. 2), S. 85.
7.
Vgl. Axel Sauder, Souveränität und Integration. Französische und deutsche Konzeptionen europäischer Sicherheit nach dem Ende des Kalten Krieges, Baden-Baden 1995.
8.
Vgl. Hanns W. Maull, Zivilmacht Bundesrepublik Deutschland. Vierzehn Thesen für eine neue deutsche Außenpolitik, in: Europa Archiv, 47 (1992) 10, S. 269 - 278, sowie ders./Sebastian Harnisch (Hrsg.), Germany as Civilian Power? The Foreign Policy of the Berlin Republic, Manchester 2001.
9.
Vgl. Ulrich Krotz, National Role Conceptions and Foreign Policies. France and Germany Compared, (Harvard University, Program for the Study of Germany and Europe, Working Paper 02.1), Cambridge 2002, S. 10ff.
10.
Vgl. Gunther Hellmann, Deutschland in Europa: Eine symbiotische Beziehung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 48/2002, S. 24 - 31, hier S. 28.
11.
Vgl. Fernand Braudel, L'identité de la France, Bd. 1: Espace et Histoire, Paris 1986, S. 17.
12.
Vgl. Rudolf von Thadden, Aufbau nationaler Identität. Deutschland und Frankreich im Vergleich, in: Bernhard Giesen (Hrsg.), Nationale und kulturelle Identität. Studien zur Entwicklung des kollektiven Bewusstseins in der Neuzeit, Frankfurt/M. 1991, S. 494f.
13.
Vgl. Martin Marcussen u.a., Constructing Europe? The Evolution of French, British and German Nation State Identities, in: Journal of European Public Policy, 6 (1999) 4, S. 614 - 633.
14.
Vgl. Thomas Risse, A European Identity? Europeanization and the Evolution of Nation-State Identities, in: Maria Green Cowles u.a. (Hrsg.), Transforming Europe. Europeanization and Domestic Change, Ithaca-London 2001, S. 209.